Jahresrückblick 2017 – Top 50 Albums

01.12.2017
Die musikalischen Statements wurden dieses Jahr nicht mit Ausrufezeichen gemacht. Sondern mit Kommata und Gedankenstrichen. Kaum große Mäuler, aber viel dahinter. Wenig Hits, viel Musik.
Es war ein komisches Jahr. Grund für Veränderungen hätte es genug gegeben. Aber er blieb einfach aus: der Gamechanger. Alles siechte irgendwie einfach weiter vor sich hin, was in den Jahren zuvor verfault war. Weder die atomare Apokalypse noch das vielumjubelte Comeback Jesu gingen down.

Und musikalisch? Ähnlich. Beyoncé war letztes Jahr von Kanye nichts Neues, und Kendrick Lamar hat gemessen am Vorgänger mit »Damn« schon fast ein normales Album gemacht. Als würden alle erstmal abwarten, die Schultern angezogen, ob nun der harte Regen fällt oder sich die Wolken doch noch auflösen.

Außer Future und Migos die richten sich nach keiner Wettervorhersage. Ihre Alben sind die dicken farbigen Ausrufezeichen unter Releases, die ihre Perspektiven in subtilen Halbsätzen finden. Ob es deswegen eines der viel beschrieenen schwachen Jahre war, was Neuerscheinungen betrifft? Im Gegenteil. Man musste nur etwas genauer und länger zuhören. Kaum ein Album, das einen beim Eintreten in der Flur angesprungen hätte wie ein läufiger Hund – stattdessen Knistern, Stimmen, Merkwürdiges im Zimmer am Ende des Ganges.

Weniger Hits, mehr Musik. Solche, die mit ihrer Entdeckung nicht gleich erobert ist. Davon haben wir 2017 eine Menge.


Aldous Harding
Party
4AD • 2017 • ab 25.99€
Get ready with confetti! Hier kommt das Festival der miesen Laune, nur echt produziert von John Parish (P! J! Harvey!). »Party« ist eine Erwartungserfüllungsplatte – auf ihr ist zu hören, was auf jede Mittzwanzigersause gehört: gestohlene Herzen, gebrochene Herzen, aber »hey!«. Und Gitarren. Ergiebigere Frage: Was gibt’s zu sehen? Live geht’s bei der Neuseeländerin nämlich »La Boum«-mäßig ab. Wie beißend der Humor ihrer Textzeilen ist, checkt erst, wer die dazugehörigen Gesichtsentgleisungen erlebt hat – Aldous Harding ist nicht nur eine Grande Chanteuse, sie ist auch Oleg Popow. Am Ende von »Party« heult man vor lachen. Was soll ein Album mehr? Jennifer Beck

Art Feynman
Blast Off Through The Wicker
Western Vinyl • 2017 • ab 21.99€
»Blast Off Through The Wicker« ist kein Album, es ist eine Synkope verteilt auf zehn Lieder, die keine Lieder sind, sondern Oberflächen. Sie klingen, als hätte der Ostküstenmann sie an der Westküste aus Sand gebaut. Tatsächlich hat Art Feynman sie genau dort auf einem Vierspurrekorder aufgenommen – für die feine Körnung. »Blast Off Through The Wicker« ist eine Schütt- und Kippplatte wie man sie Arthur Russell post mortem ins Discogs-Profil schreiben möchte. Oder in Feynmans Worten: »Eternity in Pictures«. Jennifer Beck

Awa Poulo
Poulo Warali
Awesome Tapes From Africa • 2017 • ab 22.99€
In Mali herrscht Krieg. Islamisten und Tuareg-Rebellen kämpfen seit 2012 im Norden des Landes um Einfluss und Macht. Offiziell gilt ein Friedensabkommen, das 11.000 Soldaten aus 50 Nationen im Rahmen einer UN-Mission einzuhalten versucht sind. Nicht immer mit Erfolg. Ein gefährlicher Einsatz. Im Südwesten des Landes leben die Peulh. Einst ein Nomadenvolk wie die Tuareg, die an der Grenze zu Mauretanien und zum Senegal sesshaft geworden sind. Die Peulh verstehend sich heute als Nachfahren mekkanischer Araber, die den Propheten Mohammad begleiteten. Ein Selbstverständnis, die den Einfluss des Islam auf die Bevölkerungsgruppe zeigt und das im Gegensatz zum ursprünglich polytheistischen Glaubens der Peulh steht. Dieser Einfluss macht es auch ganz und gar nicht selbstverständlich, dass eine Sängerin unter den Peulh öffentlich auftreten darf. Awa Poulo darf. Die Bekanntheit ihrer Zweitmutter Inna Baba Coulibaly, einer gefeierten Sängerin des Landes, macht es möglich. Und Awesome Tapes Of Africa, das Label des Kulturethnologen Brian Shimkowitz, macht »Polou Warali« weltweit verfügbar. Das ist ein Glück, denn diese Musik lebt von ihrer Ursprünglichkeit und ist dabei erstaunlich wenig folkloristisch. Und es ist natürlich die allerbeste Möglichkeit, Menschen für diesen schlecht ausgeleuchteten Winkel der Welt zu interessieren. Sebastian Hinz

