Wie Sault zur musikalischen Stimme von Black Lives Matters wurden

24.11.2020
Foto:James Eades © Unsplash
Sault sind die inoffizielle musikalische Stimme der Black Lives Matter Bewegung. Voll radiotauglichem Soul und Jazz, hinter dem die längst überfällige Revolution steht.

Sault zu porträtieren, ist ein in zweierlei Hinsicht schwieriges Unterfangen.
Zum einen gibt sich die Band schweigsam. Zwar kursieren Gerüchte, dass hinter dem Projekt die drei Musikerinnen Cleopatra Nikolic (alias Cleo Sol), Melisa Young (alias Kid Sister) und Dean Josiah Cover (alias Inflo) stecken. Dementi oder Bestätigung dazu lassen auf sich warten. Interviews geben sie keine. Nathan Burke, Chef ihres Labels Forever Living Originals, verweist bei Anfrage lieber darauf, dass Sault ihrer Musik das Erzählen überlassen. Und die berichtet spätestens seit diesem Jahr gänzlich über Schwarze Erfahrung und Identität in Zeiten von Black Lives Matter und andauernder Polizeigewalt. Über Sault zu schreiben, bedeutet somit, über das Schwarzsein zu schreiben.


Dass ich als weißer, männlicher und damit massiv privilegierter Mensch, diesen Versuch starte, birgt damit in sich schon ein Kernproblem. Mein Versuch, den Text in Hände zu geben, die wirklich wissen, worüber sie schreiben, scheiterte daran, dass die Redaktion und seine AutorInnen selbst zu 100 % weiß sind. Also den Text vergessen? Geht nicht. Dafür sind Sault eine zu wichtige Kraft.

Black Is
We all know black is beautiful
You know, well now you do
Black is excellent too
In me, in you
Black is shiny and new
Black is older than earth
All at the same damn time
Black is sweet
Black is ours
Black is love
Black is God
God is u
s

Nicht nur sind Sault musikalisch so unglaublich vielschichtig, gewitzt und eingängig. Ihre bislang vier Alben in nur zwei Jahren tänzeln ganz selbstverständlich durch die Musikgeschichte der Schwarzen Diaspora. Motown Soul, Funk, Spoken Word, R&B, Disco, Hip-Hop, Afrobeat, Jazz, Gospel und Samba-enredo fließen unbeschwert ineinander. Immer wieder spielen sie mit Versatzstücken, die irgendwie bekannt erscheinen, doch sich der genauen Zuordnung entziehen. Sampling und Anspielungen als respektvolle Erinnerung an die reiche Schwarze Kultur und an die Tradition von Musik als spirituellen Heilsmoment. Oral History im Jahr 2020. Aber auch Sampling in spielerischer, selbstbewusster Aneignung für die eigene Generation, ihre Sprache und Realität. Ähnliches hat jüngst Beyoncé mit »The Lion King: The Gift« und dem komplementären Visual-Album-Film »Black Is King« erschaffen.

Saults Songs sind Selbstbehauptung, Warnung und Kampfansage. Furchtlos und selbstbewusst.

Auch Sault sind – wie Beyoncé – voller Zuversicht auf der Suche nach und inmitten der längst überfälligen Wiederbesitznahme ihrer Schwarzen Identität und Geschichte. Sie zelebrieren das unabhängige Schwarzsein. Selbstbewusst und selbstliebend. Schwarze Identität, die aus sich entsteht. Ohne Referenz zu Weißen. Ohne sich auf das vergangene Sklavendasein und die aktuelle Existenz in stetiger Diskriminierung zu beschränken. Es ist eine Schwarze Identität, die stark, intelligent, schön und Mensch ist. Wo Beyoncé jedoch fast schon hermetisch die pan-afrikanische Spiritualität zelebriert und den Schwarzen American Dream heraufbeschwört, zu dem sie sich stolz zählen kann, tragen Sault den Kampf aus dem Inneren in die Welt. Sault rufen auf die Straßen.

Street Fighter
They can’t stop us | Nothing like us
It’s not over | Till they hear us now
We gon’ fight it whether you like it | Keep playing the music loud
God gonna let me down, no | He won’t ever stop, no
We are survivors | We are the titans
We’re united | We have real war scars
They’re not gonna come and save us | We have to fight fearless
Sister, wipe your blood | They’re not gonna conquer us
Feel the resistance | Feel my resistance
My rebel spirit and guidance | You have no chance
You took a life | You have to pay the price
Disturb, put up your fist and stand up | And scream out until they hear us
Street Fighter | Street Fighter
Street Fighter | Street Fighter
Street Fighter | Street Fighter…

Saults erbauende und sanfte Musik dient als Canvas für die längst überfällige Revolution – den Sturz der rassistischen Verhältnisse. Ihre Songs sind keine Bitten oder Wünsche, keine Träume von einer besseren Welt. Sault sind schlicht gekommen, ihre Rechte einzufordern. Vermutlich findet sich auch deshalb auf den Alben kein Blues, der zum Fundament der Schwarzen Musikgeschichte gehört. Die Zeit der Melancholie ist vorbei. Saults Songs sind Selbstbehauptung, Warnung und Kampfansage. Furchtlos und selbstbewusst. Mitunter werden sie auf einzelne Ausrufe reduziert. Lyrics, die zu Riot Songs werden und als Sprechchöre in den Straßen widerhallen werden.

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Gerade im Kontext eines Rassismus, der aktuell endgültig aus den Kellern der gesellschaftlichen Mitte gekrochen kommt, sind Sault damit eines der wichtigsten, radikalsten und stärksten Projekte unserer Zeit.