Records Revisited: Angelo Badalamenti – Twin Peaks OST (1990)

11.09.2015
Wer »Twin Peaks« nicht gehört hat, hat es nie gesehen. Angelo Badalamenti hat vor 30 Jahren einen Soundtrack zwischen realem Cool Jazz und fiktiven Synthesizer-Welten geschaffen – und David Lynch vor Freude aus dem Studio geschickt.

Eine »Ehe, geschlossen im Himmel«, nannte Angelo Badalamenti seine Zusammenarbeit mit David Lynch Den Komponisten aus Brooklyn und das Regie-Genie mit dem Haartwist verband eine gemeinsame Vision: »Twin Peaks«. Die Serie, zu der sich in den USA Anfang der 1990er Jahre über 35 Millionen Menschen hinter ihre Röhrenfernseher klemmten. Die fiktive Stadt, die sich ins popkulturelle Gedächtnis einprägte wie Kirschkuchen und Kaffee aus dem Double R Diner. Die Musik, die den surrealen Seifenopern-Abgrund genauso einfing wie die Gewalt, Liebe und Intrigen innerhalb der US-amerikanischen Kleinstadt »five miles south of the Canadian border«. »Twin Peaks« wird nun 30 Jahre alt. Die Musik von Badalamenti keinen Moment jünger. Und doch hört sich der Soundtrack an, als hätte man ihn gestern geborgen – konserviert und »wrapped in plastic«.

Man muss »Twin Peaks« nicht gesehen haben, um die Musik zu verstehen. Aber man sollte die Musik hören, will man ein Gefühl für die Serie bekommen. Die düster-dissonanten Klänge, die sich übereinanderstapeln und verkeilen, sich hochschaukeln und zum Höhepunkt kommen; die cooler als Cool Jazz-Stücke, bei denen man barfuß über Samtteppiche in verrauchten Kellerlokalen tapst; und jene Neo-Noir-Stücke, bei der sich Synthesizerwände von Cocteau Twins und die Zeitlupen-Stille von Bohren & Club of Gore die Hände reichen, sie erzählen, was man über »Twin Peaks« wissen muss, um – in bester Lynch-Manier – nichts zu wissen. Badalamenti hat eine Welt eingefangen, die er selbst geschaffen hat. Eine Welt, die genauso finster rüberkommt, wie der Kaffee, den sich Agent »damn good cup of coffee« Cooper pausenlos ins Gesicht schüttet, um die Ermittlungen zum Tod von Laura Palmer anzutreiben.

Palmer ist Ausgangs- und Endpunkt von »Twin Peaks«, das Epizentrum einer imaginären Atmosphäre, in der Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Ihr Tod hängt mit allem zusammen, von ihm aus spinnen sich die Fäden über zwei Staffeln, einen Film und den 18 Folgen langen »Return« im Jahr 2017. Die Musik, die Badalamenti für Laura Palmer aufnahm, steht wie ihre Geschichte am Anfang. Sie schafft den Nicht-Rahmen, innerhalb dessen Lynch »Twin Peaks« verortet – und außerhalb dem der Mindfuck erst losrattert. Sobald man die Musik hört, bekommt man sie nicht mehr aus dem Kopf. »David kam in mein Studio und das erste was wir schrieben, war ›Laura Palmer’s Theme‹«, sagt Badalamenti. Er habe sich neben sein Fender Rhodes gesetzt und begonnen zu erzählen. Von einem düsteren Wald, dem Wind, der durch die Bäume pfeift. Und von der »wunderschönen Finsternis«, die sich Lynch vorgestellt habe. Angelo Badalamenti spielt dazu Akkorde aus dem Unbewussten, vor denen sich die Moll-Tonleiter aus Angst in die Hose pisst. Er greift in die Vorstellung ein, um sie in Klänge zu verwandeln. Und schafft in den Ohren des Rolling Stone Magazine »den einflussreichsten Soundtrack der TV-Geschichte.«

Die elektronische Künstlichkeit und das analoge Reale führen in ein Dazwischen, hinunter zu einem nicht-fassbaren Anderem, das als liminaler Zustand den Übergang zweier Welten verbindet: die Präsenz der Fiktion und die Absenz der Realität.

