Kinderzimmer Productions – Die Macht der lebenden Toten

17.10.2011
Sie haben sich vor drei Jahren aufgelöst, doch ihr Veröffentlichungsmodus hat sich seither verdoppelt. Gerade ist ein weiteres Live-Album erschienen. Ein Interview mit Textor über vertane Chancen, Realness und die Ästhetik von Rap.

Mit der Auflösung ihrer Band Kinderzimmer Productions haben MC Textor und DJ Quasi Modo ihr musikalisches Baby im Jahr 2008 zu Grabe getragen; eine der verdientesten, innovativsten und unterschätztesten Rap-Crews des Landes hat sich damals schweren Herzens aus dem HipHop-Game verabschiedet. Erstaunlicherweise hat sich ihr Veröffentlichungsmodus seither verdoppelt, und das freut Fans, Kritiker und Band gleichermaßen. Mit Gegen den Strich steht mittlerweile ihr zweites Live-Album in den Läden, auf dem sie mit dem RSO-ORF Radio Symphonie Orchesters einige ausgewählte Stücke aus dem legendären Back-Katalog noch einmal aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet haben. Ein Interview mit Textor über vertane Chancen, Realness und die Ästhetik von Rap-Musik.

Im Stück Twoinonetwo gibt es die Textzeile: »Vielleicht kommen wir zurück, vielleicht packt das Leben uns beim Schopf«. Trifft es das, als ihr nach eurer Auflösung noch mal gefragt worden seid, ob ihr ein Konzert mit dem RSO-ORF-Radio Symphonie Orchester in Wien geben wollt?
Textor: Nein, für uns hatte das vor allem einen sportlichen Aspekt. Wir hatten mit Over And Out vor zwei Jahren ja bereits ein Live-Album gemacht, mussten damals aber einige Kompromisse bei der Besetzung eingehen. Diesmal gab es hinsichtlich des Klangkörpers keinerlei Einschränkungen, und da waren wir schlichtweg zu neugierig, als das wir diese Chance hätten verstreichen lassen können. Der ausschlaggebende Gedanke war: Wenn du irgendwann 60 bist und jemandem erzählst, dass du das hättest machen können, es aber nicht getan hast, wie fühlst du dich dann? Und die Antwort lautete schlicht und ergreifend: Scheiße. Deshalb mussten wir das einfach machen.

»Auf der anderen Seite lebt Hip Hop natürlich extrem davon, die Eier hängen zu lassen.« (Textor)

Du bist studierter Kontrabassist. Wäre da so ein Projekt in kleinerer Besetzung vorher nicht auch schon mal möglich gewesen?
Textor: Ja, vielleicht, aber solche Vorhaben sind immer sehr riskant und ein wenig vorbelastet. Normalerweise adeln sich durch derlei Orchesterkollaborationen bloß irgendwelche Altrocker; einfach, weil sie es sich leisten können. Man muss aber auch die Grundlagen dafür schaffen, und das tun die Wenigsten. So eine Arbeit mit einem Orchester ist immer definiert durch den Raum, in dem das stattfindet, den Musikern, die das spielen und der Art, wie das rezipiert wird. Man muss einfach sitzen und die Klappe halten, darf nicht rumstehen und grölen – ansonsten gehen die Details flöten. Auf der anderen Seite lebt Hip Hop natürlich extrem davon, die Eier hängen zu lassen. Beiden Seiten haben wir versucht, mit diesem musikalischen Experiment gerecht zu werden.

Worin lag die größte Schwierigkeit bei der Umsetzung des Projekts?
Textor: Zeit war ein großer Faktor; und damit einhergehend die Frage der Synchronisation. Auf Platte ist das Timing schließlich keine Frage von Geschmack, sondern eine mathematische Tatsache, die Orchestermusiker in dieser Form nicht kennen. Wir haben uns mit dem Dirigenten deshalb auf einen »Klick im Ohr« geeinigt, was für ihn gleichbedeutend war mit: Gar nicht künstlerisch werden. Und gar keinen Gestaltungsspielraum zu haben ist definitiv eine Übung in Demut für einen Dirigenten. Dafür muss man Größe zeigen.