Awanto 3
Gargamel
Dekmantel • 2017 • ab 18.99€
Was viele nicht wissen, die nicht mit einem Kind gesegnet sind, das soeben das Einmaleins erlernt, ist: 2017 war auch das Jahr der Schlümpfe. Musikalisch wurde das in erster Linie begleitet von Dancetracks mit schhlumpfigen Texten wie »Alle gehen steil, / doch ich kann nicht tanzen, weil / du stehst auf meinem Fuß, aua, / stehst auf meinem Fuß« Doch ausgerechnet aus dem Entstehungsland der Schlümpfe, gemeint ist Belgien, hat Awanto 3 mit »Gargamel« ein thematisch passendes Album vorgelegt, das klingt, als wäre es aus der Zeit geholt, als die blauen Gesellen noch zweidimensional über die Fernsehbildschirme trollten (1981-1989) und das sich ohne jegliche Peinlichkeit durchhören lässt. Sebastian Hinz

Call Super
Arpo
Houndstooth • 2017 • ab 24.99€
Große Dinge müssen sich nicht zwangsläufig mit donnerndem Rumms ankündigen. Und Neues braucht nicht immer wie das völlig Andere zu klingen – es reichen ein paar unauffällig durchgeschüttelte Patterns, ein gutes Gespür dafür, wie sich Töne luftig setzen lassen, ohne dass es nach Ideenleere klingt, und der richtige Sinne für Unerwartetes. Call Super hat das mit seinem zweiten Album »Arpo« ziemlich perfekt hinbekommen. Man weiß hinterher kaum noch, was sich da im Einzelnen zugetragen hat. Dafür bleibt das sichere Gefühl, dass es gut war. Tim Caspar Boheme

Claro Intelecto
Exhilarator
Delsin • 2017 • ab 24.99€
Gut sechs Jahre hatte sich Mark Stewart damals Zeit gelassen, um einen Track namens »Peace Of Mind« zu veröffentlichen, der in den letzten 14 Jahren nicht an Magie verloren hat. Für sein neues Album »Exhilarator« hat der Brite nun wieder stolze fünf Jahre gebraucht. Das Ergebnis zeigt Claro Intelecto in überwältigender Topform: Stewart verbrät im Minutentakt mehr Ideen als manch andere Techno-Acts pro Karriere. Was eben dabei rauskommt, wenn Missy Elliott und Aphex Twin zugleich als Inspirationsquelle dienen. Keineswegs subtil, dafür umso sublimer. Die nächste darf ruhig etwas früher kommen. Kristoffer Cornils

Chastity Belt
I Used To Spend So Much Time Alone Colored Vinyl Edition
Hardly Art • 2017 • ab 17.99€
Scheiß auf Musik, endlich eine Band mit geilen Fotos! Zwei Alben lang waren Chastity Belt aus Walla Walla, Washington ihr eigenes Instagram-Abziehbild – auf »I Used To Spend So Much Time Alone« bricht nun der Ernst des Lebens an: Montagmorgen, Full-Time-Job. Das Geile: Nach fünf Gitarrenriffs ist schon wieder Freitagabend und es wird geflucht, gerülpst und gezweifelt wie immer. Warum das Chaos plötzlich trotzdem überschaubarer klingt? Weil Chastity Belt zumindest eine Sache gelernt haben: Wie man sich an Taktstriche hält. Jennifer Beck

Crème De Hassan
Technique & Rite
Inversions • 2017 • ab 16.99€
»Lieber das Gurgeln eines Kamels als die Gebete eines Fisches« lautet ein altes ägyptisches Sprichwort. (Denkpause.) Wäre auch ein schönes Motto für »Technique & Rite«, dem Debüt von [Crème de Hassan](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5273/creme-de-hassan,) gewesen. So rein musikalisch gesehen. Paul LaBrecque und Ghazi Barakat aus New York City wenden sich darin vom nichtssagenden Geblubber in ihrem Heimatland ab und der Welt zu. Und die ist divers. Ihre Probleme hausgemacht. Ein Track heißt »Passport To Eternity«. Worum geht’s? Freiheitliche Hoffnung? Religiöser Wahn? Visionäre Science-fiction Die Antwort: alles zugleich. Das letzte Stück heißt »Abadan«, wie die Stadt im Iran. Es dauert nur 15 Sekunden. Wir hören erst den kulturellen Reichtum dieser Gegend, das Erbe, den Trubel. Plötzlich ist die Melodie weg, die Ornamente, der Schmuck, und es bleiben die Trommeln, kriegerisch und kompromisslos: 600 Panzer, 20.000 Soldaten, eine zerstörte Stadt. Hach und Ach. Ein fantastisches Album: So kaputt wie die Nase der Großen Sphinx von Gizeh. So im Arsch wie die Welt da draußen. Sebastian Hinz

