Wie der Österreicher Gerhard Heinz der Musik seinen Stempel aufdrückte

03.03.2022
Er lehrte Milva und Peter Kraus das Singen, schrieb Songs für Softpornos und fuhr mit einem Welthit zum Eurovision Song Contest. Gerhard Heinz blickt auf ein 94-jähriges Leben zurück – vom Krieg über den Jazz zum Professor für Library Music

»Können’S mich sehen?«, knistert es aus dem Smartphone. Das Display bleibt schwarz. »Ah, da muss ich drücken.« Das Gesicht von Gerhard Heinz erscheint. »Wissen’S, ich hab ein Apple und ein Android, da komm ich manchmal durcheinander.« Am anderen Ende des Video-Calls lächelt eine 94-jährige Legende in die Kamera. In ihrem Rücken zwei goldene Schallplatten, daneben ein Regal mit so vielen Masterbändern wie sie Geschichten erzählen kann. Gerhard Heinz spielte für die Besatzungsmächte, brachte Peter Kraus das Singen bei, fuhr für Polydor zu Milva nach Italien und vertonte zwischen Ende der 1960er und Anfang der 1980er Jahre über 130 Spielfilme zwischen Schlager, Sexskandal und Supernasen. Außerdem bohrten sich seine Melodien in die Fernsehohren der Österreicher•innen. Ob Salzstangen oder Stöckelschuhe, Gerhard Heinz »spuckte eine Melodie nach der anderen vom Kopf in die Finger und von dort auf das Blatt.«

Seine Geschichte beginnt 1927 in Wien. Heinz wächst behütet auf, eine erste prägende Erinnerungen ist der Brand der Prater Rotunde – zur damaligen Zeit der größte Kuppelbau der Welt. Auf Wunsch seiner Eltern lernt er Klavier. Sein Lehrer bescheinigt ihm Talent. »Aber der war schlecht«, sagt der Komponist und grinst. Er kommt auf die Musikschule, versucht sich an der Klarinette und kommt mit seinem Kollegen an der Knöpferlharmonika zum ersten Auftritt. »Das war 1941 und eine Veranstaltung mit dem Namen ›Kraft durch Freude‹ – eine NS-Organistation, die die Leute lustig machen sollte«, so Heinz. »Wir spielten am Xylophon den ›Zirkus-Renz-Galopp‹, danach probierte ich solo den ›Klarinettenmuckl‹. Das war für meine damaligen Kenntnisse die Spitze des Könnens.«

»Die Hammond-Orgel hat mein Leben verändert.«

Gerhard Heinz

Mit 16 Jahren endet die Musikkarriere abrupt. »In der Schule hieß es, bringt’s morgen ein Gepäck mit, ihr kommt’s alle zu den Luftwaffenhelfern.« Gerhard Heinz muss 1943 einrücken, bekommt eine Hakenkreuzbinde um den Oberarm und landet nach einer kurzen militärischen Ausbildung in einer Flak-Batterie. »Für mich als technikinteressierten Jugendlichen war die Arbeit spannend. Man führte gerade die ersten deutschen Radargeräte ein. Allerdings warfen die Feindverbände Düppel, so etwas ähnliches wie Lametta, ab, um die Ortung zu verhindern.« Heinz wird auf das Gelände des heutigen Wiener Flughafens verlegt. »Dort sahen wir die neuen Kampfflugzeuge der Wehrmacht. Es hieß, damit würden wir den Krieg sicher gewinnen.«

Am 24. Dezember 1944 – kurz nach Beginn des letzten Großangriffs der Deutschen – wird Heinz zur Luftwaffe einberufen. »Wir haben uns als Reserveoffiziersbewerber gemeldet, weil wir gehört hatten, dass man als solcher erst ausgebildet wird, bevor es an die Front geht. Daraufhin kamen wir nach Rerik an der Ostseeküste, während der Krieg immer näher rückte.« Gerhard Heinz spricht in langsamen Sätzen, die dem Gesagten noch mehr Gewicht verleihen. »Gott sei Dank wurden wir im Westen eingesetzt, sonst wär ich heute nicht mehr am Leben.« Am östlichen Mainufer fahren zu dieser Zeit bereits die Jeeps der Amerikaner. »Im Zuge unserer Kapitulation hörte ich erstmals wieder den Begriff ›Österreicher‹. Man wollte erklären, dass wir keine bösen Deutschen, sondern gute Österreicher sind.«

