Records Revisited: Tricky – Maxinquaye (1995)

20.02.2020
Trickys Debütalbum »Maxinquaye« mit der Sängerin Martina Topley-Bird und dem Produzenten Mark Saunders ist ein Werk der verwischten Grenzen. Urheberrechte gelten hier genauso wenig wie Gender und Individuum.

»Maxinquaye« mag nicht sonderlich gut gealtert sein. Die frühen 1990er Jahre triefen klanglich aus jeder Pore. Die etwas blasse Samplingbearbeitung der Briten, die nach den Sternen von Public Enemys Bomb Squad oder der Dust Brothers griffen, aber doch weit vorher den Arm zurückzogen. Dieses oft arbiträr wirkende, pointenbefreite in der Samplingverwendung. Der leicht peinliche Umgang mit Delay und Flanger aus der Default-Effektedatenbank. Der Hang zum Pop im Groove, der aus der Acid-Jazz-Zeit herübergeschwappt war. Dieses irgendwie Blankgeputzte im Chaos. Die Niedlichkeit in allen Versuchen einer radikalen Popmusik.

Dennoch bleibt das Debütalbum von Adrian Nicholas Matthews Thaws, besser bekannt als Tricky, eine Besonderheit. Der Popmusik im allgemeinen. Und der Trip-Hop-Szene im Speziellen. Denn »Maxinquaye« ist nicht nur Schattenspiel und Charade. So behäbig die Musik ist, so radikal ist auch die darin verborgene Performance.

Verwischte Grenzen
»Maxinquaye« gilt gemeinhin als Soloalbum von Tricky. Er selbst soll sich gegen die Aussage des Magazins The Face gewehrt haben, dass das Album eher das Werk eines Duos sei: Tricky selbst und der Vokalistin Martina Topley-Bird. Ganz übel nehmen kann man es den Journalisten von The Face nicht. Martina Topley-Bird owns »Maxinquaye«. Sie ist Mittelpunkt und Treiber. Während Tricky selbst nur als Schatten in den Augenwinkeln auftaucht. Und schon wieder verschwunden ist, sobald man den Ort zu fokussieren versucht. Seine Stimme unterwandert Topley-Bird, versteckt sich kratzend und raspelnd hinter ihr. Tricky nimmt selten die Frontstage ein. Seiner Aussage nach wollte er einfach nicht (nur) als Rapper bekannt sein. Martina Topley-Bird fungierte für ihn als trojanisches Pferd und Medium.

Auch musikalisch verschwimmen die Grenzen des Urheberrechts. Nicht nur, weil Tricky sich aus allerlei alten Platten bediente und die Originalsamples an die Grenzen der Kenntlichkeit brachte. Der als Co-Produzent angeheuerte Mark Saunders (u.a. The Cure, David Bowie, Neneh Cherry und Bomb The Bass) dachte sich eigentlich nur fürs Engineering verantwortlich.

»Maxinquaye« ist nicht nur Schattenspiel und Charade. So behäbig die Musik ist, so radikal ist auch die darin verborgene Performance.

Am Ende übernahm er die Rolle des DJ und Musikprogrammierers. Tricky mimte dabei den wirren Professor, der mit verqueren Samplingwünschen und musikalischen Anweisungen um sich warf, die keinen legitimen Schemata folgten. Die Überlagerung von Samples zum Beispiel, die in Geschwindigkeit und Tonalität nicht annähernd kompatibel waren. Saunders durfte das ausbaden, während Tricky die Ergebnisse noch einmal durch den bereitgestellten Akai S1000 und einen Atari 1040 Computer schickte. In einem Interview mit Sound On Sound resümierte Saunders später: »I always think of it like going into a scrapyard and building a car out of all the bits you can find. You could probably build a car that would work, and although it might be the ugliest you’ve ever seen, it would have loads of character.«

Genderfluidity im maskulinen Minenfeld
So wie Saunders in diesem Wechselspiel seine eigenen Grenzen überschritt und Musikproduktion für sich neu entwickelte, durchdrangen sich Tricky und Martina Topley-Bird auf sozialer und Genderebene. Topley-Bird wuchs verhältnismäßig privilegiert in Somerset auf. Ihr Berufswunsch war Ozeanologin. Das Leben von Tricky dagegen war von zerrütteten Familienverhältnissen, dem frühen Tod seiner Mutter, einem gewaltbereiten Umwelt und Gangmitgliedschaft in der heruntergekommenen Gegend Knowle West sowie einer kurzen Zeit im Gefängnis geprägt. Auf »Maxinquaye« schickte er diese zerschossene antagonistische Vergangenheit durch Topley-Bird, überzeichnete ihre Privilegien mit seinem Schlachtfeld. Topley-Bird wird zum Alter Ego, durch den Trickys Geschichten von Rassismus, sozialem Verfall, Paranoia und übermäßigem Drogenkonsum strömen. Zugleich betrachtete Tricky sich selbst als Vehikel, durch das seine Mutter sprach, die zeitlebens Lyrik geschrieben hatte, ohne diese zu veröffentlichen. In diesem Dreierkomplex aus der Mutter Maxine Quaye, Tricky und Martina Topley-Bird verschwammen schlussendlich die Identitäten. Tricky blieb formell der Strippenzieher. Doch durch ihn sprach seine Mutter, die er an Topley-Bird weitergab.

Tricky
Maxinquaye Black Vinyl Edition
Music On Vinyl • 1995 • ab 26.99€
Diese Auflösung, Ambivalenz und Grenzdurchschreitung manifestierten Tricky und Topley-Bird auch in den Visuals zum Album. Auf gemeinsamen Fotos und im Artwork erschienen beide wiederholt androgyn oder in bewusst vertauschter Rollenverteilung. Die US-Amerikanischen JournalistInnen Simon Reynolds und Joy Press sahen Tricky deshalb als Gegenstück zur typischen Popkulturrevolution, als Bruch mit stereotypen Kategorien. »Most post-rock ‘n’ roll forms of popular music ideologically rest on rebellions against the feminine.« Tricky dagegen nutze das Feminine, um seine Rebellion gegen die strikten Kategorien von Black Identity und Musikkultur zu errichten. In einem Interview mit Alexander G. Weheliye erklärte Tricky zehn Jahre später, dass er feminine Männer viel interessanter fände, als maskuline. Das spiegelt sich auch in den Texten. Diese wirken teilweise brutal. Durch und durch maskulin. Jedoch zeigen sie – auch durch das Channeling durch Topley-Bird – eigentlich nur das Versagen und das Verzweifeln an diesem Versagen. Es ist eine Maskulinität, die an sich selbst scheitert. Vielleicht brauchte Tricky auch deshalb auf »Maxinquaye« Martina Topley-Bird als Medium – um nicht an sich selbst zu zerbrechen.

Die Musik von Tricky findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/tricky-downbeat-electronica-leftfield/p:P5QwNY.)