Jahresrückblick 2018 – Top 20 Compilations

29.11.2018
Die Compilations haben sich in diesem Jahr zur Königsdisziplin unseres Jahresrückblicks entwickelt. Was? Ja, wir waren auch überrascht. Aber es ist so: der Mehrwert solcher Beiträge ist enorm.
Immer mehr entwickeln sich die Compilations zur Königsdisziplin des Jahresrückblicks und womöglich hat das gleich zwei erfreuliche Gründe. Einerseits würdigen immer mehr Zusammenstellungen dem Schaffen von Menschen, die teilweise in Vergessenheit geraten sind – zusätzlich zu den Neuauflagen von empfehlenswerten Alben, die wir in den Reissues des Jahres versammelt haben. Auf der anderen Seite werden Kulturperioden neu erfahrbar gemacht, die in der allgemeinen Aufmerksamkeit sonst vermutlich für immer verloren gegangen wären. Was fehlt aber? Einige starke zeitgenössische Zusammenschlüsse täten vielleicht noch not. Nicht, dass es die nicht gegeben hätte – Lena Willikens allein bewies, dass selbst avanciertestes Diggertum heute auch im E-Mail-Postfach standfinden kann und Kendrick Lamar stellte dem größten Blockbuster-gone-Politikum des Jahres den entsprechenden Soundtrack beiseite. Es geht doch, und zwar vorwärts!


Die Top 20 Compilations findest du auch [bei uns im Webshop](https://www.hhv.de/shop/de/jahresrueckblick-2018-top-20-compilations/p:PAloiO.)

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Chen Yi
The (1978 - 1983)
90% Wasser • 2006 • ab 22.99€
Nachdem das latent undurchsichtige Label Mélodies Souterraines bereits im Vorjahr den Chen Yi-Song »Rug« aus der Versenkung der Discogs-Geheimbünde herauskramte, legt das 90% Wasser-Imprint nun nach und die erstmals 2006 veröffentlichte Compilation »”The” 1978-1983« neu auf. Der John-Peel-zertifizierte, schmerzhaft unvollendet klingende Proto-Industrial-Wave-Post-Punk der Londoner Kommune, die es über den Entwurf eines Debütalbums nie hinaus geschafft hat, schreibt die britische Musikgeschichte gegen den Strich neu. KC

Cyrnai
1980-1990
Dark Entries • 2018 • ab 104.99€
Man redet sich ja gerne mal ein, man bräuchte Boxsets. Natürlich braucht niemand Boxsets. Scheiße unhandlich, todesspießig, 65% Filler und im Endeffekt so oft im Einsatz wie der Tintenstrahldrucker im Keller. Aber: Dark Entries haben fast den gesamten Katalog von Cyrnai in ein solches gepackt und ja gut, da muss man halt. Wer sich von O Yuki Conjugate manchmal mehr Druck und dem frühen Bryn Jones weniger Repetition gewünscht hätte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass 2018 doch wieder kein Geld für eine Winterjacke übrig bleiben wird. FA

Deadline Paranoia
2/3
Ongehoord • 2018 • ab 22.99€
Labels to watch: Ongehoord. Der Niederländer Jeroem Vermandere gräbt dafür Kassetten aus irgendwelchen Bunkern aus, und hat mit Narwal dadurch vergangenes Jahr schon ein hammer Compilation veröffentlicht. Dieses Jahr nun zwei von drei Teilen der Deadline Paranoia-Trilogie. Die waren von 1986 bis 1988 in Amsterdam aktiv und haben ihren Shit nur selbstveröffentlicht. Was es ist, ist schnell gesagt aber damit längst nicht erfasst: Musik von voll-bekifften Dudes für vollbekiffte Dudes. Trotz des verschleppten Dubs, der definitiv das Zentrum dieses Sounds ist, ist diese Musik miiiiies ALERT. PK

Ingus Bauskenieks
Spoki
Stroom • 2018 • ab 23.99€
»Spoki« ist eine Genre-sprengende Zusammenstellung von Kompositionen des lettischen Musikers Ingus Baušķenieks aus den Jahren 1988 bis 2011, aufgenommen mit einem Tape-Recorder im Two Track Stereo Playback. Baušķenieks mischt exotisch klingende Streicher, glasklare osteuropäische Frauengesänge und ambiente Balladen mit schlagerhaftem Synthie-Pop und düster und cinematischen Klängen zu einer absolut eigenen Musik mit hohem Wiedererkennungswert jenseits anglo-amerikanischer Rock- und Popklischees. AB

