Twit One – Warum liegt hier eigentlich Stroh?

07.11.2017
Foto:Lars Fleischmann
Twit One, Beat-Deuschlands wichtigster Slacker, nicht wegzudenken aus der hiesigen HipHop-Szene. Gerade ist sein jüngste Platte »Hay Luv« erschienen. Natürlich trafen wir ihn zum Interview. Natürlich fand das Interview im Tierpark statt.

»Ich mag hier die Büffel mit der Matte auf dem Kopf«, erklärt mir Twit One während wir Futterpakete am Automaten ziehen. Spätsommer in Köln, Indian Summer par excellence! Sonnenstrahlen im Stadtwald, Kinder im Tierpark; dazwischen Twit und ich.

Den Ort hat sich der Hip-Hop-Beatbastler selbst ausgesucht, als ich ihn bezüglich seiner neuen Platte »Hay Luv« auf dem Kölner Imprint Melting Pot Music zum Interview bat. Die Liebe zur Natur ist ein immer wiederkehrendes Thema im Oeuvre des Kölners. Was verwundert, wenn man sich die Hip-Hop-Szene anschaut, die sich thematisch selten im Landschaftsbild verliert. Bei Twit One findet man hingegen immer wieder Hinweise. Sei es hier ein Lee Perry-Sample zum Thema Bäume (auf »The Sit-In« MPM, 2015), oder mit der »Treegonometry«-Platte aus der Keats-Serie von HHV ja sogar ein ganz handfestes Beispiel mit Cover und Titel, nicht zu vergessen seine frühere Heimat/Studio, das fast schon legendäre Treehouse.

Die Perlhühner kommen, schlichten den Streit von ein paar Gantern.
Zurückgelehnt und entspannt quatschen wir, Twit und ich, quatschen weiter…

…über die Platte im Allgemeinen:
Twit One: Richtig Holter die Polter lief das mit der Platte. Wir wollten halt, dass die mit der kleinen Tour, die ich gerade am Wochenende fahre, zusammen rauskommt. Die Stücke sind in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden. Abgesehen von zwei Stücken sind das alles Nummern aus den letzten Wochen. Ich bringe Platten raus um zu zeigen, wo ich gerade stehe.

…about »Ständertime«:
Twit One: Das ist eine Nummer, die ich mit meinem Kumpel C.A. Ramirez zusammen gemacht habe. Nach unserem gemeinsamen 7“-Feature auf dem tollen Money $ex Records-Label ist das die nächste Zusammenarbeit. Wir treffen uns eh häufiger zum Musik machen. Der Titel stammt aus einem gemeinsamen New York-Aufenthalt. Wir waren da 2007 in Brooklyn und haben um die Ecke vom legendären »The Thing«-Plattenladen gewohnt. Und jedes Mal wenn wir reinkamen war halt »Ständertime« angesagt.

…about Cool Bap:
Twit One: Das ist in den letzten Jahren für mich zum Hashtag bei Soundcloud geworden um meine Musik zu beschreiben. Ich mache ja keinen klassischen Boom Bap. Das ist nicht fett genug und insgesamt zurückgelehnter. Cooler halt, langsamer, lässiger, entspannter. Diese Entspanntheit ist vielleicht nicht unbedingt etwas, was man der Hip-Hop Szene zurechnet; in den letzten Jahren ist da aber glücklicher Weise viel entspannter Instrumental Hip-Hop rausgekommen.
… über den Hip-Hop- und Beat-Produzenten als eigenständiger Artist:
Twit One: Manchmal trifft man immer noch auf Leute, die nach dem MC fragen und mit diesem »neuen Entwicklung« nicht klar kommen. Doch Besucherzahlen und auch sonst wie es läuft, lassen darauf schließen, dass eine gute Anzahl an Leuten mittlerweile Beat-Produzenten und Instrumental-Hip-Hopper akzeptieren und anerkennen. Die Szene wird auf jeden Fall immer größer. Wenn man alleine sieht, was an Beatmachern nachkommt, freut man sich.

… Trend oder »here to stay«?
Ich glaube, dass wir hier über einen Sound reden, der vielen Leuten gefallen kann. Eigentlich auch mehr als bei Rap. Da muss man sich immer fragen, was da gerade gesagt wird – und dazu Stellung beziehen. Das will man vielleicht ja gar nicht haben und einfach mal selbst Gedanken machen. Sicherlich reden wir hier nicht über Muzak und Easy-Listening. Die Sprache der Musik ist in dem Fall einfach universeller. Auch meine Eltern hören meine Musik.

… über Humor:
So viel möchtegern, ernster und trauriger Shit, da draußen. Da nehme ich die Sachen gerne im Humor. Ich mache ja auch keine Musik, damit jemand Pumpen gehen kann. Im »Game« nehmen sich alle so ernst … das ist nicht meine Welt. In meiner Welt geht es entspannter zu.

Twit One
Hay Luv
Melting Pot Music • 2017 • ab 19.99€
… woher die Samples kommen.
Twit One: Ist ja nicht so, als würde ich mir die Samples aussuchen. Die suchen mich aus. Ich höre ja schon berufsbedingt (als Teilhaber eines Plattenladens) sehr viel Musik. Und dann kommt hier mal was neues rein oder ich stolpere zwei, drei Mal die Woche über alten Kram, während ich arbeite. Viele meiner Samples ergeben sich daraus, dass ich Percussion-Loops oder Vocals höre, die ich nicht nachspielen könnte, aber stark finde. Für mich ergibt sich der Thrill des Beat-Machens sicherlich aus dem Kombinieren von Vorhandenem. Diese Idee davon, dass niemand vorher DIESE Drums aus Somalia mit DIESEN Vocals aus den USA und Chords aus Cuba gemixt haben kann.

… über »Chayn Gang«:
Mir gefällt die Idee bei diesem Track etwas zu überliefern. Das ist ein Prison Chant von Gefangenen aus den Fünzigern in den USA, die von Alan Lomax in einer seiner unzähligen Reisen und Field-Recording Sessions aufgenommen wurden. Die Typen sind alle mittlerweile tot, wahrscheinlich in Haft gestorben, und klopfen hier halt Steine. In Kombination mit den Drums und den netten Chords, finde ich, rette ich da was rüber.

… über Natur und »Hay Luv«:
Das sind ja erstmal Referenzen zur ersten Delfonics-Scheibe und zu Stevie Wonder. Man kann den Titel deuten wie man mag. Liebe zum Heu. Auch hier kann man deuten, wie man will. Das Heu, das der Büffel futtert, der Player möchte Heu verdienen oder sicherlich raucht auch gern mal einer Heu. Ich liebe aber generell Natur und Gras und Heu und Bäume. Bäume sind besser als Häuser.

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