Twit One – 67 ‘Til Infinity

31.03.2015
Foto:Hans Arnold
Twit One gehört seit Jahren zu den wichtigsten Produzenten instrumentaler Musik aus Köln. Wir haben ihn zwischen seinen Platten, Räucherstäbchen und Selbstgedrehten besucht. Ein Porträt.

Twit One verlässt das Gebäude des Kölner Hauptbahnhofes in Richtung Domplatte. Er trägt seine schwarze Wollmütze mit dem Bommel auf dem Kopf; beim Gehen lässt er leicht die Schultern hängen, seinen Kopf nach vorne gerichtet. Gerade kommt er von einem DJ-Gig zurück. Er nimmt seinen Plattenkoffer, wuchtet ihn auf eine Rikscha, setzt sich daneben und zündet sich eine Zigarette an. Danach unterhält er sich mit dem Rikscha-Fahrer. Beim letzten Mal: über einen Typen, der sich einen Winter lang irgendwo auf der Welt durchgeschlagen hat, indem er nur für Essen und Unterkunft auf einer Biofarm gearbeitet hat. Die Rikscha wird ihn direkt ins Belgische Viertel fahren; direkt vor den Plattenladen, in dem Twit One arbeitet und den er bald mit einem Freund übernehmen wird.

Die Hand auf dem Plattenkoffer, die Füße oben, den Kopf im Freien und in einem Tempo unterwegs, das es erlaubt, den Weg wertzuschätzen: vielleicht fasst kein Bild den Musiker Twit One besser zusammen.

Seit 16 Jahren wohnt er in Köln. Er hat etliche EPs veröffentlicht, Partys organisiert, DJ-Mixes aufgenommen, die HiHat Club-Reihe mitbegründet, 20, 30 Tapes mit Material aus seinen Anfangstagen zu Hause herumliegen und zwei Soloalben veröffentlicht.

»Der Untergrund hat’s immer schwerer. Aber die Tragik gibt ihm auch ein gutes Profil.« (Twit One)

Er ist einer der prägenden Figuren für einen Kölner Sound, der seinen Kern in Soul- und Rap-Musik hat, sich aber in Stilrichtungen aus aller Welt erst voll entfaltet. Mit HulkHodn MemyselfandI und zahlreichen nationalen und internationalen Gästen betreibt Twit One Radio Love Love. Einer von vielen Versuchen, das Publikum in Köln für andere Klänge zu öffnen.

Twit One klingt selten unzufrieden, wenn er spricht. Bei diesem Thema aber hört man ihm eine gewisse Enttäuschung an: Dass die Partys laufen, auf denen »immer noch Reimemonster gespielt wird«, während seine Veranstaltungen nur 50 Leute besuchen, sei für ihn schon manchmal ein bisschen deprimierend. Aber, so tröstet er sich: »Der Untergrund hat’s immer schwerer. Aber die Tragik gibt ihm auch ein gutes Profil.«

Bohémian Lifestyle
Oliver von Felbert aka Olski, Gründer, A&R und Labelchef von Melting Pot Music, bezeichnete Twit One einmal sinngemäß als den vielleicht einzigen »in unserem Umfeld, der dieses Künstlerdasein so richtig lebt«. Was er damit meinen könnte? Twit One entgegnet, er wisse es nicht und fügt sein unvermeidliches »mann« am Satzende an. Er grinst, ihm ist doch etwas dazu eingefallen: »Ich hab halt vielleicht immer eine Vision davon, wie eine Platte aussehen und klingen soll. Und Optik ist mir wichtig. Und ja, vielleicht meint er meinen ›bohémian lifestyle‹.«

Gerade erst hat Twit seine Schicht im Plattenladen beendet. Er hängt auf einem Sessel mit rotem Polster und dunkelbraunem Holzgestell in seiner neuen Wohnung; die Beine von sich gestreckt und am Fußende überschlagen, die Zigarette in der einen Hand, liegt der Aschenbecher in der Handfläche seiner anderen. Das sagenumwobene Treehouse, Entstehungsort von Unmengen an Musik, ist inzwischen Geschichte. Mr. Wun’s Dojo heißt das neue Heimstudio. Twit One setzt sich auf, drückt die Zigarette aus, stößt Rauch aus, hört nochmal aufmerksam der laufenden Schallplatte zu und nickt zufrieden: »Dorothy Ashby an der Harfe.«

