Der Rolling Stone sieht die Platte nach wie vor unter den Top 10 der besten Alben aller Zeiten, aktuell auf Platz sechs. Und die darauf enthaltene Single »God Only Knows« lobte Paul McCartney immerhin als den besten Song aller Zeiten. Pet Sounds hat sich seit seinem Erscheinen 1966 über die Jahrzehnte zu einem der heiligen Grale des Pop entwickelt, woran auch der Umstand wenig ändert, dass die Beach Boys mit ihrem nie vollendeten Albumprojekt Smile ein noch größeres Mysterium schufen. Den Rang von Pet Sounds gefährdet das nicht.
Obwohl sich ihr Image als Gute-Laune-Hits-Produzenten ohne nennenswerte Substanz dank früherer Songs wie »Surfin’ U.S.A.« zum Teil bis heute gehalten hat, waren die Beach Boys in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von Sonnyboys. Ihr Kopf Brian Wilson jedenfalls konnte nicht bloß komponieren und Studio-Innovationen hervorbringen wie sonst kaum jemand im Pop, er verfügte auch über eine fragile Psyche, die ihn dazu brachte, Tiefe bis hin zu Abgründen in seinen Songs zu offenbaren.

The Pet Sounds Session Highlights Limited Edition
Wer käme schon auf die Idee, einen Liebessong, nach einem Waldhorn-Intro wohlgemerkt, mit der Zeile »I may not always love you« beginnen zu lassen? Doch so, wie das elegische Hornmotiv in »God Only Knows« kurz vor dem Einsetzen des Gesangs durch zögerlich synkopierte Akkorde ins Stocken zu kommen scheint, ändert der Text sogleich den eingeschlagenen Kurs: »But long as there are stars above you / You never need to doubt it / I’ll make you so sure about it«.
Das klingt einerseits nach einem Liebesbekenntnis mit Langzeitperspektive: Diese Liebe wird so lange anhalten, wie das Universum über ihr besteht. Kein bescheidener Anspruch. Es ist aber nicht einfach ein Bekenntnis aus dem Hier und Jetzt, sondern ein Versprechen für die Zukunft. So, als müsste sich das Ich des Texts selbst Mut zusprechen, dass es mit der Liebe auf Dauer wirklich klappt. Von den oft geradeheraus artikulierten Liebesbekundungen anderer Popsongs unterscheidet sich das dann doch etwas.
Alles andere als ein Idyll
Wie der Autor Jim Fusilli in seinem Buch Pet Sounds hervorhebt, liegt der Grund für so eine »universale Liebe« gleichwohl in etwas sehr Irdischem: »God only knows what I’d be without you«, heißt die Refrainzeile. Das Ich des Songs »braucht sie« halt, so Fusilli. Andernfalls hätte der Ich-Erzähler keinen Grund zu leben.
Existenziell zerquälte Liebesfragen ziehen sich durch das ganze Album. Was die Musik ähnlich existenziell spiegelt. Der Gesang Brian Wilsons etwa in »Don’t Talk (Put Your Head on My Shoulder)« hat in seiner hellen Zartheit zugleich etwas Flehentliches. Anders als bei den Beach Boys üblich, singt er dabei ohne den Backgroundchor seiner familiären Mitstreiter. Über getragenen Akkorden beschwört er die Gegenwart eines Paars, das ruhig nebeneinandersitzt. Worte scheinen nicht nötig.
Wilsons psychischen Nöte, die erst Jahre später richtig diagnostiziert und behandelt wurden, kann man aus den Texten durchaus heraushören.
Eine ungetrübte Idylle vermittelt der Song trotzdem nicht. Wenn in der zweiten Strophe nach der ersten Zeile »Being here with you feels so right« die Worte »This could be forever tonight« folgen, setzt dazu ein Streichsextett mit statischen tiefen Tönen ein. Spätestens in diesem Moment wechselt der Song in eine fast bedrohliche Angespanntheit. Was nichts daran ändert, dass er neben »God Only Knows« zu den Höhepunkten der Platte zählt.
Fusilli vermutet bei dieser Zweisamkeit im Übrigen noch eine eingebaute Falltür. Das Paar könnte an einem Punkt sein, an dem die Frau den Erzähler verlassen will. Was die Worte »This could be forever tonight« in ein anderes Licht rückt. Dass Brian Wilson und sein Texter Tony Asher diese abgründigen Interpretationen zulassen, mag Wilsons Zustand geschuldet gewesen sein. Seine psychischen Nöte, die erst Jahre später richtig diagnostiziert und behandelt wurden, kann man aus den Texten durchaus heraushören. Der Song »That’s Not Me« trägt das Thema Identitätskrise sogar gut sichtbar im Titel.
Was man hingegen mit uneingeschränkter Begeisterung ebenfalls heraushören kann, sind die vielen Details der Produktion mit ihrer stark nuancierten Dynamik oder den ungewöhnlichen Arrangements. Ein Akkordeon darf da genauso wenig fehlen wie ein Theremin. Vermutlich half Brian Wilson das Handicap, dass er auf einem Ohr taub war, sich umso mehr auf Einzelheiten zu konzentrieren.
Diese Platte bleibt ein Wunder. Ein Wunder, das heftig anrühren kann.