Records Revisited – Fennesz’ Venice, 2004

07.01.2015
Vor zehn Jahren veröffentlichte Christian Fennesz sein bis dahin viertes Album »Venice«. Darauf gab der Wiener Gitarrist seine eigentümliche Synthese von Noise und Pop eine neue Wendung.

Was Venedig und die Gitarre gemeinsam haben? Ganz einfach: Sie sind beide mit dermaßen vielen Klischees überfrachtet, dass ein Befreiungsschlag wie ein Segen kommt. Ob nun das romantische Geblubber von der Stadt, in der die Gondeln Trauer tragen oder das Bild vom schwanzverlängernden Rockinstrument, auf dem haarige Typen schnulzige Stadion-Hymnen zusammenklimpern: Hin und wieder tut es Not, wenn solche tradierten Bilder zerschmettert und von Neuem wieder aufgebaut werden.

Klischees abbauen
Als Gitarrist hatte der studierte Musiker Christian Fennesz sich bis Anfang der 1990er Jahre kaum aus der Grauzone der Konventionalität hervorgewagt. Vom Werk seiner von 1989 bis 1992 existierenden Indierockband Maische, die damals zur Szenegröße avancierte, distanziert er sich heute. Bis Techno über Österreich kam und alles anders wurde. Das Equipment wurde billiger, einfacher zu bedienen und auch Fennesz machte sich daran, auf andere Art zu musizieren.

Von der Gitarre verabschiedete er sich jedoch keineswegs, er nutzte sie nur anders – völlig anders. Auf der EP »Instrument« aus dem Jahr 1995 nutzte er sie als Samplegrundlage, seine 7″ »Plays« von 1998 zollte sogar durch – wohlgemerkt: kaum erkennbare und daher von den österreichischen Verwertungsgesellschaften als Originale deklarierte – Coverversionen zwei Gitarrenbands Tribut: Den Rolling Stones und den Beach Boys.

Good Vibrations
»Mein Ding war immer, etwas ganz Eigenständiges zu schaffen, das sonst niemand machte. (…) Aber ich wusste immer, dass ich nur das machen sollte, was ich am besten kann. Und da spielt die Gitarre einfach eine Rolle«, erklärte Fennesz in der oral history »WienPop«. Damit avancierte er in der Wiener Szene der 1990er Jahre zur Ausnahmefigur, konzentrierte sich doch alles auf den virilen Techno-Boom oder aber die Avantgarde-Noiseniks, die sich um junge Label Mego (heute: Editions Mego) scharten. »Sie hatten Kühlschränke, und ich hatte die Gitarre«, sagte Fennesz in Anspielung auf das erste Release des von Peter Rehberg, Ramon Bauer und Freunden kuratierte Label, die EP »Fridge Trax«.

Nicht allein die Gitarre allerdings, sondern auch das Gespür für weiche Harmonien, die sich selbst mit dem knusprigsten Noise nicht bissen. Sein Durchbruch gelang Fennesz im Jahr 2001 mit »Endless Summer«, seinem dritten Album, das wie sein Debüt »Hotel Paral.lel« auf Mego erschien. Darin tauchten erneut, 35 Jahre nach Veröffentlichung der »Pet Sounds«, die Beach Boys als unüberhörbare Referenz auf. »Für mich ist Noise nichts, das ich zum Schocken benutze, oder weil es komisch oder merkwürdig oder was auch immer ist. Ich benutze es, weil ich es schön finde. Für mich liegt eine stark hypnotische Kraft in Noise-Musik, und etwas, was ich aus meiner Musik nicht wegdenken möchte«, äußerte sich Fennesz in einem Interview gegenüber Pitchfork

Nach »Endless Summer« hatten sich die Hörgewohnheiten schlicht verändert, wurde Noise mit offeneren Ohren empfangen als zuvor. Fennesz aber wäre nicht Fennesz, wenn er das Rad, das er selbst zum Laufen gebracht hatte, nicht noch weitergedreht hätte. ()