Equiknoxx
Colon Man
DDS • 2017 • ab 23.99€
Endlich mal Dancehall ohne die dicken Eier. Keine Sorge: Der bedreadlockte Sozialpädagogikerstsemester Johannes (»Jojo«) wird dafür nicht aus eurer WG-Butze kriechen, um mit dir zum Sound von Equiknoxx eine Runde Hacky Sack aufzunötigen. Was ein echter »Colón Man« ist, bläst sich stattdessen vorm Falafelmannbesuch eine Line DMT in jede Körperöffnung und geht dann in den Außenbezirken der gesichtslosen Metropole raven. Die härtesten, saucoolsten und unheimlichsten Riddims der Saison kommen anno 2017 also immer noch aus Jamaika: Die Welt ist also noch in Ordnung. Peace out. Kristoffer Cornils

Ex Eye
Ex Eye
Relapse • 2017 • ab 22.99€
Zwischen dem mikrotonalen Black Metal von Jute Gyte und den Hackbrett-Öko-Operetten Botanists stand in diesem Jahr eins fest: 2017 hatte in Sachen Extreme Metal mit schwarzen Einkerbungen viel zu bieten. Mit Ex EyeColin Stetson Greg Fox Toby Summerfield von The Body und Shahzad Ismaily – kündigte sich eine Elefantenhochzeit an, die mit ihrem Debüt »Ex Eye« das Game entweder von hinten aufrollen würde oder an der versammelten Prominenz zu scheitern drohte. Ratet mal, was davon eingetreten ist. Genau. Kristoffer Cornils

Felicia Atkinson
Hand In Hand
Shelter Press • 2017 • ab 26.99€
Wieder ein Jahr, in dem alle schrien. Und da kam im Mai Felicia Atkinson und bewies ohne zu argumentieren, dass auch in der Stille Bewegung liegt. Ihr »Hands In Hands« war das vielleicht filigranste Album des Jahres, mit den geflüsterten Worten und den Synthies, deren Linien so klar sind und funkel, wie eine geleerte Weinkaraffe an einem Abend in der Bretagne, nachdem sich der Sturm gelegt hat. Pathetisch? Ja. Zum Glück, das Gegenteil, ordinäre Flachwitze, dumme Schenkelklopfer und es sich sehr einfach machende Ironie gab es dieses Jahr schließlich zu genüge. Philipp Kunze

Future
Future
• 2017 • ab 19.99€
»Mask Off« war im April in erster Linie ein Beat. Der Beat des Jahres. Das dranhängende x-te Future-Album eher ein gentle reminder für den selbstgerechten Mitteleuropäer, dass die Amis manche Sachen doch noch richtig machen. Seit Lil Peep ist »Mask Off« zum Thinkpiece über die Wechselwirkung von Amphetaminen und Opioiden geworden, die chartverbriefte Einsicht, dass man das alles schon wusste, aber so lange die Verpackung stimmte, bloß nicht hinterfragen wollte. Florian Aigner

Gamelan Voices
I
Gong Ear • 2017 • ab 17.84€
Gamelan Voices ziehen, ähnlich wie Black Merlin letztes Jahr, genau die richtigen Schlüsse aus Balis Gamelan-Tradition, allerdings mit weniger Emphase und mehr Transzendenz. »I« ist allerdings viel zu clever, um sich in Ethno-Appropriation und Fangopackungsbeliebigkeit zu verlieren, das hier ist ein einziges leidenschaftliches Fuck You an die Yoga-Matte. Florian Aigner

Godspeed You Black Emperor
Luciferian Towers
Constellation • 2017 • ab 24.99€
Über Godspeed You! Black Emperor ist man sich einig, über ihre Alben wird jedoch viel gestritten. Darüber, warum, wann oder ob die Kanadier denn nun ihren Zenit überschritten haben. Wenn man »Luciferian Towers« hört, erübrigt sich die Frage allerdings. Da zeigen sich GY!BE groß, mächtig und ungestüm in Formation. »Wie früher«, sagen da die einen – und werden von den anderen fast dafür gesteinigt. Warum? Für irgendeinen nostalgischen Moment. Dabei ist »Luciferian Towers« viel zu dringlich, um währenddessen noch zurückzublicken. Christian Neubert

Greg Fox
Gradual Progression
Rvng Intl. • 2017 • ab 21.31€
Greg Fox, auch Schlagzeuger der Black-Metal-Avantgardisten Liturgy und Begleiter des Saxophonisten Colin Stetson, nimmt sich auf »The Gradual Progression« eine Extraportion Freiheiten heraus: Auf eigene Rechnung erforscht er neue musikalische Wege, unter anderem mit Hilfe der Software Sensory Percussion. Zwischen dichten, freien Momenten und fast ätherischem Stoff schillert aufregende Musik, die weder wirklich Jazz noch Rock ist. Andreas Schnell

