Wie umgehen mit einer brennenden, unsicheren, teuren, kriegerischen Welt? Pilates? Longevity, Looksmaxing, kleine gerade noch bezahlbare Dopaminkicks? Alles versuche, ein bisschen Kontrolle zu bewahren.
Die Alternative: Es so zu machen wie 2012. Nur jetzt etwas erwachsener (und depressiver): YOLO. Wenn alles schlecht ist und außerhalb der eigenen Kontrolle liegt, ist ja auch alles ein bisschen egal. Do it for the plot. In Zeiten großer Verunsicherung boomt der Eskapismus – und damit ein gewisser Klang. Haben wir schon 2008 gelernt, als während der Finanzkrise Songs wie »So What« von P!nk oder »Just Dance”«von Lady Gaga die Charts dominierten. Und damit willkommen zurück, Recession Pop.

Ö Black Vinyl With Poster Edition
Als Shannon (»Shanny«) Wise das Zoom-Interview betritt, ist es kurz schwer zu glauben, dass ihre Sprechstimme wirklich genauso klingt wie auf den Songs der Band. Zusammen mit Jackson Walker Lewis, dem Mann an Bass und Synths, bildet sie das New Yorker Duo Fcukers. Shanny scheint aus dem Reich der Engel zu kommen. Oder aus der Raucherecke. Beides gleichzeitig. Sie bewegt sich sanft als das einzige verbindende Element über die unterschiedlichen Beats der Band.
Als Shanny 2022 über gemeinsame Freunde Jackson kennenlernt, ist ihre ehemalige Indie-Band The Shacks gerade seit zwei Jahren Geschichte. Ähnlich wie bei Lewis, der Teil der Band Spud Cannon war und nebenbei seine Miete als DJ in den Clubs New York Citys verdiente. Recht schnell stellten sie fest, was beide außerdem gemeinsam haben: den Drang, sich in neuen Genres auszuprobieren, und eine gewisse Fuck-It-Attitüde, passend zum Zeitgeist der meisten 20-somethings, verloren nach der Pandemie.
Mit der Schulter gezuckt und berühmt geworden
So entstand die Band genau so, wie man es sich vorstellt: zwei Menschen und die Idee, Musik zu machen, die in erster Linie nur für sie selbst ist. Berühmt werden sollten Fcukers sollte nie.
»Wir hätten nie gedacht, dass wir das alles tatsächlich machen würden. Wir dachten, wir würden vielleicht ein einziges Konzert geben, nur für unsere Freunde. Wir hatten keinen Plan. Das Projekt war von Anfang an so angelegt, dass es einfach zum Spaß war. Es ging uns nur darum, Musik zu machen und eine gute Zeit zu haben. Das ist es, was wir machen wollen, das ist, wozu wir selbst feiern gehen wollen.«
Das spiegelt auch der Bandname wider. Im amerikanischen Rundfunk gibt es die magischen »seven dirty words«, die nicht gesagt werden sollten, wenn man als Radio keinen Stress mit der Federal Communications Commission (FCC) bekommen möchte. Eins dieser Wörter ist »fuck«. Musikindustrie? Whatever.
Trotz dieses Mindsets ist seit der Gründung viel bei den Fcukers passiert. Den ersten Gig buchen sie kurz nachdem ihr erster Song »Mothers« fertig geworden ist – und das in keinem anderen als dem berühmt-berüchtigten Baby’s All Right in Brooklyn, einer 280-Personen-Venue, in der auch Stars wie SZA und Billie Eilish ihre Anfänge hatten. Danach folgen DM-Anfragen nach mehr Musik, Support-Shows für LCD Soundsystem und Tame Impala, zwei Boiler-Room-Sets, 2024 ihre erste EP Baggy$$ und nun mit Ö schließlich das lang ersehnte Debütalbum.

»Ein Wort oder ein Satz wäre zu viel des Guten. Alles ist bereits gesagt worden. Alles ist bereits getan worden. Also dachten wir uns: Was wäre, wenn es ein Symbol oder ein Buchstabe wäre? Ö steht gewissermaßen für einen Globus, für die Welt. Dieses Album ist für die Welt.«
Dabei war Ö eigentlich gar nicht geplant. Fcukers haben eigentlich gerade, verzweifelt und von Label und Fame unter Druck gesetzt, an einem anderen Projekt gearbeitet, als sie in LA Kenneth Blume kennenlernten. Der ist bisher als KennyBeats zwar vor allem für seine Rap-Produktionen (JPEGMAFIA, Vince Staples, Rico Nasty, Freddie Gibbs etc.) bekannt, die Chemie muss aber gestimmt haben, denn in knackigen zwei Wochen entstand in Zusammenarbeit mit Dylan Brady (100gecs) das gesamte Debütalbum.
»Die Zusammenarbeit mit [Kenny] hilft Jackson und mir wirklich dabei, sehr schnell zu schreiben. Wenn wir nur zu zweit wären, würden wir zwei Stunden lang darüber grübeln, ob die Bassdrum richtig klingt. Mit Kenny müssen wir uns darüber keine Gedanken machen – er hat so viel Erfahrung, dass wir wissen, dass es gut ist.«
Hurra, hurra, die Welt geht unter
Diese Leichtigkeit ist spürbar. Durch Shannys Vocals, die jedem Song eine gewisse Nonchalance geben und ebenso durch die Beats selbst. Es gibt kaum etwas, was Musikjournalist*innen so sehr lieben wie komplizierte, lange Subgenre-Bezeichnungen. Softe Jungle-Beats, TripHop trifft auf Britpop, basslastige LoFi-Klänge – alles davon sind Teile, die den Sound von Fcukers ausmachen und ihn dennoch nicht ausreichend definieren. Am Ende ist es doch eher ein Vibe, mit dem man Fcukers besser beschreiben kann: Zigarette im Mund (wichtig: kein Vape), Kabel-Kopfhörer, verkatert und zu spät, altes iPhone 6, Baggy Pants, Champagne in my cornflakes.
Wenn das, was uns immer bleibt, kurze Momente des Loslassens und gute Musik sind, liefern Fcukers mit Ö zumindest schon mal den richtigen Soundtrack. Auf die Frage hin, was wir dieses Jahr noch von der Band erwarten können, antwortet Shanny entschlossen: viele Konzerte, viele Partys, viel Spaß.
