Records Revisited: Yellow Magic Orchestra – BGM (1981)

21.03.2021
Winke für die Zukunft: Die japanischen Synthesizerzauberer des Yellow Magic Orchestra entwarfen auf ihrem vierten Album »BGM« eine Background Music für nachfolgende Generationen.

Schwankende Klänge wie von einem Windspiel pendeln sich kurz ein, erst dann legt der klackernd programmierte Beat los, gefolgt von einem tänzelnden Synthie-Bass: »Ballet«, der Auftakt des Albums »BGM« von [Yellow Magic Orchestra](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/2147/yellow-magic-orchestra,) wirkt in seinen ersten Takten wie ein Gast, der unschlüssig an der Türschwelle verweilt, bevor er eintritt.

Die drei Japaner von YMO, wie sie sich auf dem Albumcover abkürzen, hatten zu Beginn ihrer gemeinsamen Karriere, zunächst wohl ohne dauerhafte Absicht, mit ihrem ersten, selbstbetitelten Album von 1979 noch ein Spiel mit Klischees betrieben, elektronische Musik hervorgebracht, deren gern großzügig ornamentale Melodik bewusst asiatisch anmuten sollte. Damit hatten sie unerwartet so großen Erfolg gehabt, dass bald weitere Platten folgten. Mit Songs wie »Behind The Mask« oder ihrer Coverversion des Beatles-Klassikers »Day Tripper«, beide vom zweiten Album »Solid State Survivor« (1979), schufen sie veritable Elektropop-Hits und prägten im selben Zug maßgeblich das Genre.

Wer damals bei »BGM«, der vierten Platte des Trios Haruomi Hosono Ryuichi Sakamoto und Yukihiro Takahashi immer noch mit elektronischer Musik in ironischem bis albernen Gewand gerechnet haben sollte, erlebte womöglich eine leicht verwirrende Überraschung. Zumal die Platte auf den ersten Höreindruck eher einen zerfahrenen Eindruck macht, wechseln sich doch eingängige Synthie-Pop-Nummern mit abstrakteren Proto-Electro-Etüden bis hin zu freien Ambient-Ausflügen.

Elektropop gibt es auf »BGM«, kurz für »Background Music«, immer noch, bloß wandelt er zusehends seine Gestalt, splittert sich auf. Manches darunter verweist auf Genres, die erst in den 1990er Jahren richtig in Erscheinung treten sollten. So kann man in »Camouflage« einen frühen Vorläufer von Drexciyas Electro-Sound sehen, andere Stücke wie das durch metallisch schimmernde Klangfarbenlandschaften schlendernde »Happy End« von Ryuichi Sakamato sind Vorboten von Techno-Mutationen des Typs IDM.

»BGM« markiert zudem eine musikhistorische Zäsur. Gilt das Album doch als die erste Produktion, auf der ein Roland TR-808 Drumcomputer zu hören ist.

Das von Haruomi Hosono produzierte Album entstand in einer Phase, in der die Band, wie es heißt, wegen Spannungen untereinander nicht gut zusammenarbeitete. Aber wer weiß, vielleicht hat gerade dieses Ungeschlossene, dieses Sich-Ausprobieren nebeneinander her dabei geholfen, neue künstliche Welten zu erschließen. Ein bisschen Selbstbefragung hat Sakamoto jedenfalls gleich mit ins Programm aufgenommen. In »Music Plans«, dem zweite n Song, singt er im Refrain: »Making music / What’s the plan? / Breaking music«. Kreative Zerstörung mithin.

»BGM« markiert zudem eine musikhistorische Zäsur. Gilt das Album doch als die erste Produktion, auf der ein Roland TR-808 Drumcomputer zu hören ist. House-Blaupausen sind in den Stücken zwar noch keine zu erkennen, dafür boten diese seinerzeit eine erste Gelegenheit zur Einübung in die mittlerweile zum elektronischen Standard avancierte Soundsignatur des wohl berühmtesten elektrischen Schlagzeug-Ersatzes überhaupt.

Auch in den Momenten, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zu den Höhepunkten von »BGM« gehören, der (unfreiwilligen?) Hip-Hop-Parodie »Rap Phenomena« von Haruomi Hosono zum Beispiel, erweist sich besonders der Einsatz des Drumcomputers als erfrischend unorthodox, ein ungelenkes Synkopieren als Imitation von Breaks, das dadurch seinen eigenen sperrigen Groove hervorbringt. Ein früher Fall von Verweigerung des 4-to-the-floor.

Und dann sind da selbstverständlich die großen Hits, allen voran der von Takahashi und Hosono geschriebene Synthiepop-Song „Cue“, geradlinig im Beat, mit markantem Bass und einem auch schon wieder programmatisch klingenden Text, den sich die Band vom Autor Peter Barakan auf Englisch zu ihrer luftig gehaltenen Melodie schreiben ließ: „The sound of music / The crying of the air“.

»BGM« macht es einem insofern nicht leicht, als sich die Musiker wenig um das scherten, was im Radiojargon gern »Durchhörbarkeit« genannt wird oder, etwas aktueller formuliert, einer möglichst überraschungsarm homogenisierten algorithmenbasierten Playlist entspräche. Abweichungen von der Formel müssen beim Hören in Kauf genommen werden. In seiner vermeintlichen Zerklüftung hat »BGM« andererseits eine höchst stimmige Dramaturgie, vom introspektiven New-Wave-artigen »Ballet« bis zu »Loom«, der abschließenden Ambient-Nummer, die mit langsamen Glissandi abhebt, bevor sie sich als tönendes Mobile im Raum entfaltet. Nach 40 Jahren hat nichts davon Staub angesetzt.

Yellow Magic Orchestra
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