In Momoko Gills Familie gibt es einen Pianisten, einen Gitarristen und eine Sängerin. Also erkor sie das Schlagzeug zu ihrem Instrument. Damit verschaffte sie sich Gehör.
Der musikalische Weg der in Japan und den USA aufgewachsenen Londonerin verlief alles andere als geradlinig. Momoko studierte zunächst Anthropologie und Soziologie, später arbeitete sie bei einem TV-Sender. Es passte nicht zu ihr. Eigentlich wollte sie Musik machen, hatte sich aber lange Zeit nicht getraut. Der Wendepunkt kam während der Pandemie. Heute sitzt sie nicht nur am Schlagzeug, sie schreibt auch eigene Songs und singt.
Dazu legt sie eine Experimentierfreude an den Tag, die es schwermacht, sie musikalisch zu greifen. Immerhin bewegt sich die Newcomerin aus London in einer Szene, die Jazz, Elektro, Hip-Hop und Weltmusik miteinander verschränkt.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte Momoko zusammen mit dem Produzenten Matthew Herbert – bekannt aus der elektronischen Musik – das Album Clay. Es klingt sehr nach Popmusik und Dancefloor, ganz anders als ihr Solo-Debüt, das jetzt erschienen ist. Auf Momoko taucht sie in dunkle Gewässer des Trip-Hop ein, lotet Klangschönheit neu aus und macht vor allem deutlich, wer den Takt angibt.

Momoko
Mit sicherer Hand in ein kontrolliertes Chaos.
Als Schlagzeugerin achtet Momoko darauf, dass ihre Rhythmen genug Raum zum Atmen haben. Von abwechslungsreichen Drumpattern über Sounds, die dem Groove mal ent- und mal widersprechen, bis hin zur Produktion – die Autodidaktin lässt keinen Stein auf dem anderen, bis der Song schließlich steht.
Mit dem Schreiben begonnen hat sie, um herauszufinden, was sie fühlt. Klarheit: ein wichtiges Motiv für ihre Musik. Auch deswegen achtet Momoko mit ihrem Gesang sehr genau darauf, wie Melodie, Klang und Harmonie zusammenspielen. »Ich habe immer wieder Dinge geschaffen, die einen zentralen Fokus brauchten, um alles zusammenzuhalten«, sagt sie.
Gerade weil sie weiß, was sie tut, löst sie die Struktur zeitweise auf. Mit sicherer Hand in ein kontrolliertes Chaos. Man hört das gut im jazzigen »No Others«. Im Song geht es um Orte, an denen eine Grenze zwischen Menschen verläuft: Flughäfen, Polizeistationen, Arbeitsämtern. Eine Person sagt meist, wo es langgeht, die andere muss sich ausweisen oder erklären.


Aus dem Kopf ins Herz
Musikalisch übersetzt Momoko dieses Machtverhältnis, indem sie gegen den Beat arbeitet — und übergeht es direkt, indem sie sich über den eigenen Rhythmus hinwegsetzt. Nachdem man treibende Drums zu schnell gezupftem Kontrabass hört, drückt sie für den Refrain selbstbestimmt auf die Bremse und setzt dem Groove ihre kontemplative Stimme entgegen. »Ich wollte, dass sich meine Strophen groovig anhören und einfach genug sind, um so mehr Raum für komplexere Harmonien im Refrain zuzulassen«, erklärt sie.
Ähnlich in »Rewind/Remind«, das Einflüsse aus Ostasien und dubbige Trip-Hop-Bässe aus Bristol eint. Momoko hadert im Song damit, im Hier und Jetzt zu sein, suhlt sich in Einsamkeit und Melancholie. Sie stört sich noch an der Angepasstheit eines Menschen, der ihr vermutlich einmal nahestand. An die Stelle elektronischer Synths treten Vokalisen, die den Beat subtil unterlaufen. Momoko ist eben der Boss! Wenn sie will, verhätschelt sie die Rhythmen – mit einer Sanftheit, die selbst das verkopfteste Arrangement aufbricht. Jazz-Klänge wandern so aus dem Kopf ins Herz.
You’ll never move on if you don’t clean up.
Im Grunde ganz aufgeräumt: Momoko Gill
Das Herz geht auf, wenn »When Palestine Is Free« läuft. Im letzten Drittel drosselt Momoko erneut das Tempo und spielt die Drums so, als gehe der Song zu Ende: viel freies Spiel, viel Trommelwirbel. Die Bläser im Hintergrund machen unterdessen weiter. Kurz sind sie irritiert und scheinen zu zögern, bevor die Drummerin sie einfängt und zurück in den Rhythmus zieht. Im nächsten Moment singen etwa 50 Musikerinnen und Musiker im Chor über individuelle Freiheit.
Momoko positioniert sich mit ihrer Stimme dazwischen. Sie lebt ihre künstlerische Freiheit und zeigt, dass Selbstbestimmung entsteht, wenn man dem Erwartbaren trotzt und eigene Gefühle erforscht. So kommt sie weiter. Vielleicht heißt es deshalb in einem der Songs auf ihrem Debüt: You’ll never move on if you don’t clean up.
