Homeboy Sandman – Raus aus der Komfortzone

13.04.2012
Foto:Stones Throw
Er nennt sich selbst einen Vokalisten auf der Suche nach immer neuen Rhythmen, Wortspielen und Stimmungen. Stones Throw findet, dass ihm das ganz gut gelingt und hat ihn gesignt. Wir stellen euch den New Yorker vor.

Der Erste zu sein, das ist Homeboy Sandman wichtig, der Erste mit einem eigenen Style, Flow oder Rapthema. Hauptsache neu. Bloß nicht zu viel künstlerischer Komfort durch einen geradlinigen Stil. Dafür lässt er gerne auch mal ganze Hooks weg und macht aus Rapsongs Selbstgespräche oder minutenlange moralische Monologe. Glücklicherweise immer mit größter rhythmischer und reimtechnischer Finesse auf erstklassigen Beats von Leuten wie Oh No, Exile, R.Thentic, Paul White und Jonwayne. Weghören fällt bei Homeboy Sandman anfangs genauso schwer wie Hinhören.
Doch wenn man sich einmal durch das Wortspiel-Dickicht und die unkonventionellen Songstrukturen gekämpft hat, stellt sich Eingängigkeit ein und man versteht den Sandmann, der die Träume bringt, etwas besser. Homeboy Sandman ist nämlich selbst ein Träumer und will die Hörer zum Mitdenken animieren, ihnen Hoffnung machen. In seinen Träumen ist zum Beispiel »Black Music« keine »Anti Black Music« mehr. Das soll heißen, es geht nicht mehr um »killin‘ niggas, fuckin‘ bitches and sellin drugs«. Alleine der Gedanke an so eine Musik bringt den New Yorker Rapper auf die Palme. Seiner Meinung nach sollten die Hörer sich nicht von der »garbage nonsens media« verarschen lassen. Farbige und arme Menschen würden gegeneinander ausgespielt und sich mit künstlich geschürtem Rassismus gegenseitig die Schädel einschlagen. Die HipHop-Hörer sollten aufhören, sich vorschreiben zu lassen, was sie gut zu finden haben. Sie sollten sich eine eigene Meinung bilden und von sich aus wieder bessere Musik fordern, so sein Ansatz.

Was klingt wie die typische Verbitterung erfolgsarmer Backpack-Rapper, ist für Homeboy Sandman Motivation selbst vorzulegen. Er vergleicht seinen Rap mit einem für den Hochleistungssport trainierten Muskel: »Ich mache seit fünf Jahren nichts anderes als rappen. Ich freestyle, schreibe, nehme auf, jeden Tag. Mittlerweile mache ich mir keine Gedanken mehr über meine Musik. Es passiert einfach, es fliegt mir einfach zu. Ich bewege mich ganz zwanglos durch die Melodien und Styles. Ich muss einfach nur ehrlich sein und die Wörter fügen sich. Die Aura und das Gefühl entstehen von alleine.«

»Mittlerweile mache ich mir keine Gedanken mehr über meine Musik. Es passiert einfach, es fliegt mir einfach zu.« (Homeboy Sandman*)

Homeboy Sandman ist begeistert von seiner Situation und fühlt sich gewappnet für eine größere Hörerschaft. Der Rapper, der sich selbst in der HipHop-Tradition irgendwo zwischen DJ Premier, J-Live, Stevie Wonder und Billie Joel (natürlich…) verortet, weiß nicht, wo seine Kreativität ihn hinführt, aber er empfindet jeden Meter dieses Weges als Geschenk. Und er wird ihn noch ein Weilchen gehen, denn _»man kann aus allem Hip Hop machen, man muss nur darüber reimen«. Und es klingt fast so, als hätte er sich genau das, jetzt schon, fest vorgenommen, nur um mit Erwartungen zu brechen, die noch gar keiner haben kann.
Mit seinen Stones Throw-Releases konnte Homeboy Sandman sich auf jeden Fall wieder selbst überraschen. In solchen Momenten ist er froh, sein Jurastudium geschmissen zu haben und nur noch für die Musik zu leben. Jedes Mal, wenn er einen gesellschaftlichen Zusammenhang besser versteht, jedes Mal, wenn ihn ein Beat zu einer neuen sprachlichen Ausdrucksform treibt, und jedes Mal, wenn ein Hörer aufgrund seiner Musik anfängt, über gesellschaftliche Konstrukte wie Rassismus und Klasse nachzudenken, dann ist Homeboy Sandman glücklich, das reicht ihm. Er hat bewusst auch die Komfortzone der gesellschaftlichen Anerkennung und des sicheren Geldes als Anwalt verlassen. Ein altes T-Shirt beim Videodreh? Verschlafenes Webcam-Interview im Unterhemd? All das spielt keine Rolle. Was zählt, ist die Musik.