Jane Weaver
Modern Kosmology
Fire • 2017 • ab 19.99€
Unglaublich! Jane Weaver kann beides: Frau sein und progressive Musik machen. Kurz: Sie weiß, wie man gegen die Rückkehr der Geschichte kämpft. Über 25 Jahre, zwei Bands und sechs bis zehn Platten (je nach Zählweise) hat sie sich musikalisch immer wieder – sorry – neu erfunden und nebenbei Abschlüsse im Kaffeesatzlesen, automatischen Schreiben und Gläserrücken gemacht. Auf »Modern Technology« hört man all das. Und Kraut. Dieses Album ist der Urknall. Jennifer Beck

Japan Blues
Sells His Record Collection
Japan Blues • 2017 • ab 20.99€
Eher Hörspiel als Album, eher Atmosphäre als Musik, eher so das Einnehmenste, was dieses Jahr erschienen ist. Japan Blues nimmt einen mit ein Land, das naheliegend ist bei dem Moniker. Klischees werden keinesfalls gemieden, sondern genutzt, um die Bilder noch zu verstärken, die »Sells His Record Collection« so von Sinnen triefend entwirft. Percussions, gurgelnde Mönche, dunkle Wälder. Ach, antikes Japan, was ist es immer wundervoll, dich zu glorifizieren. Philipp Kunze

Jasss
Weightless
Ideal • 2017 • ab 26.99€
Jasss’ Debüt über die volle Länge, »Weightless«, ist ein Dampfhammer, mit dem man sich paaren möchte. Ausgedubbter Industrial, EBM, fernöstliche Elemente, sassy, den einen Fuß auf dem Gaspedal, vom anderen zumindest den Zeh am Oberschenkel des Gegenübers. So klingt Verführung, wenn das Ziel nicht Sex ist, sondern dass man nackt gemeinsam eine Maschine schweißt, mit der man unter der Großstadt entlang fahren kann. Philipp Kunze

Jlin
Black Origami
Planet Mu • 2017 • ab 27.99€
Jlin präsentiert mit ihrem zweiten Album »Black Origami« komplexe und hochspannende (Tanz-)Musik auf Footwork-Basis. Ihre Tracks sind einerseits voller UK Bass- und Dubstep-Referenzen und arbeiten dazu ergänzend mit reizvollen nordafrikanisch anmutenden Stimm- und Percussion-Samples. Starke Eindrücke kommen zudem von musikalischen Kollaborateuren wie der kalifornischen Klangkünstlerin Holly Herndon und dem texanischen Avantgarde-Komponisten William Basinski. Andreas Brüning

John Maus
Screen Memories Black Vinyl Edition
Domino Records • 2017 • ab 24.99€
Irgendwer soll mal gesagt haben, dass es etwas wie schlechte Publicity nicht gebe und John Maus mag das beste Beispiel dieses Jahres gewesen sein: Von Nazis zu ihrer Show eingeladen zu werden? Na ja, schon doof irgendwie, aber die Leute waren in Ordnung, sagte Maus und bewies damit einmal mehr, dass nicht hinter jeden guten Platte unbedingt ein heller Kopf steckt. Der grelle, rumplige Post-Punk von Screen Memories funktioniert immerhin noch losgelöst davon. Dennoch: Never meet your heroes und hoffentlich bleibt uns zumindest die Morrissey-Kollabo erspart. Kristoffer Cornils

Joshua Abrams & The Natural Information Society
Simultonality
Tak:Til • 2017 • ab 19.99€
Joshua Abrams dreiseitiger marokkanischer Gnawa-Bass Guimbri steht im Mittelpunkt dieser fünf kraftvollen und energetischen Kompositionen. Seine Natural Information Society (Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Perkussion, Saxophon) kombiniert für »Simultonality« psychedelisch repetitive und meditative Elemente aus Jazz, Raga, Afrobeat, Rock, Can-Beats und Steve Reich-Minimalismus zu ausgedehnten hypnotischen Trance-Grooves und spannend freier Jazz-Improvisation. Andreas Brüning

Kaitlyn Aurelia Smith
The Kid Colored Vinyl Edition
Western Vinyl • 2017 • ab 23.38€
Kaitlyn Aurelia Smith hat in kürzester Zeit einen Raketenstart hingelegt, der kaum noch mit dem Hardware-Fetischismus ihres Publikums zu erklären wäre. Das liegt allein schon daran, dass Smith den Buchla nicht als brutzelndes Vorzeigeobjekt, sondern im engeren Sinne als Instrument versteht. Mit »The Kid« sog sie in diesem Jahr noch mehr Pop und Soul in ihre jazzigen Jams auf und bewies einmal mehr, dass das richtige Gear noch nicht alles ist: Songs müssen sich damit eben auch schreiben lassen. Sie kann’s. Kristoffer Cornils

Kelela
Take Me Apart Clear Vinyl Edition
Warp • 2017 • ab 25.99€
Zugegeben, es fehlte an Stücken wie »A Message« oder »Rewind« auf dem langerwarteten Debütalbum Kelelas, das nach zwei Über-EPs eigentlich kaum mehr eins war. »Take Me Apart« krankte so oder so an der stilistischen Heterogenität, die »Hallucinogen« noch so futuristisch machte. Aber zugleich will Kelela das auch und soll es unbedingt wollen: Von der Einförmigkeit wegbrechen, random und alles zugleich zu sein. Das ist schöne, schmerzliche Verlangen, das ihre Musik in jeder Gangart durchzieht. Kristoffer Cornils

