Zwölf Zehner – Mai 2012

06.06.2012
Willkommen im Juni. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Mai musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Wer wenn nicht Chicago-Legende Robert Owens wäre besser dazu geignet, daran zu erinnern, dass House Music auf unity and harmony gebaut ist, dass die Musik grows, dass die Musik flows, und dass dein House mein House ist und mein House dein House ist. »Our House« eben. Seit Monaten begleitet uns dieser Anthem schon, den der niederländische Analogfetischist Orgue Electronique mustergültig auf den Jackin‘ Crooner Numero #1 maßgeschneidert hat, und der jetzt endlich im Rahmen der neuen OE-LP als Tonträger in den Läden steht. Nicht, dass es derzeit an rolandinfizierten Stücken mangle, »Our House« klingt dennoch wahrhaftig so, als sei es Larry Heards Juno-Baukasten anno 1986 entsprungen. Apropos 1986, da war doch was. Richtig. Bring Down The Walls war da. Jetzt, sechsundzwangig Jahre später und Robert Owens intoniert selbst den potenten und legtimen Nachfolger des wichtigsten Stücks seiner langen Discografie. Heute noch pulsiert die 707, die simple Juno-Bassline bleibt zweifelsohne noch in hundert Jahren unwiderstehlich und von galoppierenden Rimshots können wir ohnehin nicht genug bekommen.

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Sein ehemaliger Erzfeind und jetziger Duzfreund hat es vorgemacht, Nas zieht nach und das ohne die rosarote Brille, die der frisch gebackene Vater Shawn C. Carter auf Glory noch aufhatte. Nas, seines Zeichens alleinerziehender Vater einer Tochter im fortgeschrittenen Teeniealter, reflektiert auf »Daughters« höchst unpeinlich seinen Erziehungsstil, erzählt wenig erfreuliche Instagram-Anekdoten und gibt zu Protokoll, was wir eh schon alle wussten: When she date, we wait behind the door with the sawed off / Cause we think no one is good enough for our daughters. Ach ja: Beat kommt von No I.D. und ist wie üblich super.

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Kanyes G.O.O.D.-Posse borgt sich einen Jeep-Hit aus der Feder von Chief Keef und einem gewissen Young Chop, letzterer ist mit den vorgenommenen Beat-Updates nicht sonderlich d’accord und Chief Keef freut sich derweil vermutlich über 2 Millionen neue Twitter-Follower. Schon komisch, dieses Rap-Ding. Ach ja, im internen Schwanzvergleich schenken sich Pusha und Jada wenig bis nichts, Kanye erzählt uns etwas von Suge Knight, knutschenden Mädels, Dyke-Accessoires, Derrick Rose, vegetarischen Reisgerichten und weiblichen Geschlechtsorganen von ungewöhnlicher Tiefe und Big Sean ist irgendwie auch dabei. Diese Compilation wird so ein Riesenspaß, sag’ ich euch.

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Omar S & L'Renee
S.E.X. - The Remixes
FXHE • 2012 • ab 14.99€
Der einzige Grund, warum Omar-S im April hier nicht vertreten war, war ein schlechtes Gewissen unsererseits. Schon wieder Alex aus Detroit? Schon wieder hervorheben, dass außer ihm keiner so rotzig und instinktiv, so nonchalant und authentisch House-Musik produziert wie der leicht bipolare Ford-Fließbandarbeiter? Kein Sendungsbewusstsein à la Theo Parrish, kein Hang zur Überzeichnung Marke Moodymann, Omar-S ist Purismus par excellence, egal, ob er sich nun an großen Melodien, ungewaschenen Jack Trax, 8Bit-Geplucker, Hip Hop Beats oder, wie auf »S.E.X.« an grooveverliebtem Vocal-House straight outta 1994 versucht. Die Höhen sind wie immer einen Tacken zu hoch, die Chanteuse ist vermutlich entweder seine Cousine oder eine ehemalige KFC-Bedienstete, die Message ist Körpersaft und Tanquerey und wir fressen ihm trotzdem oder genau deswegen wieder aus der Hand.

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Protect-U
Motorbike
Planet Mu • 2012 • ab 3.19€
# Cubist House ist ja nun nicht unbedingt ein ernstzunehmender Genre-Tag, aber doch so hilfreich, wenn man die Ergüsse aus dem Future Times Umfeld charakterisieren muss. Eine Hälfte von Protect-U schmeißt gemeinsam mit Andrew Field-Pickering (aka Max D) das Tagesgeschäft des Labels, ist gleichzeitig aber auch selbst Urheber wirrer House-Not-House-Tracks, die in Bandkonstellation live umgesetzt werden und nun das erste Mal über ein fremdes Label (Planet Mu) erscheinen. Der Titeltrack der neuen EP ist ein seltsam synkopiert klingender Track, dessen gerade Bassdrum von ungestümen Offbeat-Claps und bedrohlich klingenden, im Ital-Stil leiernden Synth-Flächen zerschossen wird. Das sollte alles nach den herkömmlichen Regeln der Kunst überhaupt nicht funktionieren, aber gerade im Vergleich zu diesen ganzen stromlinienförmigen Retro-Tracks des Moments, ist »Motorbike« deswegen eine solche Wohltat.

