TY – Lasst Hip Hop erwachsen werden

20.10.2006
Foto:R. Cleveland Aaron Big Dada
»Wir können nicht einfach auseinandergehen und so tun, als hätten wir uns niemals getroffen.« Eine Drohung? Eine frohe Botschaft? Nein, der britische Rapper TY erklärt sein Konzept eines erwachsenen, verantwortungsvollen Hip Hop.

Spät am Abend findet das Interview doch noch statt. Nach dreimaliger Änderung des Interviewortes, treffen wir TY in einem Hotel in Berlin-Friedrichshain. Er sitzt sichtlich erschöpft im für den nächsten Morgen gedeckten Frühstücksraum vor ein paar Kaffeetassen Marke Mitropa, reibt sich von Zeit zu Zeit die Augen, gähnt ausgelassen, antwortet aber ausführlich und bedacht auf die Fragen.

Wie ist die allgemeine Stimmung in London im Moment, in Anbetracht der jüngsten und letztjährigen Terrorbedrohung?
TY: Das Leben ist fast wieder zur Normalität zurückgekehrt, aber ich traue dieser Normalität nicht, sie ist heuchlerisch. Zudem haben die Anschläge die echten Gefühle für Menschen von verschiedenen ethischen Hintergründen an den Tag gelegt. Es hat offengelegt, dass wir Fremde sind, besonders bezogen auf die Einstellung gegenüber dem Islam und Muslimen. Ich glaube, diese Einstellung ist einfach falsch. Man kann nicht über die Religion anderer Leute in solch einer abfälligen Art und Weise reden und dann erwarten, dass die Betroffenen einen nicht hassen. Ich bin kein Muslim, doch ich kann sehen, dass das Tennismatch zwischen dem Islam und dem Christentum sehr einseitig ist und ich glaube, dass uns diesbezüglich noch einiges bevorsteht. Auch wenn man betrachtet, was wegen Religion schon getan wurde und wovon man hier in den Medien nichts hört.

»Es geht um die Idee, dass Rapper vergessen haben, dass die Welt echt ist und dass man darüber reden kann.« (TY)

Du redest über so etwas in deinem Song Oh auf dem neuen Album, wenn du den Genozid in Ruanda 1994 ansprichst.
TY: Ja, das ist ein Beispiel. In Oh geht es nicht nur um Ruanda. Es geht um die Idee, dass Rapper vergessen haben, dass die Welt »real« ist und dass man darüber reden kann. Wir haben angefangen als Kinder im Hip Hop, doch jetzt sind wir erwachsen. Erwachsene lesen die Zeitung, zahlen Rechnungen, schauen Nachrichten und beschäftigen sich mit all diesen Dingen des täglichen Lebens. Ich denke im Hip Hop verhalten wir uns manchmal als wären wir kleine Kinder. Wir geben bestimmten Themen keine Aufmerksamkeit, wie zum Beispiel dem Gaza-Streifen und den Problemen im Libanon. Der Punkt, den ich machen möchte: Diese Dinge passieren, doch als HipHop-Person sollte ich wissen, dass das mich und meine Kinder auch betrifft. Als ich den Song gemacht hab, kamen Bahamadia und Zion I zu
mir und unsere Gedanken gingen so (beide Arme strecken sich in weite Ferne und TY macht das Geräusch eines Pfeils, der durch die Luft fliegt). Dieses Lied mit ihnen zu machen öffnete mich für die Idee, ein Konzept mit Menschen zu teilen. Für mich aus London war es ein großartige Sache zu wissen, dass wir alle die gleichen Gefühle über diese Dinge hatten, obwohl wir aus verschiedenen Teilen der Welt kommen. Das die beiden über ein Thema sprechen, welches sie nicht mal auf ihren eigenen Platten behandeln, zeigt für mich, worum es im Hiphop geht.