Kendrick Lamar
OST Black Panther - Music From And Inspired By
Interscope • 2018 • ab 34.99€
Ein utopischer Film verdient Musik am Puls der Zeit. Kuratiert von [Kendrick Lamar](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/1993/kendrick-lamar,) Popbusiness’ Stimme des Gewissens, plätschern die Songs von »OST Black Panther« nicht hinter den fantastischen Szenen vor sich hin. Sie verhandeln die Themen des Filmes – Diversität, Gerechtigkeit, Aufbruch – als den Bildern ebenbürtiges Werk. Neben aufstrebenden Künstlern der westlichen Hemisphäre – etwa Jorja Smith oder Travis Scott – finden auch Musiker aus Südafrika Gehör. Ein Hoffnungsschimmer in Zeiten, in denen die Idee vom Austausch vom Prinzip der Abschottung überlagert wird. AG

Kuniyuki Takahashi
Early Tape Works 1986-1993 Volume 1
Music From Memory • 2018 • ab 19.99€
Mit dem seriellen Cover-Projekt Studio Mule sollte der Mule Musiq-Mainstay Kuniyuki Takahashi eigentlich schon genug zu tun haben, für den Griff in die Archive ist wohl dennoch zwischendurch noch Zeit. Gleich zwei LPs konnte der Japaner mit Material aus den Jahren 1986 bis 1993 füllen, die Stimmung reicht von Wahlgesang-Vibes über Einkaufszentren-Ambient hin zu Sprechgesang-getragenem Proto-Trance und YMO-meets-Industrial-Gepolter – und das allein beschreibt nur den ersten Teil von »Early Tape Works (1986-1993)«. KC

Lena Willikens
Selectors 005
Dekmantel • 2018 • ab 23.99€
Wir würden uns nicht Nacht für Nacht mit Notizblock und Taschenlampe um die Decks von Lena Willikens pirschen, wenn die nicht ständig alles grundlegend anders machen würde als die zipfelbärtigen Selector-Typen, die die Discogs-Mediane für burmesischen Disco-Funk hochtreiben. Ihre »Selectors 005« fiel gleichermaßen als Kein-Bock- und Sehr-Viel-Bock-Geste aus: Kein Bock auf überflüssiges Rumgenerde, sehr viel Bock auf frische neue Sounds direkt von den Festplatten guter Menschen. Ein egalitärer Rundumschlag im elitären Selector-Business. KC

Michele Mercure
Beside Herself
Rvng Intl. • 2018 • ab 35.99€
Wieder so eine Musikerin, die erst einmal für einen entdeckt werden muss. Am besten mit dieser kleinen Werkschau mit einer Auswahl ihrer Heimstudioaufnahmen aus den Achtzigern. Synthesizer, Drumcomputer, Fretless Bass – eher ein bisschen weniger von allem, das genügt der US-Amerikanerin MIchele Mercure auf [»Besides Herself«](https://www.hhv-mag.com/de/review/10339/michele-mercure-beside-herself,) die von der Peripherie her ihr sehr eigenes Ding macht. Klingt dabei nach einer neugierigen Forscherin, die ihre diversen Inspirationen dann punktstrahlig bündelt. Gut tut sie daran. TCB

Robert Rental
Different Voices For You. Different Colours For Me. Demos 1980
Optimo Music • 2018 • ab 13.99€
»Different Voices For You Different Colours For Me« entstand 1980 nach der unfickmitbaren Kollaboration mit Thomas Leer und Robert Rental flext direkt mit den ersten beiden Stücken den ganzen anderen New Wavern die Kotelleten ins Großhirn. Dubby ist das, aber auch mit so viel britischem Weltschmerz, dass Morrissey-Fans mal darüber nachdenken könnten, endlich erwachsen zu werden und Robert Rental einen Thron zu bauen. FA

