Jazz Kissas sind die Orte, wo in Japan die Musik spielt

28.06.2021
Foto:© Katsumasa Kusunose / Jazz City
Sie bieten stilvollen Rückzug aus einer Welt, in der alle permanent hören. Und zelebrieren das Hören von Musik: Jazz Kissas sind Japans inoffizielles Kulturerbe. Der Journalist Katsumasa Kusunose dokumentiert sie nun.

»Du kannst die reale Welt für einen Moment vergessen, wenn du in einer Jazz Kissa sitzt«, sagt Katsumasa Kusunose. Der 62-jährige Japaner ist Journalist. Und er fotografiert Bars, in die man geht, um Musik zu hören. Über 600 davon gebe es in Japan. Allein 100 finde man in Tokio. Oft auf kleinem Raum, mit einigen Sitzplätzen, einer Bar – und Anlage, die man nicht mal in Szeneclubs oder Liebhabersammlungen vermuten würde. »Wenn man vor den großen Lautsprechern sitzt und sich im Sound des Jazz badet, kann man seine Aufmerksamkeit nur auf die Musik richten«, so Katsumasa. Nur noch wenige Orte gebe, in der man dieser Art von Erfahrung heute machen könne, meint er. Jazz Kissas, davon ist Katsumasa überzeugt, seien solche Orte.

Magische Orte

Die Entstehungsgeschichte dieser Bars reicht bis in die 1950er Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die japanische Jugend kokujin jazz, also schwarzen Jazz. Acts wie Art Blakey and The Jazz Messengers hatten Kultstatus und beeinflussten die Popkultur. Aber Live-Performances der US-amerikanischen Stars waren selten. Und Platten teuer. Jazz Kissas galten als Zufluchtsort, in denen man guter Musik bei einer Tasse Tee lauschen konnte. Inzwischen hat der massentaugliche Boom um Jazz zwar abgenommen. Verschwunden sind die kleinen Cafés mit ihren großen Anlagen aber nicht, im Gegenteil: Es kommen neue dazu. Zuletzt eröffnete der Labelchef von Mule Musiq eine Listening Bar in Tokio. Gedimmtes Licht, dunkles Holz, ein Schrank voller Platten, viel Wein im Regal. Eine Ästhetik des Rückzugs in einer Welt, in der ohnehin alle permanent hören.

»Du kannst die reale Welt für einen Moment vergessen, wenn du in einer Jazz Kissa sitzt.« (Katsumasa Kusunose)

1977 sei es gewesen, da habe er zum ersten Mal eine Jazz Kissa betreten, sagt Katusmasa Kusunose. Erst durch dieses Erlebnis habe er Charme des Jazz entdecken können. Seit über 40 Jahren besuche er nun Jazz Kissas, in über 800 sei er schon gewesen. Katsumasa sagt Sätze wie »Für mich ist der Aufenthalt in einer Jazz Kissa eine Lebenseinstellung.« Er lässt damit erahnen, wie sehr solche Listening Bars in Japan im täglichen Leben verankert sind. Für manche Menschen sind sie eine Institution, gelten als Ort der Begegnung, an dem man sehr gut allein sein kann – mit sich und der Musik, die den Hintergrund in den Vordergrund rückt. Der Sound bildet den Mittelpunkt, das Hören wird zur Zeremonie. Wer sich zwischen renovierten JBL-Lautsprechern und Röhrenverstärkern aus den Sechzigern wohlfühlt, Musik als Lebensgefühl und weniger als konsumierte Ware versteht, kommt um einen Besuch in einer Jazz Kissa nicht herum.

Musik als Lebensgefühl

»Die bekannteste und beliebteste Kissa Japans«, sagt Katsumasa, »heißt Jazz Kissa Basie und befindet sich Ichinoseki City – mit dem Bullet Train keine zwei Stunden von Tokio entfernt.« Der JBL-Sound sei genauso fantastisch wie im EAGLE in Tokio, das es seit 53 Jahren gebe. »Wer Japan besucht, muss dort hingehen«, so Katsumasa. Der Mann muss es wissen: Mit »Gateway To Jazz Kissa Vol.1« publizierte der Journalist 2020 ein Magazin, das nicht nur Jazz Kissas in den Fokus rückt, sondern auch Menschen, die sie betreiben. Dafür hat er mit Besitzer*innen von Jazz Kissas in Tōhoku gesprochen, der größten Insel Japans. Wer die Region googelt, sieht blühende Kirschbäume vor schneebedeckten Bergen. Postkartenidylle, will man meinen. 2011 zerstörte ein Tsunami große Teile der Küstenregion.

Heute zähle die Region zur »Jazz Kissa cultural area«, wie Katsumasa im Heft schreibt. Auf 50 Seiten porträtiert er vier davon. Bilder zeigen Bars, die man manchmal mit englischen Pubs, dann wieder mit hippen Frühstückslokalen in Kreuzberg verwechseln könnte. Mit einem Unterschied: der riesigen Sound-Anlage. Und tausenden Platten und CDs, die sich in Regalen aneinanderreihen. Auf Bildern vom Vanguard, einer Kissa in der Präfektur Miyagi, kann man sich vorstellen, wie der Geruch von Kaffee in der Luft hängt, Tassen leise klappern und das Vinyl auf einer JBL-Anlage aus den Siebzigern knistert. Ein Gefühl, das für viele Japaner*innen zum Leben dazugehört. Und Katsumasa Kusunose nicht mehr loslässt: »Ich habe mich in meinen 62 Lebensjahren für viele andere Dinge begeistert, aber das, was bleiben wird, sind Jazz Kissas.«