Du glaubst also an eine gewisse Verantwortung, die du als Künstler hast?
TY: Ja. Wir sind Erwachsene, egal ob wir Hip Hopper sind oder nicht, wir hören Musik. Wir beide könnten dieses Gespräch überall in der Welt haben. Wir setzen uns zusammen als erwachsene Menschen mit Jobs, zu denen wir eine gewisse Affinität haben, mit denen wir uns intellektuell beschäftigen. Ich glaube, das wurde so noch nicht im Hip Hop betrachtet. Ich bin ein Rapper, du bist ein Journalist, aber es gibt keine Verbindung zwischen uns, wenn sich unsere Wege trennen. Doch diese Verbindung existiert. Was ist, wenn du eine Tochter hast und mir von ihr erzählst. Drei Jahre später kommt sie zum Interview und fünf Jahre später gibt es das nächste Interview und ich frage dich: »Hey, wie geht’s deiner Tochter?« Im Moment ist es nur: Ich bin ein Rapper, du bist ein Journalist. Wir denken aber nicht darüber nach, was in zehn Jahren sein könnte. Das bringt so ziemlich mein Konzept für Closer auf den Punkt. Ich glaube, die Leute sollten anfangen, auf einem »echten« Level zu kommunizieren. Damit meine ich nicht »We are the World«, sondern ich rede davon, dass wir ein gemeinsames Interesse an Hip Hop haben. Ich hätte dich wahrscheinlich nicht getroffen, wenn nicht durch Hip Hop. Doch was passiert jetzt? Wir können nicht einfach auseinandergehen und so tun, als hätten wir uns niemals getroffen. Es gab Situationen, in denen ich Leute in meinem Haus hatte, die ich noch nie vorher gesehen hab und die ich nur über einen Freund von einem Freund kannte. Was ich meine ist, Hiphop bringt die Menschen zusammen.

Im Moment ist es nur: Ich bin ein Rapper, du bist ein Journalist. Wir denken aber nicht darüber nach, was in zehn Jahren sein könnte. Das bringt so ziemlich mein Konzept für Closer auf den Punkt. (TY)

Hip Hop ist demzufolge so eine Art Mittel zum Zweck, welches die Leute verbindet?
TY: Nicht direkt. Ich sehe Hip Hop-Musik, oder das, was es mal war, als eine Art Instrument der Interessen. Einer der Mittel ist Kommunikation: Internet, E-Mail und Telefon. Für mich persönlich ist es komisch, dass Oh soviel Aufmerksamkeit erregt, denn es ist genau die Art von Lied, von dem ich früher gesagt hätte: Danke dir Gott für Hip Hop!

Hast du ein Beispiel für ein solches Lied?
TY: Black Steel in the Hour of Chaos von Public Enemy. Mein Gott, ich habe die Platte meinen Eltern vorgespielt und sie verstanden nicht, was passiert. Für die war es einfach Krach. Meine Mutter verstand es einfach nicht, aber inzwischen versteht sie alles. Sie schaut den ganzen Tag Musikvideos.

Hatte John Peel einen großen Einfluß auf dich?
TY: Ich glaube, er hatte nicht nur einen Einfluss auf mich, sondern auch auf die Art und Weise, wie man Musik hört und Dinge betrachtet im Allgemeinen. Viele Djs haben vergessen, was John Peel getan hat. Manche erinnern sich an ihn, wie zum Beispiel Tom Robinson oder John Kennedy. Sie sind sehr offen, aber es gibt auch sehr viele Pop-Menschen bei Radio 1 die sich nicht an das erinnern, was John Peel ausmachte. John Peel sagte: Neinneinnein. Schau doch mal, was hier drin ist (nimmt eine Kaffeetasse). Mmhh, ich werde das spielen, denn du kannst niemals, niemals, von mir erwarten, dass ich das spiele, was du von mir erwartest. Das sollte nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben ein Prinzip des Handelns sein. Jemand sagt zum Beispiel: Weißt du was, ich werde meine Chancen mit dieser Person suchen, oder in diesem Gegenstand. Einfach keine Angst vor neuen Dingen haben. Um aber auf meine Mutter zurückzukommen: Jetzt ist es so, dass sie mir alles über die neueste Musik erzählt. Vor kurzem hat sie mir von einem afrikanischen Musiker erzählt und ich meinte: Mama, ich
kenne diesen Musiker. Sie berichtete mir jedoch nicht von dem Musiker, den ich meinte, sondern von seinem Sohn. Jetzt ist sie es, die mich belehrt, was ich großartig finde.

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