Stella Chiweshe
Kasahwa: Early Singles
Glitterbeat • 2018 • ab 18.99€
Daumenklavier-Revival, anyone? Wenn es nach Glitterbeat und erst recht nach Stella Chiweshe ginge, unbedingt. Die mittlerweile über 70-jährige Mbira-Meisterin aus Zimbabwe gehört zu den wenigen ihres Schlags, die internationale Erfolge feiern konnten, ist immer noch virtuos wie ein arbeitsloser Death-Metal-Gitarrist und darf also ungerührt zurückblicken: »Kasahwa: Early Singles« versammelt ihr Frühwerk, das mit viel Mittendrin-statt-nur-dabei-Feeling eine Zeit einfängt, während derer hierzulande Vicky Leandros und Gunter Gabriel die Charts dominierten. KC

V.A.
Antipodean Anomalies
Left Ear • 2018 • ab 21.99€
Diese Wahnsinns-Comp-Ding mit einem estnischen Schäfer-Song. Dann Ruraler Folk über Drum-Computer. Es folgt Dub. Es folgt D.I.Y.-Kassetten-Weirdness mit Bassgitarre, Nuscheln und Urwald-Flöte. Maori-Chants. Bezaubernde Geige über bekloppter Percusssion. Bleeps. Ganz am Ende von »Antipodean Anomalies« dann: das erste mal verständliche Vocals – also für solche, die weder des Estnischen mächtig sind, noch Maori sprechen. Aber da redet dann halt irgendein Wahnsinniger Aussie von der »edge of galaxy«. PK

Sacha Mambo presents
Danzas Electricas Volume 2
Macadam Mambo • 2018 • ab 24.99€
Sacha Mambo beweist jetzt seit einigen Jahren, dass er nicht nur ein formidabler DJ, sondern ein ebenso lockerer Labelbetreiber ist. Und während wir auf die Masterclass »How to dig geilen Scheiß?« warten, serviert er mit »Danzas Electricas Vol,2« mal wieder eine der avantgardistischen Tanz-Compilations des Jahres. Das Nice: Wer ganz genau hinhört, weiß, was nächstes Jahr in ist. Und dafür, dass man sich auf Macadam Mambo verlassen kann – ein freundliches »Chapeau« nach Lyon LF

V.A.
JD Twitch presents Kreaturen Der Nacht
Strut • 2018 • ab 24.99€
Die Geschichte der Neuen Deutschen Welle ist noch lange nicht auserzählt. Ein paar bekannte Kapitel daraus finden sich zwar auch auf [»Kreaturen der Nacht«](https://www.hhv-mag.com/de/review/10318/various-artists-jd-twitch-presents-kreaturen-der-nacht,) die unbekannten oder vergessenen Abschnitte sind aber das eigentlich Tolle daran. Bands wie Ausserhalb, Exkurs, Leben und Arbeiten oder Weltklang kann man hier entdecken und lieben lernen. Wichtiges historisches Dokument und viele Momente kaputter Seligkeit. Großer Dank dafür an den britischen DJ JD Twitch. TCB

V.A.
J-Jazz: Deep Modern Jazz From Japan 1969-1984
BBE • 2018 • ab 26.99€
»J-Jazz: Deep Modern Jazz From Japan 1969-1984« zeigt: Auch die Japaner können Spiritual Jazz. Und impressionistischen Jazz. Oder Fusion. Nur dass einem Namen wie Fumio Karashima, Takao Uematsu oder George Otsuka hierzulande oder überhaupt außerhalb Nippons nicht so ganz geläufig sind. Was nicht daran liegt, dass die das nicht drauf gehabt hätten. Vielmehr hat man sich dort ab den Siebzigern verstärkt zu eigeneren Ansätzen hin weiterentwickelt, statt, wie in den Jahrzehnten davor, die Vorbilder aus den USA bloß zu kopieren. Noch so eine Entdeckung. TCB

V.A.
Jura Soundsystem Presents Transmission One
Isle Of Jura • 2018 • ab 24.99€
Obwohl die Compilation »Transmisson One« tatsächlich schon in der ersten Jahreshälfte von Australien (da sitzt Isle of Jura-Labelchef Kevin Griffiths) in die weite Welt geschickt, brauchte es bei mir ein paar Monate um mit der Platte warm zu werden. Denn: Alles, was einen vielleicht anfänglich abschreckt (keine Genrebegrenzung, Ambient Tools, sehr cool), ist eigentlich richtig nice. Erinnert ein wenig an Kifferhumor: Krude und albern, aber on the long run kaum zu überbieten. LF