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Cam’ron. Wimoweh. Instant Classic. »In The Jungle« ist einer dieser Dipset-Tracks, bei dem die unfassbar geile Debilität der Sample-Wahl eine noch größere Gefahr für vollgeprustete Computerbildschirme birgt als die – wie gewohnt – ebenfalls unfassbar geile Debilität der Lebensweisheiten eines Cam’ron Gilles. Wobei, der legt sich mit Perlen wie could be wrong but since 15 I been right oder 19 was mean, I mean I had 110 Nikes auch wieder ordentlich ins Zeug. Zum Schluss versucht es dann T.I. noch mit einem soliden Schenkelklopfer ( They say the world dog-eat-dog, huh? Well, where I’m from, we all eat dog, bruh ), aber da ist die Messe schon gelesen und Erwin fasst der Gabi am Lagerfeuer von hinten an die Schultern.

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George Fitzgerald
Child EP
Aus • 2012 • ab 7.99€
Wir haben keinen blassen Schimmer wie diese Anfangzwanziger aus London und Umgebung es immer wieder hinbekommen, dass es den Anschein macht, sie hätten dieses R&B-Ding in den Neunzigern nicht nur gehört, nein, als hätten das Ding auch wirklich gelebt. Korrekterweise müsste man relativieren und im vorangestellten Satz anstelle von R&B einen Platzhalter setzen, so scheuklappenfrei agieren diese Jungspunde unbekümmert auf jeglichen Schauplätzen. George Fitzgerald ist so einer. Mit 5 Jahren vermutlich zu Aaliyah die ganze Hilfiger-Palette gerockt und ein paar Jahre später – Speed Garage war in voller Munde – war der junge Schorsch gut möglich wieder dabei und hat das Ding: gelebt. Als hätte er nie was anderes gemacht, seziert er genuin ominöse R&B-Samples aus ihrem Kontext und produziert um sie herum dynamische UK-Banger, die ihre Einflüsse gleichermaßen bei Timbaland, den Masters At Work oder Artful Dodger beziehen. Man muss ihn einfach gern haben.

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Im Grunde ist »Nightmares and Migraines« die Quintessenz dessen, was Jadakiss war, ist und vermutlich immer bleiben wird: ein vor Talent, Charisma und Flow berstender Punchline-Automat, der 32er schneller geschrieben hat als andere ihren Einkaufszettel. Zwei Minuten Muskelspiel, eine Hook, die diesen Namen eigentlich kaum verdient hätte – fuck Songstrukturen, Jadakiss ist das rappende Äquivalent eines Straßenfußballers, der sich immer wieder versucht taktisch zurückzuhalten und das zu machen, was gefordert wird und am Ende dann doch nur wirklich gut ist, wenn er einen Persilschein ausgestellt bekommt. Kein Wunder also, dass Jada in den letzten Jahren fast nur noch Mixtapes aufnimmt, jenes Format also, in dem er sich über Vorgaben von oben kaum Gedanken machen muss. Die sind dann selbstverständlich meist zu fahrig, aber so lange man ihm den Spaß am Spiel noch so anhört wie auf »Nightmares And Migraines« darf er gerne den Inzaghi machen und noch bis ins Rentenalter für Schnappatmung bei Freund und Feind sorgen.

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Oh No
3 Dollars Feat. MF Doom
Five Day Weekend • 2012 • ab 12.99€
DOOM zollt der 2006 verstorbenen Blaxlotation- und Comedy-Legende Rudy Ray Moore auf einem bosshaft alles zerberstenden Sechzehner Tribut. Ganze »3 Dollar« kostet der Eintritt zum Cat Fight Comedy Club, in dem das Metallgesicht unufgeregt Amok läuft und beiläufig den Habitus versprüht, sich über den fehlenden Speck im Clubbüffet zu beschweren. Vierzig Sekunden Wahnsinn, auf denen der DOOM – untermalt von einem typischen Oh No Drumgewitter – die ganze Palette seines unerreichten Repetoires zum Besten gibt: Schurkenattitüde, Nahrungsmetaphorik, Science-Fiction-Sentiment. Madlibs kleiner Bruder kann sich zwar nicht ganz von dem Verdacht freisprechen, dessen Sampleästhetik hier vollständig zu adaptieren. Geschieht das allerdings derart fokussiert wie in diesen aberwitzigen anderthalb Minuten, darf er unseretwegen den Releasetermin von Madvillain 2 in Eigenregie nach vorne treiben.

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Wenn uns nicht alles irrt, ist »Trap On Acid« eine Coverversion von »Pop On Acid« aus dem Hause Afro-Jacks, der sich mit Kompagnon Skrillex ein Fernduell um die unsäglichste Person der weltweiten Popszene liefert. We couldn‘t care less. Wenn sich aber jemand wie Shlohmo-Busenfreund RL Grime an so einem Stück vergeht, horcht man gewissermaßen auf und frönt den Ergebnissen. So wandelt RL Grime das inhaltslose Poperzeugnissen (mit einer zugegebenermaßen fesselnden Acidsynth) zu einem fulminanten 808-Trip mit stakkatoschlagenden Snares, die die entkernt strotzende und immer mächtiger werdende 303-Bassline in Form pressen.

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