Solpara – Direkt aus der Waschküche

12.03.2015
Foto:Hugo Bocca
Es brauchte eine Menge von College-Absagen, bevor die Karriere von Paul Sara begann. Partys in Waschküchen, ein internationales Musikerkollektiv und eine überzeugende Debüt EP sind erst der Anfang von Solpara.

Ausgerechnet der Mangel an Optionen eröffnete Paul Sara ungeahnte Möglichkeiten. Nach seinem Schulabschluss wollte der New Yorker eigentlich Filmwissenschaften studieren, wurde aber von den meisten Colleges abgelehnt. Er entschied sich, ins Nachbarland Kanada zu ziehen und schrieb sich an der Universität von Montréal ein. Wäre es nicht so gekommen, Paul Saras Leben wäre wohl völlig anders verlaufen. Er wäre beispielsweise nicht Gründungsmitglied des Booma Collectives geworden und seine Debüt EP »Swing« hätte wohl ganz anders geklungen. Aber von vorn.

Paul Sara wächst zwischen Punk und Alternative Rock der Neunziger Jahre und der von Woodstock-Helden bis Bossa Nova reichenden Plattensammlung seines Vaters in New York City auf. Als junger Teenager lernt er Klavier, Gitarre und Schlagzeug zu spielen. Nach Schulschluss trifft er sich mit Freunden, um gemeinsam Musik zu machen. Über Bands wie Radiohead Portishead oder Morcheeba sowie die Musik, die ihm seine französische Verwandtschaft zukommen lässt, öffnet sich Paul Sara langsam für elektronische Sounds.

»Anfangs bin ich immer auf den furchtbarsten Partys der Stadt gelandet«

Solpara
Als ihm dann noch ein Schulkamerad ein paar technische Kniffe zeigt, ist das Fundament für eine eigene Karriere endgültig gelegt. Mittlerweile hat er auf dem Plattnlabel des ehemaligen Proberaumbuddies sein Solodebüt veröffentlicht: Solparas EP »Swing« erschien im Winter auf Nicolas Jaars Other People

Von der Hausparty ins Kollektiv
Die Freundschaft zwischen ihm und Nicolas Jaar ist nicht die einzige, die sich erhalten hat. Paul Sara startet sein Studium gemeinsam mit einem ebenfalls nicht unbekannten Produzenten: Valentin Stip »Wir haben schon vor über zehn Jahren gemeinsam in einer Band gespielt und im Laufe der Zeit immer wieder zusammengearbeitet«, erinnert sich Sara. »Als wir beide nach Montréal zogen, hat das die Verbindung zwischen uns verstärkt und wir machten noch mehr Musik zusammen, sprachen darüber und zeigten uns gegenseitig Tricks bei Ableton.«

Wichtig sind aber auch die neuen Freundschaften, die er schließt. Solpara erzählt, dass er anfangs planlos auf den »furchtbarsten Partys der Stadt« gegangen sei. Schließlich landet er zufällig auf einer Hausparty, auf der Oren Ratowski auflegt. Am nächsten Morgen treffen sich die beiden in der Caféteria der Universität und Paul Sara löchert Oren Ratowsky mit Fragen zu seinem Musikgeschmack. Kurz darauf fangen die beiden an, Shows in einer kleinen Bar zu veranstalten. Schnell gesellen sich mehr Menschen dazu: Hugo Bocca und Lorenzo Belli zum Beispiel.

Damit war der Grundstein für das Booma Collective gelegt. Worum aber genau handelt es sich dabei eigentlich? »Zuallererst sind wir eine Gruppe von Freunden, die sich lieben und eine Menge Blödsinn reden«, grinst Sara. »Wir mögen es alle, die Konventionen auszureizen und mit verschiedenen Medien zu experimentieren.« Im Rahmen regelmäßiger Partys spielt Sara überwiegend live mit Oren Ratowsky im Doppelpack, während die anderen sich aufs Auflegen konzentrieren. Nebenbei veröffentlichen sie auf Tapes, Vinyl und digital vornehmliche eigene Produktionen.

Ofenpartys mit der Nachbarschaft
Mittlerweile ist das Booma Collective über die halbe Welt verstreut. »Wir schmeißen das Label über Skype, Google Hangout und ewig lange Email-Konversationen«, lacht Solpara. Oren Ratowsky ist in San Francisco, Lorenzo Belli lebt in Montréal, Valentin Stip plant seinen Umzug nach Berlin, Hugo Bocca wohnt in Frankreich und Solpara selbst ist in New York ansässig. Dass man so weit voneinander entfernt lebe, findet Solpara»herzzereißend«, hofft aber auch, dass sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben. Weitere Releases, die den bislang noch übersichtlichen Backkatalog erweitern, sind zumindest geplant. Neben einer zweiteiligen Compilation wird im Sommer eine neue EP von Solpara erscheinen.

CITI:»Die ersten eigenen Partys finden in einer Waschküche statt. Der Vibe dieses Raumes schlägt sich in Solparas Musik nieder.«:### Viele der gemeinsamen Montréaler Partys fanden in The Furnace (zu Deutsch: der Ofen) statt, wo auch die fünf Tracks der »Swing EP« entstanden. The Furnace ist kein Studio im eigentlichen Sinne, erst recht aber kein Club. Sondern eine Waschküche, wie sie in Montréaler Apartments Standard ist. Auch Solparas Waschküche war riesig. Also entschlossen er und seine Freunde sich, darin Partys zu veranstalten. Es brauchte keine 500 Leute für eine gute Party und die DJs nutzten den intimen Rahmen, um sich auszuprobieren. Ob sich aus der Nachbarschaft niemand beschwert hat? »Nein! Die Nachbarn von gegenüber waren selbst DJs und Produzenten – die waren mit dabei!«

Die Rhythmen der Bilder
Wenn Solpara sich jedoch ans Produzieren macht, zieht er die Abgeschlossenheit vor. »Bevor ich mit einem Track wirklich zufrieden bin – was ungefähr in einem von achtzehn Fällen passiert – denke ich weniger über Texturen, Rhythmen oder Basslines nach. Eher geht es mir darum, mich abzukapseln, völlig allein zu sein. Wenn ein Sound mich dann emotional packt, nehme ich ihn mir und versuche, damit weiterzuarbeiten.« In The Furnace findet er den perfekten Ort für seinen dubbigen, weit ausholenden Techno-Entwurf. Der Raum mit dem speziellen Vibe, in dem es im Winter sehr kalt wird, überträgt sich auf Saras Musik.

Mehr noch aber lässt sich Solpara, der zurück in New York in der Filmindustrie Fuß fassen möchte, von bewegten Bildern inspirieren. »Vor allem experimentelle Filme aus den Zwanzigern und Dreißigern, überwiegend aus Frankreich oder Deutschland, haben mich stark beeinflusst. An denen beeindruckten mich die Rhythmik der Bilder. Zum Beispiel Jean Epstein, der das sogenannte ›Photogénie‹-Konzept erfunden hat. Er filmte Wasser, das eine Art Bewegung auslöst und spielte damit, setzte Montagetechniken ein. So entstehen visuelle Rhythmen, die dich hypnotisieren und aufsaugen. Solche Filme mag ich – sie erzählen dir keine Geschichte, sondern lassen dich eher eine fühlen. Das genau ist es, was auch Musik in dir auslöst.«