Licht strahlt überall in die Wohnung hinein, zu jeder Seite gibt es ein Fenster. Die Wohnung hat jemand eingerichtet, für den Ästhetik einen Wert hat: Unaufgeregte Farben herrschen vor, es gibt ausreichend leeren Raum, das Möbel sind größtenteils skandinavisches Design der 1950er und 1960er Jahre. Von der Eingangstür aus gesehen ist die hinterste Wand vielleicht die wichtigste in Twits Wohnung. Hier stehen die Schallplatten.

In der typischen Pose, ein Knie auf dem Boden, das andere Bein angewinkelt, hockt Twit davor. »Weißte, du nimmst, sagen wir die Flöte von Bobbi Humphrey dazu ein bisschen Piano von Bill Evans oder gehst in ein ganz anderes Genre und nimmst ein Vocal-Sample von Chico Buarque und irgendwelche Drums von einer Platte aus Afrika. Und du weißt, dass niemand vor dir auf dieser Welt diese Kombination gemacht hat.« Twit One collagiert Klangzitate; sie seien eine Hommage an die jeweiligen Künstler.

»Musician« hat Twit One neulich geantwortet, als ihn ein Zöllner bei seiner Einreise nach Chicago nach seiner profession gefragt hat. Das zu antworten, sei ein großer Schritt für ihn gewesen. Inzwischen reicht das Geld, um von der Abrechnung der Plattenverkäufe in den Urlaub zu gehen. Deshalb die Antwort. Als Berufsmusiker sieht sich Twit One trotzdem nicht. Und will er auch gar nicht. »Ich bin zufrieden damit, wie’s läuft: Ich habe gute Connections, kann eine Platte rausbringen, wenn ich Bock hab’. Das reicht mir.« Mit dem Druck, etwas veröffentlichen zu müssen, will er sich die Musik nicht madig machen lassen.

Er steht auf, drückt die Zigarette aus, nimmt die Nadel von der Platte und baut sich noch einen für den Weg. In einer Stunde erwartet man ihn beim Label, es gibt noch einige Dinge für die Release-Party von »The Sit-In« zu besprechen. Zu diesem Zeitpunkt dauert es noch zwei Wochen bis sein drittes Soloalbum erscheint.

Twit One steigt auf sein rostiges Damenrad. Er hält vor einem Falafelladen auf der Venloer Straße. Dann verschwindet er kurz, um Geld zu holen und kommt mit einer Flasche Weißwein zurück. Nachdem er die Falafel verzehrt hat, nimmt er im Gehen ein paar Schlücke aus der Flasche.

In Rauchschwaden in der Komfortzone
»Naja, die Räucherstäbchen sind auf jeden Fall schon bestellt.« Für die Releaseparty scheint es klare Prioritäten zu geben. Twit steht an einem der Fenster des Büros von Melting Pot Music raucht eine weitere Zigarette und unterhält sich mit Olski. Dessen Label Melting Pot Music ist seit jeher der wichtigste Kanal für Twits Musik. Und Twit One ist nicht unerheblich für die Geschichte des Labels.

Olski entdeckte 2008 in einer Kölner Kellerbar zufällig eine vierköpfige Band, wie sie einen Slum Village-Song zum Besten gab. Twit One spielte Bass. Der Moment, in dem die Sängerinnen Fleur Earth und C-Note das Singen begannen, war für Olski ein »Gänsehautmoment«. Einige Zeit später etablierte sich MPM mit der Musik von Fleur Earth Experiment in Köln.

Twit One steht inzwischen vor den Plattentellern im provisorischen Foyer des Labelsitzes und spielt auszugsweise aus seinem neuen Album vor. »Yogamusik« nannte Olski nach dem ersten Hören den Sound des Albums. Weil der Boom-Chak stellenweise Passagen weicht, die ganz ohne Beat auskommen. Weil keine MCs ihre Takte zu einigen Strophen beisteuern, sondern die Sängerin May und die Spoken Word-Künstler PB Louison und Imam Ally Salam schwerelose Stimmen auf den Takten lassen.