Heinz gerät in Kriegsgefangenschaft. Zuerst auf einem eingezäunten Feld in der »französischen Wüste«, später in einem sogenannten Durchgangslager, dann in Marseille. »Auf dem Flachdach des Piers konnte man sich sonnen und hatte einen wunderbaren Blick auf den Hafen der Stadt. Das war wie Urlaub«, sagt er heute. Im Sommer 1945 ist der Zweite Weltkrieg vorbei. Heinz kommt zurück nach Österreich. Weihnachten verbringt er in einem ehemaligen SS-Lager in Linz – »daran kann ich mich erinnern, weil wir mit ein bisserl Mehl und Wasser auf einem Kanonenofen Weihnachtsgebäck gemacht haben« – und schafft es im Frühjahr 1946 zurück nach Wien.

»Nach der Ankunft musste ich zur Entlausung, dann kam schon meine Mutter: ›Die haben schon gefragt, wann du wieder kommst, weil sie eine Band aufmachen wollen‹.« Mit »die« sei eine wilde Party in der Mensa der Medizinischen Universität gemeint gewesen. »Aber fragen’S mich nicht, wer da alles dabei war«, so Heinz. »Ich tauchte dort mit meiner Klarinette auf. Ich war unfassbar müde. Dann gab es ein belegtes Brot – man muss sich vorstellen, das war in Wien zu dieser Zeit fast undenkbar, weil es außer der getrockneten Erbsen der Russen und ein bisserl Speck kaum etwas zu essen gab – und es wurde ein Viertel Wein eingeschenkt. Durstig wie ich war, hab ich es hinuntergeschüttet. Plötzlich war ich nicht mehr müde und hatte die Erkenntnis: Trinken musst, dann bleibst wach!«

Tanzorchester Gerhard Heinz

Die wilde Partie organisiert sich danach als Band. Franz Pressler, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Fatty George nennt, wird zur Drehscheibe. Man spielt für Russen und Amerikaner, Engländer und Franzosen, tritt in Salzburg, Linz und im Wiener Volksgarten auf. »Wir waren gut verpflegt zu einer Zeit, in der das Gros der Bevölkerung hungern musste«, sagt Heinz. »Schließlich gaben die Leute, die noch etwas hatten, ihr Geld nur für Unterhaltung aus.«

Gerhard Heinz steigt zum Profi auf. Er spielt fast jeden Abend, bis 1950 Horst Winter an ihn herantritt. Der deutsche Musiker hat gute Kontakte in die Musikwelt, will ein Tanzorchester gründen. Und er zahlt gut. »Man muss sich vorstellen: Ein studierter Diplomingenieur verdiente 600 Schilling, ein Fabriksdirektor bekam 800. Geboten hat man uns aber 1000 Schilling«, so Heinz. Daraufhin bricht er sein Elektrotechnik-Studium ab und tourt die nächsten Jahre in den Konzertsälen von München, Köln und Hamburg. An einen Abend am Mönchsberg in Salzburg erinnert sich Gerhard Heinz besonders gut. »Ich sollte ein neues Instrument aus einer Kiste auspacken, das der Winter aus Italien beschafft hat.« Darin: eine Hammondorgel.

»Das Instrument hat mein Leben verändert«, schwärmt Heinz über 70 Jahre später. Die Orgel sei sehr technisch gewesen – zwei Manuale, viele Pedale, noch mehr Register – und 50 Kilo schwer. Als sich das Tanzorchester 1954 auflöst, kauft Heinz das Instrument von Winter ab. Er ist einer der wenigen in Österreich, die das Gerät besitzen. »Damit bekam ich meine ersten Engagements in der Werbung. Und es wurden immer mehr, denn die Produzenten kamen drauf, dass sie mit mir nur einen zahlen mussten, anstatt ein ganzes Orchester für einen Werbespot zu buchen.«

Gerhard Heinz: »Peter Kraus war ein Schlimmer. Der konnte zwar gut vortragen, aber nicht singen.«

