Die Vinyl-Nation, die keine ist

26.06.2021
Foto:Kristoffer Cornils
Aufwändige Aufmachungen, audiophile Listening Bars und die meisten Plattenläden der Welt: Japan, ein Vinyl-Paradies? Jein. Das Medium spielt dort gar keine große Rolle. Unsere Kulturgeschichte der japanischen Musikindustrie.

Der einzelne Ton einer Bambusflöte erhebt sich aus dem statischen Rauschen, ein dumpfer Trommelschlag ertönt. Mehr Flöten stimmen ein, es entsteht ein pulsierender Drone. Was klingt wie eine krude Lo-Fi-Soundart-Produktion, das ist die über hundert Jahre alte Aufnahme eines noch viel älteren Stückes Musik. »Bairo« heißt es, ist der traditionellen höfischen Musik aus Japan, der gagaku, zuzuordnen. Aufgenommen wurde es im Februar 1903 in Tokyo vom US-Amerikaner Fred Gaisberg, der bei einem Aufenthalt im Land 275 Schellackplatten mit aller möglichen Musik bespielte.

Nachdem im Jahr 1878 erstmals der Phonograph an der Universität von Tokyo vorgestellt und 1890 sogar dem Gottkaiser, dem tennō, von US-amerikanischen Botschaftern ein modernisiertes Modell mit Wachszylinder vorgeführt wurde, organisierte sich eine kleine Industrie zur Herstellung von Phonographen. Doch nur die von Gaisberg auf Schellack gepressten, auf dem Grammophon abspielbaren Aufnahmen überdauerten die folgenden hundert Jahre und erfüllten dereinst den werblichen Zweck, den der Angestellte der Gramophone and Typewriter Company damit verfolgt: Sie etablieren die damals noch ein Novum darstellende Musikaufzeichnung in Japan und markieren den Beginn eines neuen Zeitalters am Ende eines anderen.

Grammophon, Schellack, Nippon Columbia

»Bairo« ist die frühste Aufnahme, die auf der im Jahr 2021 von Robert Millis über das Plattenlabel Sublime Frequencies herausgegebenen Compilation »Sound Storing Machines. The First 78rpm Records from Japan, 1903-1912« zu hören ist. Innerhalb dieser wenigen von der Sammlung abgedeckten Jahre schlägt Japan in einem Seekrieg die russischen Flotten, annektiert Korea und durchläuft auf allen Ebenen einen unvergleichlichen Modernisierungsprozess, der von einem engen Austausch mit der westlichen Welt betrieben wird: Vom Beginn der sogenannten Meiji-Restauration im Jahr 1868 bis zu ihrem Ende im Jahr 1912 sendet das Kaiserreich tausende von jungen Menschen durch die Welt, um sich im Ausland fortzubilden und das angesammelte Wissen in der Heimat nach ihrer Wiederkehr praktisch anzuwenden.

Das knapp ein Vierteljahrhundert zuvor entwickelte Grammophon und die erst spät am Ende des 19. Jahrhunderts erfundene Schellackplatte werden indes direkt importiert. Doch schon im Jahr 1908 wird das erste heimische Presswerk eröffnet und kurz darauf gründet sich mit der Nippon Phonograph Co. die erste, heute als Nippon Columbia bekannte japanische Plattenfirma, die bald schon erste eigene Modelle des Grammophons auf den Markt bringt. Im Jahr 1914 schon erscheint der erste veritable Hit, das einem Tolstoi-Stück entliehene »Kachūsha no Uta« (»Katyushas Lied«), gesungen von der Schauspielerin Sumako Matsui. Bis heute gilt er als der erste ryūkōka-Song – populäre Musik aus Japan. Innerhalb von nur knapp einem Jahrzehnt werden so die Grundfeste für die japanische Musikindustrie gelegt.

Obi-Strips und Inner Sleeves

Wie jede Form kultureller und musikalischer Geschichtsschreibung handelt es sich bei der japanischen zugleich auch um Technikgeschichte. Dass sie sich im internationalen Vergleich etwas anders entwickelte als eigentlich überall auf der Welt, davon zeugen heute noch zahlreiche Relikte: Obi-Strips ebenso wie antistatische, abgerundete Inner Sleeves gehören kaum sonst irgendwo zum Standard. Auch die Tradition der kissa, der zuletzt wieder durch eine intensive Marketing-Kampagne japanischer Alkoholunternehmen international popularisierten »listening bars«, findet anderswo auf der Welt nur wenige Pendants. Japan: eine Vinyl-Nation?