Pop Will Eat Itself*
»Endless Summer« entdeckte so den Noise im Pop und umgekehrt. Es war ein bahnbrechendes Album, weil es beide Genres zugleich von ihren Klischees freischlug und aus ihrer Synthese etwas viel Größeres erwachsen ließ. Das hatte seine Folgen. »Als ich meine erste Platte auf Mego im Jahr 1994, 1995 machte, spielte ich sie meiner Mutter vor«, erinnerte er sich in einem Interview mit Philip Sherburne auf dem Blog Wondering Sound in diesem Jahr. »Sie sagte: ‚Das ist total chaotischer Krach, darin kann ich absolut nichts sehen!‘ Sie war ehrlich. Ein paar Jahre später veröffentlichte ich dasselbe Album auf der Platte »Field Recordings 1995:2002« auf Touch erneut. Es enthielt den ersten Track von damals. Und meine Mutter hörte es sich an und sagte: ‚Hey, Christian, warum kannst du nicht mehr solche schöne Musik wie diese hier machen?‘ Das verblüffte mich. Offensichtlich hatte sich ihr Hörverhalten geändert.«

Vermutlich ist das 2004 auf Touch erschienene »Venice« deshalb eine Art ungeliebtes Kind der umfassenden Fennesz-Diskografie, die neben einer Vielzahl von Live- und Studio-Kollaborationen auch Theater- und Filmmusik umfasst. Nach »Endless Summer« hatten sich die Hörgewohnheiten schlicht verändert, wurde Noise mit offeneren Ohren empfangen als zuvor. Fennesz aber wäre nicht Fennesz, wenn er das Rad, das er selbst zum Laufen gebracht hatte, nicht noch weitergedreht hätte.

Fennesz’ »Venice«: das ungeliebte Kind
Die Beach Boys-Referenzen schwanden und mit ihnen das Gefühl der Sorglosigkeit. Die vor Ort im venezianischen Sommer 2003 aufgenommenen Tracks – von denen zwölf auf dem Originalrelease und 14 auf der Neuauflage anlässlich des zehnten Jubiläums des Albums zu hören sind – durchzieht selbst noch in ihre euphorischsten Momenten wie etwa dem Kernstück »Circassian«, einer der beiden gemeinsam mit dem Avantgarde-Gitarristen Burkhard Stangl komponierten Tracks auf »Venice«, ein Gefühl der Beklemmung.

Das liegt nicht zuletzt am Gastauftritt des ehemaligen Japan-Sängers David Sylvian, der auf dem Song »Transit« auf seine unnachahmliche Art Zeilen wie »The lights are dimming/The lounge is dark/The best cigarette is saved for last/We drink alone/We drink alone« ins Mikrofon raunt, nein: Fennesz zeichnet mit seinen klangmalerischen Drones auch ein ganz neues Bild einer Stadt, die von ihrer kulturellen Rezeption völlig überformt wurde. Auf »Venice« schmettern keine Gondoliere ihre schmusigen Schnulzen, sondern ihre Nussschalen werden von den harschen Akkorden von »The Stone Of Impermanence« mit Klangwellen überrollt, die selbst noch die Seufzerbrücke hinwegspülen könnten.

Keine schmusigen Schnulzen
Stand »Endless Summer« noch für in sich ruhende Harmonie, verkörperte »Venice«, dessen Artwork von den eindringlichen Fotografien des Touch-Mitbegründers Jon Wozencraft bestimmt wird, eine Art von ruheloser Intensität. Jedes Klangteilchen scheint sich am nächsten zu reiben, jeder dröhnende Orgelton wimmert angespannt und jeder entfernt erklingende Vocal-Schnipsel scheint um Hilfe zu flehen. Und doch liegt in dieser Synthese aus Pop und Noise, die Fennesz mit »Venice« keineswegs hinter sich gelassen hat, noch unvergleichbar viel Schönheit. Hier und dort brechen deutlich vernehmbar klare Gitarrenmelodien und Gitarrenakkorde den wolkenverhangenen Horizont. Denn wenn Fennesz das macht, was er am besten kann, ja, dann spielt die Gitarre einfach eine Rolle.