Kendrick Lamar
DAMN.
Interscope • 2017 • ab 15.99€
Weder Westcoast-Kino noch Empowerment-Basquiat: »DAMN.« war der ehrliche Versuch mit Stift und Papier auf Dämonenjagd zu gehen und konnte dabei mehr Club-Potential bieten als der Vorgänger. Mit Gottesfurcht und Mike-Will-Made-It-Beats bewaffnet gelang Kendrick Lamar ein inhaltlich detailverliebter Seelenstrip, der sein Pathos hinter nackter Aufrichtigkeit zu verstecken wusste. Dass das Ganze am Ende doch noch irgendwie conscious bleibt, ist allein der Vision Duckworths geschuldet. Tim Tschentscher

King Krule
The Ooz
XL Recordings • 2017 • ab 28.99€
Mit seinem Holden-Caulfield-Lookalike-Tweed-Fimmel und den Nick-Cave-singt-Tom-Waits-Songs-durch-ein-Transistorradio-Songs wirkt King Krule so oder so aus der Zeit gefallen, vielleicht aber ist er ihr einfach nur voraus. Vielleicht ist »The Ooz« vom Jahr 2025 aus betrachtet die Platte, die das Pathos wieder gangbar gemacht und damit die Empathie wieder in die westliche importiert hat. Wer weiß das jetzt, wer könnte es wissen? Zuhören lohnt dennoch, und sei’s nur aus reinem FOMO. Ooze in, zone out. Kristoffer Cornils

Kutmah
Trobbb!
Big Dada • 2017 • ab 22.99€
2017 muss ein Album mit HipHop-Beats wirklich außergewöhnlich gut sein, um nicht in der schier endlosen Flut von mittelmäßigen Kopfnicker-Instrumentals zu verschwinden. »Trobbb« von Kutmah spielt auf seinem Debüt mit rotem Faden und Konzept einerseits und Mut zu Experimenten außerhalb der HipHop-Sphäre andererseits locker das Beatalbum-Game durch. Niemals waren 2-Minuten-Loops das idealere Format als um bei einem Fake-Soundtrack mit beeindruckender Featureliste mit Einflüssen aus Wave, Ambient und Noise zu jonglieren. Niklas Fucks

Laurel Halo
Dust
Hyperdub • 2017 • ab 17.99€
Erstmals seit ihrem vielbeachteten Debüt-Album singt Laurel Halo wieder. Gleichzeitig gibt sich die aus Ann-Arbor stammende und inzwischen in Berlin lebende US-Amerikanerin wildesten Freejazz-Eskapaden hin, die mit Alternative-R’n’B, Musique concrète und Techno einen wilden Cha-Cha-Cha aufs Parkett steppen. Halos Samplekunst agiert auf »Dust« fernab von Leichtigkeit. Jeder Dreh, jede spontane Wendung des vielschichtigen Arrangements verlangt dem Hörer einiges an Aufmerksamkeit ab. Aus der herausfordernden Attitüde zieht die Platte ihre Spannung. Felix Hüther

Lutto Lento
Dark Secret World
Where To Now? • 2017 • ab 15.99€
Lutto Lento bringt seinen ADHS-House auf »Dark Secret World« erstmals in narrative Form und produziert direkt ein Minialbum, das man 2012 noch als »Outsider House« schubladisiert hätte, welches aber fünf Jahre später einfach als 8.0/10 abgespeichert werden darf, weil hier zwar stets Pepe Braddock eindeutige Bezugsgröße bleibt, aber endlich mal jemand die seltsamsten Momente des Franzosen als Blaupause nimmt, anstatt zum vierhundertsten Mal erfolglos »Deep Burnt« zu kopieren. Florian Aigner

Lee Gamble
Mnestic Pressure
Hyperdub • 2017 • ab 17.99€
Seine Arbeiten auf PAN ließen Lee Gamble quasi über Nacht zu einem der Überflieger entrückter Sounddesigns avancieren. Anstatt Bisheriges zu kopieren, wendet er sich mit »Mnestic Pressure« Ambient-Dub, Outsider-House, Industrial Techno und IDM zu und spannt einen Bogen über die dortigen Raves der vergangenen drei Jahrzehnte. Hinweise auf Acid, House, Jungle oder 2-Step werden mit hyperaktiven Drums ausgestattet und von Gamble zu skulpturenartigen Skizzen geschichtet. Klickt und kickt erst nach und nach – dann aber richtig. Felix Hüther