CITI: Drummachines und Synthesizer – die heutzutage damit gemachte Musik wird zumindest auf Vinyl seit langem vor allem importiert.:

Das stimmt so nicht. Zwar steht Vinyl dort wie auch anderswo wieder höher im Kurs als in den Jahrzehnten zuvor, doch bleibt das präferierte Medium der japanischen Bevölkerung weiterhin die CD. Tatsächlich verzeichnet die Website Vinyl Pressing Plants im Land mit der höchsten Dichte an Plattenläden weltweit – ungefähr 6.000 sind es, dreimal so viel wie in den USA – nur vier Presswerke. Obwohl die Dunkelziffer womöglich zumindest etwas höher ist: Für Deutschland, wo gut 50 Millionen weniger Menschen als in Japan leben, sind auf derselben Seite über 30 Presswerke aufgelistet. Als Sony im Jahr 2017 mit großem Trara ankündigte, bald ein neues Vinyl-Presswerk in Japan zu eröffnen, löste das international Begeisterung aus. Bewahrheitet hat es sich indes nicht.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass eine Kultur, deren Erzeugnisse von Reissues der Taj Mahal Travelers hin zu Jazz- oder City-Pop-Compilations und Zusammenstellungen bisher nur auf CD erhältlicher Lieder im Westen heiß begehrt und deren deren vormaligen Produkte – bitte mit Obi und Insert, alles im Mint-Zustand – auf dem Zweitmarkt hoch gehandelt werden, sich schneller und konsequenter als andere von analogen Medien abwandte. Neben dem Walkman wie auch der CD exportierte Japan über die Jahrzehnte hinweg jede Menge Drummachines und Synthesizer sowie Stereoanlagen. Die heutzutage damit gemachte und darüber konsumierte Musik aber wird seit langem schon vor allem importiert, zumindest auf Vinyl. Und die ganzen Plattenläden verschreiben sich zu großen Teilen dem Handel mit Second-Hand-Vinyl.

Aufstieg und Fall der japanischen Vinyl-Produktion

Dabei baut sich ab den 1930ern eine stabile Vinyl-Industrie auf, die von gagaku bis ryūkōka und später enka die Bedürfnisse des heimischen Publikums großflächig bedient. Als das Kaiserreich aber mit den faschistischen Achsenmächten Europas paktiert und an ihrer Seite in den Zweiten Weltkrieg einsteigt, bricht an dessen Ende nach zwei Atombombenabwürfen in Nagasaki und Hiroshima sowie einer Radioansage des ansonsten von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschirmten tennō Hirohito erneut ein neues Zeitalter an. Ein schleppender wirtschaftlicher Wiederaufbau findet statt. Er wird auch von einer Kulturindustrie mit vorangetrieben, die vor allem auf billige und also minderqualitative Massenproduktion setzt. Erst ab den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren gelingt es den Presswerken des Landes, sich bei der weltweiten audiophilen Community als vertrauenswürdige Quelle zu etablieren. Vinyl aus Japan klingt besser und kommt obendrein noch aufwändiger verpackt daher – mit Obi, mit abgerundeten antistatischen Innenhüllen und bisweilen sogar anderen Cover-Designs als im Westen. In Japan selbst formiert sich langsam, angeführt von Labels wie Vanity Records, sogar eine lebhafte Indie-Szene

Schon Ende der 1970er Jahre aber erreicht die japanische Vinyl-Produktion ihren Wendepunkt. Gut 200 Millionen analoge Tonträger werden zu dieser Zeit jährlich verkauft, mehr als je zuvor. Doch bringen der technologische Fortschritt und vor allem die neue Lebensqualität im wirtschaftlich aufstrebenden Land ein neues Konsumverhalten mit sich. Nachdem der in Japan entwickelte Walkman den mobilen und privaten Musikkonsum ermöglicht hatte, wird Anfang der 1980er Jahre die von Sony mitentwickelte CD eingeführt. Im Tandem mit der regional produzierten Wiedergabetechnologie wird sie schnell zum neuen Standard und passt auch besser zum neuen Lebensgefühl, das mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem kulturellen Sendungsbewusstsein der Nation einhergeht: Die baburu keiki, die Blasenhochkonjunktur, sorgt für ungemeinen privaten Reichtum und äußert sich in einem neuen Kosmopolitismus. Statt zuhause auf Vinyl erdigen Folk Rock zu hören, lassen die Japaner*innen lieber über die Autoanlage slicken City Pop laufen. Der neue Zeitgeist ist farbenfroh und unbeschwert, die Musik dazu soll gefälligst ohne Nebengeräusche daherkommen.