Heinz geht bald in Werbeaufträgen unter. Gleichzeitig engagiert ihn das Musiklabel Polydor als Coach für die Solist*innen. »Peter Kraus war ein Schlimmer. Der konnte zwar gut vortragen, aber nicht singen. Manchmal brauchten wir 24 Schnitte, bis sein Part saß«, ärgert sich Heinz. Der beste sei Freddy Quinn gewesen. »Er wollte immer mehrere Aufnahmen machen. Die erste war trotzdem immer die Beste.« Seine Augen glitzern, wenn er von den Besuchen bei Milva in Mailand erzählt. Mit ihr habe er genauso Stücke vorbereitet wie mit Domenico Modugno, dem 1958 mit »Volare« ein Welthit gelang. »Der hatte eine wunderschöne Villa in der Via Appia Antica, mit einer Sitzgarnitur zum Hineinschmeißen – toll!«

Trotz aller Engagements und den Reisen muss Heinz’ Wunsch, einen Spielfilm zu vertonen, vorerst warten. Das ändert sich im Urlaub 1961. »Ich war am Attersee, als plötzlich zwei Gestalten aus dem Wasser steigen – in voller Montur, mit Pressluftflaschen am Rücken!« Damals ein Spektakel spricht Heinz die Männer an. Beide würden gerade einen Film in Wien drehen, aber noch jemanden für die Filmmusik suchen. »Ich stellte mich als Komponist vor. Keine drei Sätze später hatte ich ein Engagement für ›Unterwasser küßt man nicht‹.«

»Peter Kraus war ein Schlimmer. Der konnte zwar gut vortragen, aber nicht singen.«

Gerhard Heinz

Mitte der Sechziger gründet Gerhard Heinz sein eigenes Studio, das er erst in den späten neunziger Jahren verkaufen sollte. Komponiert wird, was Geld bringt. Werbemelodien für Schulstifte und Stöckelschuhe, Fernsehjingles fürs Kasperletheater. Und Filmmusiken. Zwischen 1968 und 1984 vertont Heinz in jedem Jahr nie weniger als drei Filme. Für Regisseure wie Kurt Nachmann und Produzenten wie den kürzlich verstorbenen Karl Spiehs. »Das Hirn hat rotiert, ich war nie um Einfälle verlegen«, so Heinz. »Nur eine Sache konnte ich nie: Texten!«

Dass er es trotzdem ausprobierte, ist einem Berufsschreiber zu verdanken, der sich zu spät nach Wien verirrte. »In der Zwischenzeit war ich schon dran und schrieb über die Alm und die Dirndln, weil sexy, das musste es immer sein!« Eine Offenbarung sei es gewesen, als er gemerkt hat, dass er es könne. »Davor musste ich die Hälfte der Tantiemen mit dem Texter teilen, obwohl ich die meiste Arbeit hatte. Also textete ich weiter. Auf Englisch, weil die Leut’ das eh nicht verstanden haben.«

Reviews zum Künstler

Auf einer Autofahrt in Wien sei ihm später »My Little World« eingefallen – der Song-Contest-Beitrag von Österreich, mit dem Waterloo & Robinson 1976 auf dem fünften Platz landen. Die Single verkauft sich über eine Million Mal. »Ein Wahnsinn«, sagt Heinz. »Auch in der Kasse.« Dabei habe er immer alles investiert. Aufnahmemaschinen, Harddisks, Apparate so groß wie eine Pizzaschachtel rollten ins Studio. Auf einem entdeckte er das Apple-Logo. »Also kaufte ich einige Aktien. Die hab ich heute noch.«

Gerhard Heinz, der in diesem Jahr seinen 95. Geburtstag feiert, blickt zufrieden auf sein Leben zurück. Er habe nichts versäumt, nur selten etwas falsch gemacht. Mittlerweile hat er nicht nur sein linkes Kniegelenk ausgetauscht, sondern auch manche Vinyl-Platten. Dass einige seiner Kompositionen auf Liebhaber*innen-Labels wie Vagienna neu erschienen sind, freut ihn umso mehr. »Dann rotiert mein Hirn nämlich weiter.«