Records Revisited: Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echoes – Expansions (1975)

12.01.2023
Den Geist im Namen des Friedens ausdehnen: Der Pianist Lonnie Liston Smith schuf mit seinem Album »Expansions« nicht bloß eine Materialsammlung für samplefreudige Produzenten, sondern vor allem einen Fusion-Klassiker, dessen kosmische Ruhe geeignet ist, die nächsten paar Äonen zu überdauern.

»Expand your mind / To understand / We all must live / In peace together«. Die Zeilen mögen auf den ersten Blick an Positives-Denken-Esoterik im Stil der Transzendentalen Meditation erinnern und auf den zweiten zumindest etwas naiv erscheinen. Doch die Worte aus dem Titelsong des Albums »Expansions« von Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echoes werden dadurch keineswegs falsch. Die Utopie, die sie formulieren, ist zugleich mit einem Imperativ verbunden: Wir sollen unseren Geist erweitern, um zu begreifen, dass Frieden nottut für das Zusammenleben. Das ist schon mal mehr als die rein hypothetische Betrachtung »Imagine all the people / living life in peace«, wie sie John Lennon in »Imagine« anstellte. Auch wenn beide im Zweifel nicht viel am Lauf der Dinge ändern.

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Als der US-amerikanische Pianist Lonnie Liston Smith, nicht zu verwechseln mit seinem 2021 verstorbenen Kollegen Lonnie Smith, im November 1974 diese Platte aufnahm, kämpften noch GIs in Vietnam. Für Smith stand die Botschaft von »Expansions« daher, wie er in Interviews sagte, in direktem Zusammenhang mit diesem Krieg. Und in der Ballade »Peace«, geschrieben von Horace Silver und Doug Carn, der einzigen Nummer des Albums, die nicht von Smith stammt, steht der Frieden gleich im Namen.

Mit Sanftheit gegen den Krieg

Smith war spätestens seit einem Treffen mit dem Sun Ra-Saxofonisten John Gilmore im New Yorker Club Birdland, bei dem Gilmore ihm ein Buch über Sufismus in die Hand drückte, sehr an Spiritualität interessiert. Sein Anliegen verfolgte er dabei nicht agitatorisch, sondern wählte eine Musik, deren Sanftheit überraschen mag, wenn man auf die Stationen sieht, die Smith vor seiner Solokarriere zurücklegte. Nach moderateren Anfängen bei Art Blakey & The Jazz Messengers und Max Roach Mitte der Sechziger hatte er an Free-Jazz-Meilensteinen von Pharoah Sanders wie »Karma« (1969) und »Thembi« (1971) mitgewirkt. Und in der Band von Miles Davis spielte er unter anderem in den Sessions zu dessen Starkstrom-Fusion-Klassiker »On the Corner« (1972), für die er sich extra an die elektrische Orgel setzte.

Die Spiritualität von Pharoah Sanders nimmt bei ihm eine fast schon innerliche Gestalt an. Keine Solo-Ausbrüche, dafür konzentriert entspannte Ensemblearbeit, ruhiges Fließen statt wilden Gebrodels.

Von all diesen Einflüssen mag etwas auf »Expansions« vorhanden sein, doch hat Smith sie in andere Formen überführt. Die Spiritualität von Pharoah Sanders nimmt bei ihm eine fast schon innerliche Gestalt an. Keine Solo-Ausbrüche, dafür konzentriert entspannte Ensemblearbeit, ruhiges Fließen statt wilden Gebrodels. Ebenso der Jazz-Funk von Miles Davis, dessen Groove-Maximalismus von Smith in filigrane Reduktion umgewandelt wird. Etwa zu hören im Spiel von Cecil McBee, der seine elastischen Synkopen konsequent auf dem Kontrabass zupft.

Vermutlich den größten Einfluss auf Smiths Stil hatte seine Phase in der Band von Gato Barbieri zu Beginn der Siebziger. Der Saxofonist aus Argentinien hatte damals reichlich afrokubanische und lateinamerikanische Elemente in seiner Musik verwendet, und Smith hat auf »Expansions« einige dieser Anregungen übernommen. Die biegsame Perkussion von Michael Carvin gehört dazu, ebenso das nuancierte Triangelspiel von Leopoldo Fleming in »Expansions«, wie überhaupt die Rhythmen, namentlich im smart federnden »Summer Days«.

Jazz der ausgeruhtesten Sorte

Entscheidende Zutat, die »Expansions« zu einem Fusion-Wurf der ausgeruhtesten Sorte macht, sind die Keyboards, auf die Smith neben seinem Klavier zurückgriff. Gerade im Titelsong erzeugen sie mit flächig pulsierenden Akkorden einen Proto-House-Sound, der neben Cecil McBees eingängig verschachtelter Bassfigur der Hauptgrund für spätere Produzenten gewesen sein dürfte, den Song als Basis für ihre eigene Musik zu nutzen. Bekanntestes Beispiel sind Stetsasonic mit ihrem Hip Hop-Hit »Talkin’ All That Jazz« von 1988.

Dank Stetsasonic gibt es vermutlich auch mehr Menschen, die die Musik von Lonnie Liston Smith kennen, als es Leute gibt, die seinen Namen im Mund führen. »Expansions« hat einfach das Schicksal, einer der zurückgelehntesten Jazzklassiker zu sein, womit eine konstitutive Unauffälligkeit einhergeht. Die Wirkung seiner Musik hält gleichwohl an. Sie hat das Zeug dazu, die Zeiten zu überdauern. Vielleicht ist irgendwann dann ja auch wirklich Frieden.