Records Revisited: Prefab Sprout – Steve McQueen (1985)

22.06.2020
Eigentlich wollte Paddy McAloon Priester werden, Menschen von den Worten Gottes berichten. Stattdessen gründete er eine Band. 1985 veröffentlichten Prefab Sprout »Steve McQueen«, das wahrscheinlich schönste Popalbum der Achtziger Jahre.

Ist Gott eigentlich gerecht? Selbst Jesus fragt: Gott, warum hast du mich verlassen? Schon im Psalm 72 heißt es: »Wenn er den Tod unter sie brachte, suchten sie Gott und fragten wieder nach ihm.«
Braucht es Leid, um Glück zu finden?

When the angels take the angel voice away /
Some lower their eyes, some of us shout cheats

Patrick »Paddy« McAloon aus Newcastle Upon Tyne wollte eigentlich Priester werden. Wollte Menschen von den Worten Gottes berichten, ihnen seinen Glauben näherbringen, ihre Trauer mildern und da sein, wenn sie ihn am meisten brauchten. Dass es dafür kein Priesteramt braucht, davon soll ihn sein Bruder Martin überzeugt haben. 1977, als der Punk aus London gerade seinen Siegeszug im ganzen Königreich angetreten hatte und schon arg Richtung Mainstream geschielt hat, gründeten die beiden Brüder eine Band. Martin locker am Bass, Paddy übernahm den ganzen Rest. Mit Michael Salmon fand man einen Drummer. Mit Punk hatte das gar nichts zu tun. Auch nicht mit der ebenso präsenten Disco-Zeit. Die neuen Clubs wie Hacienda standen Pate, kompositorisch orientierte sich das an aktuellen Entwicklungen im Jazz. Das presste man in die Form einer Gitarren-Band. Es sollte dennoch fünf Jahre dauern bis aus gelegentlichen Live-Auftritten mehr werden sollte. Es fehlte noch ein Puzzle-Stück: die junge Sängerin Wendy Smith, die sich nach einem Konzert der Band vorstellte. Sie hatte die beiden Brüder gerade, es war der Sommer `83 auf der Bühne gesehen. Fand sie gut, wollte mitspielen. Danach ging alles recht schnell. Schon ein Jahr später war das Debüt ›Swoon‹ fertig und ein Achtungserfolg. Und der Sound, der lange namenlos blieb, wurde jetzt »Post-Punk« genannt. Darunter wurden neben The Durutti Column eben auch Prefab Sprout subsumiert.

When loves break down /
The things you do to stop the truth from hurting you

Am 22. Juni 1985 stand der Nachfolger in den Regalen. Drei Jungs, ein Mädchen, auf, vor, hinter einem Motorrad der Marke Triumph: »Steve McQueen«. Benannt nach dem legendär-coolen Schauspieler, der fünf zuvor an Brustfellkrebs gestorben war. Nur in den USA nannte CBS, das Label, die Platte »Two Wheels God«. Jahrzehntelang glaubte man, dies sei auf Druck der Familie McQueens geschehen. Ein Irrglaube. Erst letztes Jahr kommentierte Martin McAloon via Twitter. Man habe das aus reiner Vorsicht und vorauseilendem Gehorsam so entschieden.

Auf »Steve McQueen« destillieren Prefab Sprout den Sound der Achtziger zu einem Konzentrat, das zwar durchweg poppig war und trotzdem seine verkopfte Seele nicht verkaufte.

Andere Entscheidungen hatte man keineswegs so vorsichtig entschieden: Auf dem Radio-Sender BBC 1 sprach der Produzent Thomas Dolby vom visionären Sound des Tracks »Don’t Sing« vom 1984 erschienen Album »Swoon«. Die Band engagierte Dolby vom Platz weg für »Steve McQueen«. Eine kongeniale Kombi: Denn auch 35 Jahre nach Erscheinen muss dieses Meisterwerk in elf Kapiteln nicht nur ernst genommen werden, sondern zwingt einen geradezu Deep-listening-Sessions zu veranstalten.
Da wäre in mancher Hinsicht das Ringen mit dem eingangs betonten Glauben. Das geht manchmal offensichtlich von Statten, in Tracks wie »Hallelujah« oder »When The Angels«.