Migos
Culture
Quality Control • 2017 • ab 37.99€
Migos haben mit »Culture« endlich das Album abgeliefert, das die Rapwelt von ihnen nach den zahlreichen wegweisenden Mixtapes und dem eher enttäuschenden Albumdebüt »Yung Rich Nation« erwartet hat. Stilprägend und zeitgeistig wie eh und je ist das Album in seiner Gesamtheit ganz gewiss eines der besten US-Rapalben des Jahres. Dabei ist den Adlib-Kings mit »Bad and Boujee« der Überhit gelungen, der selbst Donald Glover aka Childish Gambino auf seiner Golden-Globes-Danksagung in alle Welt heraus posaunen ließ: »That’s the best song ever!« Benjamin Mächler

Brenk Sinatra & Morlockk Dilemma
Hexenkessel EP 1+2
Mofo Airlines • 2016 • ab 21.99€
Vorhang auf. Morlockk Dilemma inszeniert in »Hexenkessel 1+2« auf den Siebziger-Boom-Bap-Beats von Brenk Sinatra ein Großstadthörspiel in zwei Akten. Sein beispielloser Stakkato-Flow zeichnet das Leben zweier Kneipenbrüder nach, die in den dunklen Gassen und zwielichtigen Spelunken der Metropolen den Quell krimineller Abgründe und Inspiration gleichermaßen finden. Mit massig Wortwitz und einer beeindruckenden Leichtigkeit schüttelt Dilemma kaum enden wollende Reimketten aus dem Ärmel und behauptet abermals seine bereits seit etlichen Jahren unangefochtene Vorherrschaft auf dem deutschsprachigen Hip Hop-Olymp. Felix Hüther

Mount Kimbie
Love What Survives Black Vinyl Edition
Warp • 2017 • ab 28.99€
Vielleicht war auch nur ich so überrascht davon, dass Mount Kimbie ihr hohes Niveau nicht nur halten konnten, sondern einfach nochmal ‘ne Schippe drauf legen konnten. »Love What Survives« ist somit nicht etwa eine sehr gute Post-Dubstep-Platte (der Trend ist ja auch mal tot) geworden, sondern eine erstaunlich deepe und catchy Pop-Scheibe. Hier bedient man sich bei Stereolab dort bei Broadcast und doch hat man etwas sehr Eigenes geschaffen. Dieses Jahr bei keiner Platte häufiger auf Repeat klicken müssen. Lars Fleischmann

Pessimist
Pessimist
Blackest Ever Black • 2017 • ab 19.99€
Obwohl die Szenegeier seit 2013 nach der Wiederkehr des Breaks gekräht haben, kam doch herzlich wenig, für das sich die Begeisterung gelohnt hätte. Neben Paul Woolford und Djrum war es vor allem der Brite Pessimist, der zur Ehrenrettung des nicht kommen wollenden Comebacks herbei eilte. »Pessimist« bezieht sich mit seinem maroden Sounddesign auf alle erdenklichen ventaschwarzen Spielarten von dem, was in den verhallten Rhythmen als klarer Drum’n’Bass-Bezug offensichtlich wird. Unbedingt begeisterungswert. Kristoffer Cornils

Phew
Light Sleep
Mesh-Key • 2017 • ab 23.99€
»Light Sleep« ist erwartungsgemäß nichts für Harmoniebedürftige, Phew rotzt ihre unkonventionellen Vocals über teilweise erdrückende Noise-Wände, bevor Martin Revs DIY-Synthpark verschmitzt um die Ecke schielt. Ach ja, Phew ist übrigens 57, ihr Lullis. Florian Aigner

Rin
Eros
Division • 2017 • ab 29.99€
Es ist Anfang September und im Netz macht das Bild eines Promoplakats für Caspers »Lang lebe der Tod« die Runde. Dabei sind die Fraktur-Lettern “der Tod” durchgestrichen und mit roter Sprühfarbe durch RIN ersetzt. Ein Bild mit Symbolkraft. Beide Rapper schickten ihre Alben am 1.9. in die Läden, doch mehr Nachhall sollte dieser Newcomer aus Bietigheim-Bissingen mit seinem Debütalbum »Eros« bekommen. Nach dem Splash!-Abriss im Juli und einer weit im Voraus ausverkauften Tournee wurde nun auch das Feuilleton neugierig. Man zog Querverweise zu Dada und Punk, versuchte den scheuen Schwaben mit Balkan-Wurzeln zu entschlüsseln. Schließlich brach da jemand mit den gängigen Stilmitteln und vertonte die Zerrissenheit und Sorglosigkeit einer ganzen Generation auf 15 Songs. Lang lebe RIN? Wir werden sehen. 2017 jedenfalls gab es kaum einen deutschsprachigen Rapkünstler, der den Nerv der Jugend besser traf. Benjamin Mächler

Run The Jewels (El-P + Killer Mike)
Run The Jewels 3 Gold Vinyl Edition
Run The Jewels • 2017 • ab 43.99€
Breitbeinig und mit verschränkten Armen, stumpf und geschliffen, angriffslustig und lustig, paranoid und größenwahnsinnig: Run The Jewels sind vieles auf einmal – und geben stets mehr als genug. El-P und Killer Mike zeigen mit »Run The Jewels 3«, dass sie zwar längst eine Handelsmarke sind, aber eben nach wie vor Handelnde. Als ein sich prächtig ergänzendes Rap-Duo, das nie vergessen lässt, dass bei ihm Gesellenjahre die Größe der Meisterschaft bestimmen. Christian Neubert