In einem Video erzählt Badalamenti vom Moment in seinem New Yorker Studio. »David wollte tiefer in den Wald, ich spielte noch langsamer. Auf einmal sah er ein einsames Mädchen, das aus der Tiefe des Waldes kommt. Es brauchte eine Veränderung, etwas Schönes im Dunkeln.« Badalamenti wechselt die Akkorde und trippelt aus der Verborgenheit des Waldes. »Oh, das ist wunderschön«, habe Lynch gejauchzt. »Laura kommt immer näher, mach weiter«. Der Sound schwellt an, die Nebelschwaden lichten sich, Lynch springt auf: »Verändere keine Note, das ist Twin Peaks«, habe er gesagt – und das Studio nach 20 Minuten verlassen.

Dass es zu dem kreativen Zweiergespann kam, verdankt Badalamenti den Dreharbeiten zu »Blue Velvet« 1986. Die Hauptdarstellerin Isabella Rossellini sollte ein Stück einsingen, ihr Vocal-Coach versagte. »Hier haben sich die Dinge für mich verändert«, erinnert sich Badalamenti. Lynch ließ ihn zum Set einfliegen. Badalamenti arbeitete drei Stunden mit Rossellini und schuf eine Stimme, wie sie der Regisseur wollte: »äußerst schön, aber auch düster und ein bisschen gruselig.« Badalamenti, der als Bub in Brooklyn der 1940er mit viel klassischer Musik aufwuchs, hatte ein Gespür für solche Momente. Doch erst die Zusammenarbeit mit Lynch führte zum Erfolg. Badalamenti wurde zum musikalischen Gegenstück für die atmosphärischen Ideen von Lynch. Er spielte den Soundtrack zu »Blue Velvet« ein und nahm 1989 mit Julee Cruise das Album »Floating into the Night« auf. »Falling«, mit seinen ikonischen Bassnoten und der »Engelsstimme« von Julee Cruise, wurde in der Instrumentalversion zum Theme-Song von »Twin Peaks«.

Die »wunderschöne Dunkelheit«, von der Lynch sprach, bedingt das Gleißen des Lichts. Badalamenti komponierte für Synthesizer und klassische Instrumente. Die elektronische Künstlichkeit und das analoge Reale führen in ein Dazwischen, hinunter zu einem nicht-fassbaren Anderem, das als liminaler Zustand den Übergang zweier Welten verbindet: die Präsenz der Fiktion und die Absenz der Realität. Was in der Welt von »Twin Peaks« existiert, ist nur auf der Grundlage von Abwesenheiten möglich, die ihnen vorausgehen und sie umgeben. Die Musik leuchtet die Dunkelheit aus, macht sie fassbar und das Außerirdische irdisch.

Angelo Badalamenti
OST Music From Twin Peaks
RHINO • 1990 • ab 26.99€
Das Grollen auf »Laura Palmer’s Theme« schlüpft zwischen die Balladen des Soundtracks (»The Nightingale«) und in den Fingerschnips-Jazz (»Dance of the Dream Man«), in die verhallten Gänge der Black Lodge (»The Bookhouse Boys«) und in die Wälder um das Roadhouse (»Night Life In Twin Peaks«). Der Song kehrt als Motiv wieder, löst sich von der Serie und führt ein Eigenleben. In den Billboard Charts, als Sample bei Moby’s »Go« oder als geistige Nährquelle für Produzenten wie Palmbomen II »Soundtrack from Twin Peaks« mag 30 Jahre auf dem Buckel haben. Das Ding geht trotzdem rein wie in der ersten Studio-Session von Lynch und Badalamenti. Oder wie Agent Cooper sagen würde: »Never seen so many trees in my life.«

Die Musik von Angelo Badalamenti findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/angelo-badalamenti-film-tv/p:VKH8ls.)