V.A.
Kumo No Muko: A Journey Into 80's Japan's Ambient And Synth Pop Sound
HMV Record Shop / Jazzy Couscous • 2018 • ab 45.99€
Mittlerweile kräht ja jeder sein albernes »Japan-Liedchen« auf den Instagram-Channels. Da macht noch der letzte Hornochse, den Manieren am Arsch vorbei gehen, einen auf »Arigatou gozaimasu«. »Kumo No Muko: A Journey Into 80’s Japan’s Ambient And Synth Pop Sound« räumt slightly auf mit Muji-Terror und Uniqlo-Fetischisten aus deutschen Landen. Nahezu freigeräumt von den üblichen Verdächtigen, eröffnet sich über vier Vinyl-Seiten eine Welt abseits von Coolness. Krachend cheesy und romantic; auf 33 dann ozeanische Selbstentgrenzung. LF

Private Records presents
OST Italo Disco Legacy Collectors Set
Private • 2018 • ab 109.99€
Geschichtsbewältigung ist nicht unbedingt eine Stärke der italienischen Gesellschaft, immerhin aber wurde während einer kurzen Phase Anfang der Achtzigerjahre im industriestarken Norden des Landes die Zukunft formuliert. Die Dokumentation »Italo Disco Legacy« spinnt den Faden Richtung Niederlande und Dänemark weiter, der zugehörige Soundtrack empfiehlt sich mit Klassikern (Fred Ventura, Wanexa), exklusivem Material (Alexander Robotnicks »Cybernetic Move«) und neueren Stücken (das Highlight der Sammlung: The Hacker mit »You«). Il futuro passato nel 2018. Balliamo? KC

V.A.
Patina Echoes
Timedance • 2018 • ab 22.99€
Field Recordings kann ja jeder: Beim britischen Label Timedance werden Naturklänge stattdessen zwischen Breakbeats und UK Bass synthetisiert – mit mal mehr, mal weniger überzeugendem Ergebnis. Abgesehen von Bruce (dessen Debüt »Sonder Somatic« dieses Jahr über Hessle Audio erschien) dürften alle Mitwirkenden auf »Patina Echoes« bislang eher Randerscheinungen sein. An sich natürlich noch kein verlässlicher Messwert, doch können die elf Tracks dieser Kompilation sehr eintönig und wie aus demselben Sample-Baukasten wirken. Ob das dem Thema zuträglich ist oder dieses zu schnell erschöpft, ist unterm Strich wohl eine Frage von Set und Setting. NS

V.A.
Pinky Violence Best Sound Collection
Tava Tava Rare • 2018 • ab 28.99€
Der italienische Producer DJ Daze hat sich durch das Pinku eiga-Genre, also das japanische Sexploitaion-Kino der 1970er Jahre gewühlt. Das rentiert sich eh. Zumal man dabei Schallplatten wie »Pinky Violence Best Sound Collection« kompilieren kann. Die versammelten Soundtrack-Stücke fliehen mit schwer in die Glieder fahrendem Funk aus kunstvoll ausgeleuchteten Frauenknästen, lassen die jazzigen Intermezzi leichtfüßig klingen, die Wah Wah-Gitarren schwer grooven und das Drama mit Bläsern anschwellen. Die Titel der Tracks verrät die LP zwar nur auf Japanisch, doch sie stammen von Hajime Kaburaji, Masao Yagi, Miki Sugimoto, Reiko Ike and Ichiro Arakiu. Was es da wohl alles zu entdecken gibt? CN

V.A.
Uneven Paths: Deviant Pop From Europe 1980-1991
Music From Memory • 2018 • ab 24.99€
Wäre eigentlich interessant zu wissen, ob es mittlerweile einen neuen Hörertypus gibt: den Reissue-Hörer. Denn man braucht sich ja theoretisch gar nicht mit der Musik von heute zu beschäftigen und kann immer noch von der Menge an »neuem« Material da draußen überfordert sein. Doch auch wenn man nicht zu dieser streng retrospektiven Sorte Hörer gehören sollte, lohnt der auf »Uneven Paths: Deviant Pop From Europe 1980-1991« vermittelte Einblick in die entlegeneren Regionen schräger Popmusik vom europäischen Kontinent. Viel zum Wundern und Sich-dran-Freuen. TCB


Die Top 20 Compilations findest du auch [bei uns im Webshop](https://www.hhv.de/shop/de/jahresrueckblick-2018-top-20-compilations/p:PAloiO.)