»The Sit-In« fällt aus der Zeit. Es hat wenig mit dem zu tun, was man heute sonst so zu hören bekommt. Es klingt viel mehr nach den Geister derer, die Twit One auf dessen Rikschafahrten begleiten; jene, die er hört, wenn er zu Hause ausspannt; die er auflegt, wenn er im Plattenladen Artikelnummern in’s System eingibt. »Ach, wir sind ja Traditionalisten. Ich sage jetzt wir: Lazy Jones, Hulk Hodn, Retrogott Was manche dann als rückgewärtsgewandt verstehen. Aber wir halten einfach die Fahne von dem relaxten Instrumental-Shit hoch.«
Das Album vertont Twit Ones Kosmos. Es ist seine Komfortzone, in die er sich eingegrooved hat. Twit One entzieht sich bewusst dem Zeitgeschehen. Über aktuelle Trends kann man mit dem Mann, der seit einem Jahr bei Facebook ist und in seinem Leben erst einen Hashtag benutzt hat (#bärenstark) nicht reden. Er verschließe sich aber nicht absichtlich, sondern vermeide einfach manche Dinge. »Wenn ich mit dem Fahrrad durch die Gegend und so Leute mit lauten Autos an mir vorbeifahren sehe, denk ich mir so: Okay mann, klar weiß ich, dass es Autos gibt und auch Leute, für die das super besonders ist. Aber nicht für mich.«

The Sit-In
Elf Tage später. Ein verregneter Sonntagmittag in Köln Ehrenfeld. Twit One feiert das Erscheinen von »The Sit-In« Mit einem Brunch. Vor der Tür fragt eine die andere, ob sie auch Herz-Rhythmus-Meditation mache. Beim Betreten des Veranstaltungsortes weht einem der süßliche Geruch von Räucherstäbchen in die Nase. Ein langgezogener Raum, weiß angestrichener Backstein, Holzdielen, ein Ofen, Pflanzen, Sessel und Sofas.

Es gibt vegetarische Snacks. Unter den Besuchern sind auch einige Hunde und Kinder. In der einen Ecke unterhalten sich die Menschen, dort spielen sie Uno. Am anderen Ende des Raumes steht Twit One hinter den Turntables; die Arme baumeln neben seinem Körper, er nickt leicht mit dem Kopf, sein Blick verliert sich auf dem Boden.

»Okay mann, klar weiß ich, dass es Autos gibt und auch Leute, für die das super besonders ist. Aber nicht für mich.« (Twit One)

Immer wieder guckt er auf, begrüßt Gäste, lässt seinen Kopf dabei meistens gesenkt, guckt verhuscht nach oben und grinst sein Grinsen. Ein breites Grinsen; ein bisschen müde wirkt es und es liegt eine Mischung aus Freude und Abwesenheit in ihm. Man meint, wenn man es sieht, bereits zu wissen, wie Twit One spricht. Auf dem Tisch fällt neben dem Glas Weißwein ein großes Stück Asche eines Räucherstäbchens in die hölzerne Ablage.

Twit One hatte bei dem Titel für sein Album das Bild einer Kommune im Kopf. Die Releaseparty macht diesem Bild alle Ehre. Zehn Stunden später wurden bereits einige Kippenstummel in Pesto-Überresten ausgedrückt. Einigen Lippen sieht man den Rotwein an. In einem Hinterraum spielt der Retrogott Tischtennis. Egal, ob es Musik aus Afrika, aus Südamerika, oder von der US-amerikanischen East Coast ist: Jede Platte, die Twit One auflegt, schwingt, trommelt und singt lebendig, schwungvoll und vollmundig in den Raum. Twit One bewegt sich nach zehn Stunden Brunch noch fahriger als sonst. Aber er macht nicht den Eindruck, aufhören zu wollen. Er ist jetzt einfach endgültig, was davor bereits vage zu spüren war: verschwunden zwischen den Klängen und Rauchschwaden.