Lokale Geschäfte

Vinyl wird so innerhalb nur eines Jahrzehnts fast vollständig verdrängt. Als Sony im Jahr 1989 seine letzten Vinyl-Releases im firmeneigenen Presswerk vom Band laufen lässt, macht Vinyl auf Gesamtsicht der verkauften Tonträger nur 3% des Marktanteils aus und bringt nur schlappe 1% des Gesamtumsatzes ein. Die Compact Disk dominiert, doch sind die inländisch produzierten CDs weitaus teurer als anderswo: Durchschnittlich muss in Japan bis heute doppelt so viel wie in anderen Ländern für ein Exemplar auf die Ladentheke gelegt werden. Um den Absatz von heimischen Produkten anzukurbeln, werden verschiedene Maßnahmen ergriffen. Mit allerlei Informationen angereicherte Obi-Strips beispielsweise wiesen schon zuvor Schallplatten und später CDs als genuin japanische Produkte aus. Noch heute entscheidet der Zustand oder überhaupt das Vorhandensein dieses Gürtels, wie obi sich übersetzen lässt, unter Sammler*innen deren Wert auf dem Gebrauchtmarkt. Auch exklusive Bonus-Tracks sollen den Kauf von im Land produzierten Tonträgern ankurbeln – und sorgen ebenso dafür, dass Fans aus aller Welt tief ins Portemonnaie greifen, um an B-Seiten und Live-Aufnahmen zu kommen, die sonst nirgendwo auf der Welt zu haben sind.

CITI:Die japanische Musikindustrie zeigt sich inmitten eines gigantischen Paradigmenwechsels einfallsreich und in mancherlei Hinsicht visionär.:

Tatsächlich zeigt sich die japanische Musikindustrie inmitten eines gigantischen Paradigmenwechsels weiterhin einfallsreich und in mancherlei Hinsicht visionär. Im Jahr 1980 eröffnen die ersten Geschäfte, in denen Schallplatten und CDs wie in einer Videothek ausgeliehen werden können. Es ist eine Praxis, die sich im Land bis heute erhalten hat – gut 2.000 Läden bieten diese Dienstleistung auch weiterhin an – und die unter anderem in der USA von der Musikindustrie mit rechtlichen Mitteln unterbunden wurde, bevor sie sich dort ebenfalls durchsetzen konnte. Im Streaming-Zeitalter, in dem ein ganz ähnliches Prinzip im digitalen Raum ubiquitär geworden ist, zeigt sich allerdings, dass die nachhaltige Bindung der Käuferschaft an physische Produkte – freilich half es der Industrie, dass der illegale Download von Musik zu Hochzeiten der P2P-Plattformen weitgehend verpönt war – weiterhin lohnenswert ist: Bis zum Jahr 2019 machten die finanziell ertragreicheren CDs einen Marktanteil von gut 70% aus. Im nach den USA trotz leicht fallender Zahlen immer noch zweitgrößten Absatzgebiet der Welt, wohlgemerkt.

Idole in der Hülle

Wie aber zuvor dank Obi-Strips und Bonus-Tracks zusätzliche Anreize geschaffen wurden, um das Publikum zum Kauf von heimischen Produkten zu verleiten, so ist auch der beeindruckende Marktanteil der CD-Verkäufe das Resultat ebenso manipulativer wie innovativer Maßnahmen. Im J-Pop-Segment werden bisweilen auch mal ein gutes Dutzend unterschiedlicher Versionen ein und derselben Single – ja, auch für die CD-Single existiert weiterhin ein großer Markt in Japan – oder eines Albums angeboten, die sammelwütige Fans natürlich im Paket kaufen. So wie auch durch beigefügte Goodies jeder CD-Kauf zu einer Art Lotterie wird: Mit etwas Glück steckt eine Konzertkarte oder sogar ein Ticket für ein Meet & Greet mit den Lieblings-aidoru, den Idols, in der Hülle. Das sind längst etablierte Strategien, wie sie seit Kurzem auch westliche Superstars vom Kaliber einer Taylor Swift anwenden, um den maximalen Gewinn aus dem Tonträgergeschäft herauszupressen und die dafür erfinderisch genannt werden.

Auch weil viele dieser Beigaben sehr Event-orientiert ausfallen, zeichnet sich spätestens ab Beginn der COVID-19-Pandemie jedoch ein Umbruch im Konsumverhalten der japanischen Konsument*innen ab. Das nur schleppend anlaufende Streaming-Geschäft nimmt immer weiter Fahrt auf. Und Vinyl? Wird nur ausnahmsweise noch im eigenen Land produziert – gut 1,2 Millionen Platten werden jährlich gepresst, dagegen aber knapp 130 Millionen CDs – und also vor allem importiert. Denn obwohl die inländischen Verkaufszahlen wieder steigen und einige größere japanische Labels wie beispielsweise P-Vine oder Sony klassische Alben von Phew oder Haruomi Hosono neu auflegen und ins Ausland vertreiben, finden sich die Originale mit Obi-Strip dann eben doch am ehesten als Pressungen von anno dazumal in den Second-Hand-Läden des Landes. Von denen gibt es schließlich mehr als genug – mehr als anderswo auf der Welt.