Seid ihr mit dem Ergebnis denn 100%-ig zufrieden?
Textor: Die 100% erreicht man nie. Das würde Selbstaufgabe, Kasteiung und Essensverzicht bedeuten – ein Zustand, den niemand haben will. Quasi Modo und ich haben aber die interne Regelung, nach der wir ganz subjektiv immer über 90 kommen müssen. Bei diesem Projekt war für mich persönlich jedoch das Gefühl wichtiger, mir nun nichts mehr beweisen zu müssen. Ich habe durch diese Zusammenarbeit Erfahrungen gemacht, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Das fühlt sich für mich so an, als hätte ich einen Achttausender bestiegen.

Wie haben die Orchestermusiker denn auf eure Sachen reagiert? Ich vermute mal, dass viele von denen vorher keinen großen Bezug zu Hip Hop hatten, oder?
Textor: Das war tatsächlich ein Moment, vor dem ich ein wenig Angst hatte. Unter hundert Leuten herrscht zudem nie Einigkeit darüber, ob etwas als »geil« oder »ungeil« empfunden wird. Das ist aber auch okay, so lange der Punkt der kritischen Masse in deine Richtung kippt. Sobald die Opinion-Leader oder die Mehrheit der Leute jedoch gegen dich sind, hast du keine Chance mehr. Das war bei uns aber glücklicherweise nicht der Fall.

»Mir war wichtig, dass die merken: Hip Hop hat durch das Loopen, durch das Prinzip der Wiederholung, eine ganz eigene Charakteristik, die wiederum eine ganz eigene Ästhetik hervorbringt.« (Textor)

Es gab vom Orchester-Ensemble also keinerlei Vorurteile gegenüber euch Hip Hoppern?
Textor: Sagen wir so: Die haben durchaus gemerkt, dass ich mich mit ihnen verständigen kann. Mir ging es jedoch nicht darum, die Straßengöre zu mimen, die sich benehmen kann, dafür bin ich da nicht angetreten. Mir war wichtig, dass die merken: Hip Hop hat durch das Loopen, durch das Prinzip der Wiederholung, eine ganz eigene Charakteristik, die wiederum eine ganz eigene Ästhetik hervorbringt. Ich wollte denen vermitteln, dass es nicht albern ist, permanent bestimmte Phrasen zu wiederholen, sondern dass das richtig geil klingen kann. Ob das bei allen so angekommen ist, weiß ich allerdings nicht genau.

Im Stück Mikrofonform gibt es die Zeile »Für die Ewigkeit ist nur der Ruhm, hat irgendjemand gesagt. Die Übelkeit bleibt, der Ruhm bleibt mir versagt.« Als Kinderzimmer Productions habt ihr zwar auch über die HipHop-Szene hinaus immer glühende Anhänger gehabt, galtet als sehr sympathisch und eigenständig, aber wirklich durch die Decke gegangen seid ihr nie. Gab es mal Zeiten und Phasen, in denen euch das »gegen den Strich« gegangen ist – um mal den Bezug zur aktuellen Platte beizubehalten?
Textor: Klar, weil ich schon das Gefühl hatte, dass wir für extrem viele Leute die Fahne hochgehalten haben. Es gibt sicherlich viele Punkte, an denen man uns kritisieren kann und nicht mögen muss, aber um unser Maß an Realness zu erreichen, müssen viele Andere noch ein paar Mal die Luft aus ihren Konzepten lassen. Und diesen Umstand hätte ich natürlich gerne honoriert gesehen. Da hatte ich manchmal das Gefühl, dass da nicht richtig hingeschaut wurde, weil wir oft vorschnell als Arty-Farty-Abiturienten-Jungs abgetan wurden – und das ist schlichtweg zu kurz gegriffen.

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