Bumpy Knuckles (Freddie Foxxx)
Industry shakedown
KJAC Music • 2000 • ab 4.89€
In Sambia geboren, in Botswana aufgewachsen, mit 23 Jahren in Australien eines der beseeltesten Hip Hop-Alben des Jahres aufgenommen. »Birds And The BEE9« von Sampa the Great ist ein jazziger Ausflug durch die musikalischen Wurzeln der Künstlerin, den sie selbst als Mixtape unter Wert verkauft. Doch der hypnotisch schleppende Flow der Rapperin und die fantastischen Beats, die mehr nach psychedelischen Livejams als nach Loops klingen, machen die 13 Tracks zu einem Soul-Album, das das Neo- schon lange nicht mehr nötig hat. Niklas Fucks

Sampha
Process
XL Recordings • 2017 • ab 25.99€
Alle machen Alternative-R’n’B, keiner macht mehr Soul. Dann und wann gibt es sie aber doch noch, die wenigen Juwelen, die sich post-soulquarianischen Neo-Soul auf elektronischen Beats vorstellen und umsetzen können. Im Falle von Sampha gelang das derart vereinnahmend, dass das Debüt »Process« eher wie ein Tagebuch als ein Album klang. Selten stand man in diesem Jahr Trauer, Angst, Selbstzweifeln und Paranoia bereitwilliger bei. Tim Tschentscher

Shabazz Palaces
Quazarz Vs The Jealous Machines Loser Edition
Sub Pop • 2017 • ab 21.99€
Shabazz Palaces haben dieses Jahr gleich zwei Alben veröffentlicht. Das ein ist ein prätentiöses Space-Eskapismus-Ting und das andere ist ein geiles Space-Eskapismus-Ting. Ishmael Butler und Tenda Mareiras Vision von HipHop bleibt jedenfalls eine ureigene und schon deshalb dürfen sie hier nicht fehlen. Philipp Kunze

Sirom
I Can Be A Clay Snapper
Tak:Til • 2017 • ab 19.99€
Es ist in Zeiten rigider Grenzziehungsversuche und dem Wiederaufkommen völkischer Identitätspolitik schon sonderbar an, wenn eine Band sich dezidiert mit ihrer Heimat auseinandersetzt. Široms Debütalbum »I Can Be A Clay Snapper« will allerdings nicht zurück zu Blut und  Boden, sondern diese Sache namens Folk neu denken. Das Resultat hat dann dankenswerter Weise auch mehr mit Constallation-Post-Rock zu tun als mit hemdsärmeligen slowenischen Heimatlieder und klingt angenehm-unangestrengt nicht von dieser Welt. Kristoffer Cornils

Sophia Kennedy
Sophia Kennedy
Pampa • 2017 • ab 20.99€
Endlich mal eine, die dick aufträgt und nicht das Gegenteil behauptet! Bei all dem LoFi-WG-Küchen-Eierpappenstudio-Wahn (Hauptsache Duschgeräusche vom Mitbewohner auf dem Band!) ist das Debütalbum der in Baltimore geborenen, in Hamburg ansässigen Sophia Kennedy eine wohltuend ehrliche Angelegenheit. Alles drauf, alles drin von Lou Reed bis Werner Herzog, vorgetragen mit Powerbottom-Stimme, produziert mit Pauken und Trompeten. Und das Allergeilste: die größte Mogelpackung überhaupt. »Sophia Kennedy« ist nämlich die einzig wahre LoFi-Eierpappenstudioplatte des Jahres, die glaubhaft das Gegenteil behauptet. Jennifer Beck

Terekke
Plant Age
L.I.E.S. • 2017 • ab 15.99€
Einen Tag vor der Deadline winkt auf einmal doch noch Terekke schüchtern aus der Inbox. Natürlich muss man bei »Plant Age« über den vernebelsten Umgang mit Vocalsamples seit »Untrue« reden, vor allem aber auch darüber, was passiert wäre, wenn in Actress’’ Adern statt Strom Blut fließen würde und Huerco S. nicht so eine starke Kick- und Snare-Aversion entwickelt hätte. Referenz-Bingo hiermit durch, L.I.E.S. sneakily irgendwie 2017 wieder voll on top of things und ihr kurz vor knapp um das beste House Album des Jahres reicher. Florian Aigner

Tony Allen
The Source
Blue Note • 2017 • ab 27.99€
Der Titel deutet es an: »The Source« ist eine Rückbesinnung auf Tony Allens akustische Wurzeln. Ganz ohne Synthies und Raps, aber auch auf die Jazzgrößen der Sixties, die den nigerianischen Über-Drummer sein Leben lang beeinflusst haben. Mit Duke Ellington und Art Blakey im Geiste swingt sich Allen lässig durch elf Eigenkompositionen, live und analog mit seinem französischen Oktett aufgenommen. Soul-Jazz und Reggae-Anklänge auf einem luftigen Afrobeat-Fundament – eine magische Platte. Jan Paersch

