Hauschka – Live am 21.3. im Radialsytem V in Berlin

25.03.2014
Foto:Patrick Cavaleiro / © hhv.de mag
Der wegweisende Komponist John Cage hatte einst die Idee des präparierten Pianos. Hauschka hat diese adaptiert und für die moderne Musik nutzbar gemacht. Am Freitagabend konnte man im Radialsystem V in Berlin Livemusik neu erfahren.

Wenn die Grenzen des Möglichen erreicht sind, muss man sie niederreißen und neue setzen. Nun war auf dem Klavier so ziemlich alles gesagt, bis 1940 John Cage konkret das umsetzte, was vor ihm schon andere probiert hatten: die Verfremdung des Klangbildes des Pianos durch die Hinzugabe externer Komponenten. Auf dessen Pfaden wandelt seit Jahren Volker Bertelmann, Pianist aus Düsseldorf, der sich als Hauschka in den vergangenen Jahren zurecht einen Namen erspielt hat und seine Konzerte regelmäßig ausverkauft. Auch zum Record Release Konzert von seinem neuem Werk »Abandoned City« waren selbstverständlich alle Plätze im Saal belegt. Die Bühne wurde derweil von einem Flügel und zwei weiteren Klavieren besetzt gehalten. Vom Flügeldeckel hingen Haarbüschel und Metallketten, aus dem Inneren des Instruments lugten Holzstäbe und neben dem Hocker waren ein Mischpult und einige weitere elektronische Apparaturen zu erkennen. Der Logik eines Record Release Konzertes folgend, bekam man größtenteils die neuen Kompositionen aus »Abandoned City« zu hören, sowie Erläuterungen dazu. Doch nach dem ersten Stück bat Hauschka einen Gehilfen, ihm ein Aufladekabel für sein Tablet zu bringen, da sonst das Konzert nicht fortgesetzt werden könne. Der Hintergrund: die zwei erwähnten Klaviere – ebenfalls präpariert – waren Pianolas, die er faszinierenderweise mit dem Tablet ansteuerte und die ihm aushalfen bei der Umsetzung seiner Musik. Mal gaben sie die Melodie vor und Hauschka klimperte fremdartige Beats auf seine Klaviatur, mal gaben sie die Bassline vor und der Pianist spielte die Melodie. Wie im Flug verging die Zeit, während man Hauschka bei der Arbeit zuschaute, bevor sich ein Ende durch die »Säuberung«, wie er es selbst nannte, auftat: exzentrisch schmiss er alles aus dem Korpus des Flügels, was er vorher hineingelegt hatte: Hölzer, Egg shaker, eine billige Christbaumkugel aus Plastik, Folienfetzen, ein kleines Becken, einen Schellenkranz und noch mehr flogen auf die Bühne, während er spielte, bis sein Instrument klang, wie man es kennt. Doch zur Zugabe nahm er noch eine Tüte zur Hand, dessen Inhalt er auf die Saiten des Flügels schüttete: Tischtennisbälle. Somit wurde das Encore zum amüsanten optischen Erlebnis, da bei heftigem Tastenanschlag die Kugeln aus dem Flügel in den Raum schossen und so die Performance noch um eine verspielte Nuance erweitert wurde. Ungläubig versammelten sich wie selbstverständlich nach dem Konzert interessierte Zuschauer um den Flügel Hauschkas, in der Hoffnung begreifen zu können, was da gerade passiert war. Neue Grenzen waren gezogen worden.