Lord just blind me/
don’t let her innocent eyes remind me

Dann wiederum bricht sich der christliche Moral Bahn: Man ernte, was man sät und wer andere wie Dreck behandelt, wie Fußabtreter, wird dafür bezahlen – einerseits. Andererseits beschreibt »Horsin’ Around« auch ganz unpathetisch oder religiös aufgeladen, wie eine Affäre beginnt und endet. Was sie zu Fall bringen kann und wie es ist, wenn man zwar eine andere Person verletzt hat. Wie es ist, wenn man alles beenden möchte, aber trotzdem weint, wenn es vorbei ist – und hofft noch einmal »Ich habe dich auch geliebt« zu hören oder zu lesen. Glück und Leid werden hier zu zwei Seiten der selben Medaille. Unterstrichen werden diese Erzählungen von Liebe und Verlust, die immer unterscheiden zwischen »verlassen werden« und »verlassen sein«, vom überwältigenden Sound, der eine ganze Generation geprägt hat.
Seit 1981 hatte sich die Pop-Musikwelt in ihrer größten Revolution seit der elektrischen Verstärkung befunden. Das hatte vergleichsweise wenig mit der Digital Synthese zu tun, die sich auch langsam durchsetzte, sondern mit MTV und der Veränderung der Produktionsmittel. Produzententeams, unter denen Stock Aitken Waterman ab 1984 das bekannteste war, schrieben Songs für neue Sternchen, die nicht mehr (nur) als Musiker*innen glänzten, sondern die Warenform des Pops betonten. Madonna und Michael Jackson, aber auch Spandau Ballett und Duran Duran, wurden zu Stars von Musikclips, die zufälligerweise auch noch als Radio-Songs funktionierten. Auf »Steve McQueen« destillieren Thomas Dolby als Produzent und Paddy McAloon als Songwriter diesen Sound zu einem Konzentrat, das zwar durchweg poppig war und trotzdem seine verkopfte Seele nicht verkaufte. »Bonny«, obwohl nie als Single erschienen, darf heute zu den 50 größten Radio-Hits der Achtziger gezählt werden.

I count the minutes and the seconds too /
All I stole and I took from you /
But Bonny don’t live at home, Bonny don’t live at home

Prefab Sprout
Steve McQueen
Columbia • 2016 • ab 21.99€
Der locker-offene Sound der Gitarre am Anfang, der langsam einsetzende Bass, die feine Kick, alles nur Auftakt für eine außerordentliche Pop-Nummer. Die String-Synth-Pads im Hintergrund, wie aus der Gitarre langsam ein Piano wird, dann wiederum das Zusammenspiel der Stimme McAloons mit jener von Wendy Smith, die obschon perfekt als Harmonie, dann auch als Konterpart funktioniert. An der einfachsten Nummer dieser Platte könnte man stundenlang exerzieren, wie man auch heute wahnsinnig guten Pop produziert. Die Klangfarbe (vor allen Dingen in der neu-gemasterten Version von 2007) ist durch und durch Jazz und zeigt sich eindeutig beeinflusst von Steely Dan. Warm, mächtig, wie eine große Decke an einem kalten, verregneten Tag in der englischen Provinz, wenn der feine Schnürregen die Fensterscheibe verklebt. Wie ein tröstender Anruf nach einer Trennung. Wie ein Seelsorgender, der*die da ist, wenn man es am nötigsten hat. Nie dankte die Welt mehr, dass sich jemand gegen die Priesterwürde entschied wie vor 35 Jahren, am Tag als »Steve McQueen« erschien.


Die Musik von Prefab Sprout findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/prefab-sprout-vinyl-cd-tape/p:QM2Loe.)