Traxman
Tekvision
Teklife • 2017 • ab 16.99€
Traxmans »Tekvision« steht sinnbildlich für einen Ghetto House-Adel, der seit Dance Mania Zeiten nichts an der klassischen Formel geändert hat: Unheimlich schnelle, eingängige Drumcomputerarobatik gepaart mit den immer gleichen Samples und Rhythmen – Tracks, die klingen wie in maximal einer Stunde hingerotzt, vielleicht heute noch hingerotzter als früher. Und das ist auch gut so. Denn etwas, das wirklich nie aufhört Spaß zu machen, ist sich übersteuerte 808-Kicks auf 150 BPM in ungesunden Lautstärken um die Ohren zu ballern. Niklas Fucks

Trettmann
#DIY
SoulForce / HHV • 2017 • ab 16.99€
Lange dachte man, die deutsche Sprache stecke in einer künstlerischen Krise. Zu kantig, scharf und ungelenk der Ausdruck. Es brauchte lediglich die Idee eines Selbstverständnisses, seine Stimme als Instrument benutzen zu können, einen kurzen Dancehall-Hype und den dringlichen Bock, alles selbst machen zu wollen.»#DIY« war die durchdeklinierte Konsequenz aus den EP-Erfolgen mit KitschKrieg und eines der wenigen Cringe befreiten Produkte der Deutschrap-Landschaft. Recht schönen Dank, Trettmann! Tim Tschentscher

Twit One
Hay Luv
Melting Pot Music • 2017 • ab 20.99€
File under: Cool Bap. So möchte der Beatbauer Twit One seine Musik kategorisiert wissen. Was eigentlich als Teil zwei des Vorgängeralbums»The Sit-In« geplant war, wurde letztlich als »Hay Luv« über Melting Pot Music veröffentlicht. Der Albumtitel spielt sowohl mit Twits Vorliebe für die Delfonics als auch seinem Faible für getrocknete Gräser Der Kölner blieb sich treu und ließ 15 entspannt groovende Tracks in Polyvinylchlorid pressen, die in bester Beat-Konducta-Manier nie die Spiellänge von drei Minuten überschreiten. Dabei beweist Twit One wieder ein Näschen für obskure und zugleich Wehmut hauchende Samples. Benjamin Mächler

Tzusing
Eastern Undefeated (東方不敗)
L.I.E.S. • 2017 • ab 16.99€
»Esther« auf -8. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen zu Tzusings »Eastern Undefeated«, zu pointiert fasst das Stück all die Stärken eine der besten L.I.E.S.-Entdeckungen zusammen, besonders wenn der dortige K-Hole-Crawl auf diese ungewöhnlichen chinesischen Melodien trifft, die Tzsusings häufig vordergründig brutalen EBM-Techno so seltsam zugänglich macht. Rest auch gut (natürlich), »Esther« tho, »Esther« ist für immer. Florian Aigner

Visible Cloaks
Reassemblage
Rvng Intl. • 2017 • ab 21.99€
Visions of Japan – oder ist das etwa das Japan von heute, in seiner ganzen digitalen Pracht? Das Duo Visible Cloaks hat mit seiner »Reassamblage« fast schon majestätische Formen der Künstlichkeit gefunden, um eine Art virtuelle Ethno-Musik fernstöstlicher Regionen zu modellieren. Mit Computerstimmen, diskret gesättigten Synthesizerflächen unter gesampleten traditionellen asiatischen Instrumenten und allerhand Artefakte-Kruppzeug am Rande, das dem Artifiziellen die nötige spröde Würze verleiht. Tim Caspar Boehme

Visionist
Value Gold Vinyl Edition
Big Dada • 2017 • ab 9.99€
»Value« ist geiler Headfuck in Zeiten von Überproduktion und Sugarcoating-Pomp in der elektronischen Musik. Visionist nimmt seine barocken Syntheziser und dreht sie durch den Fleischwolf, bis die Melodien und stampfenden Beats zu Störgeräuschen und Granatsplittern desintegrieren. Was die die Platte auf Big Dada sucht? Keine Ahnung! Womöglich ist sie zu brachial fürs Weichspülerprogramm bei Mutter Ninja Tune, aber doch zu gut, um schon wieder an Warp Records verloren zu gehen. Jens Pacholsky

Wandl
It's All Good Tho
Affine • 2017 • ab 21.99€
Laut eigener Aussage, habe Wandl alle Vocals auf »It’s All Good Tho« selbst eingesungen. Falls dem so ist, kann man doch ins Schwärmen geraten wie verträumt der Österreicher in bester James-Blake-Manier über vertracktem Madlib-Gestolper säuselt. Das kann alles keine Beat-Art mehr sein, wie wir auch die Cloud spätestens in diesem Jahr längst verlassen haben. Da reift etwas neues, andersartiges heran. Wunderschön ist es obendrein. Tim Tschentscher


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