H31R sind das neue Ding aus dem Big Apple – und klingen nach UK

12.12.2023
Foto:© Kenyatta Meadows (Big Dada)
Wetten, dass hier niemand auf New York City getippt hätte? H31R, die Thronfolgerinnen, haben eigentlich gar niemandem, den sie nachfolgen könnten: Denn so klang der Big Apple noch nie.

Im zweiten Anlauf steht die Leitung nach New York. »Äh, hätten wir schon um 9 da sein sollen?«, fragt Jennifer Hernandez alias JWords. Die gebürtige Dominikanerin ist Produzentin beim Hip-Hop-Duo H31R und spät dran. Zwei Tage, um genau zu sein, aber: Kommt vor, macht nix. »Dafür kannst du mich J nennen«, grinst sie und rollt erstmal einen Joint, während sie mit gesenktem Blick die Vorzüge des New Yorker Tabakersatzes Grabba hervorhebt.

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Dann poppt auch Maassai in den Call. Sie ist MC und J’s Komplizin bei H31R. Bevor jemand fragt: Man spricht es wie »heir« aus. Das ist Englisch, dazu aber gleich mehr, denn:  H31R haben gerade ihr zweites Album veröffentlicht, es heißt »Headspace« und ist beim Ninja-Tune-Ableger Big Dada erschienen – exakt drei Jahre nach dem Debüt von »ve-loc-i-ty«. Den Blend aus Footwork, Golden Age und Jazz-Vibes feierten Heads damals als Underground-Trophäe. Mit »Headspace« – einem »reiferen Album«, wie H31R es nennen  –, dürfte das Scheinwerferlicht diesmal aber größer ausfallen.

Space zwischen den Sternzeichen

In New York ist es gerade Vormittag. Maassai, die sich als Eule bezeichnet, schaltet sich aus Brooklyn zu, während J in New Jersey qualmt. »Wenn wir uns in Manhattan treffen, brauchen wir beide gleich lang«, sagt die Rapperin. »Mittlerweile muss ich aber immer zu Maassai fahren«, meint die Produzentin. Weil aber weder sie noch Maassai einen Führerschein besitzen, dauert das. »Ist aber schon ok, wir leben weit genug entfernt, um uns nicht auf die Nerven zu gehen, jede von uns hat ihren Freiraum.«

Beide lernen sich 2017 bei einem Showcase von Suzi Analogues Label Never Normal kennen. J spielte ein Beat-Set. Maassai trat mit einer Band auf. Als sie sich auf der Bühne sahen, haben beide sofort gewusst: Diese Beats, diese Vocals, das könnte passen! »Außerdem bin ich Zwilling und J ist Wassermann – wir stehen mit unseren Sternzeichen in Resonanz«, meint Maassai. »Deshalb denken wir viel nach, sind aber auch entspannt, weil wir mit dem Flow gehen«, ergänzt J und meint: »Headspace eben.«

Buch halten, Thron folgen

Maassai wächst Ende der 90er in Brooklyn bei ihrer Großmutter auf. Ihr Onkel ist Produzent, ihre Mutter Rapperin. »Alle in meiner Familie waren kreativ, aber irgendwann haben sie alle wieder damit aufgehört«, sagt sie und meint: »Ich hab erst begonnen, mich künstlerisch auszudrücken, als ich mit meiner Oma in die Kirche ging.« Bei der Bibelstunde hat man Maassai zwar schon länger nicht mehr gesehen. Der Schaffensdrang ist aber geblieben. »Ich hab ja etwas zu sagen, außerdem hat mein Approach etwas Revolutionäres, weil: Es gibt da dieses Saying ›heir to the throne.‹ So seh ich das, ich bin eine Thronfolgerin. Und als solche represente ich meine Herkunft, meine Vorfahren, meine Hood.«

Alle in meiner Familie waren kreativ. Aber irgendwann haben sie alle wieder damit aufgehört

Maassai

Im Vergleich zu Maassai hatte J’s Familie keinen Bezug zur Musik. »Wir lebten zu fünft in einer Zweizimmerwohnung. Meine Eltern haben sich oft gestritten. Das war nicht so toll.« Als Teen findet J eine Fluchtkomplizin aus der engen Familienrealität: Musik. Sie fängt an zu kiffen, hört Instrumentals, ist in ihrer eigenen Welt. Selbst Musik zu machen, darauf sei J aber lange nicht gekommen. Nach der Highschool peilt sie einen klassischen Bürojob an. »Ich war gut in Mathe, also dachte ich mir, hey, ich werde Buchhalterin. Erst später habe ich gemerkt, dass das Produzieren von Musik auch Mathematik ist. Irgendwie bin ich also doch Buchhalterin geworden, oder?«

»Klar«, sagt Maassai. »Deine Beats sind Mathematik, alles ist Mathematik, wenn man so drüber nachdenkt.« Deshalb funktioniere H31R ja auch wie verschiedene Gleichungen. »Wir addieren da und subtrahieren dort«, sagt J und meint ihre Beats, die in Branchenblättern immer wieder mal als »experimental« bezeichnet werden. »Weil die für sich schon komplex und anspruchsvoll sind, wird das mit meinen Vocals richtig fire«, so Maassai. »Ich muss aber genau rausfinden, wo ich einsetze. Ich probiere beim Schreiben ständig rum – manchmal ist es ein Wort, das ich ändere, um den Beat zu treffen.«

Getroffen haben sie jedenfalls den Zeitgeist mit ihrem Video zu »Going Backwards«. Das Ding sei an der Wall Street entstanden, auch bekannt als größtes Finanzviertel von New York oder der Welt. »Dort schalten alle auf Autopilot und folgen einer Routine, die ihnen das Kapital auferlegt«, sagt J. »Während wir uns als Gesellschaft immer weiterentwickeln sollten, entwickeln wir uns dort zurück. Deshalb werfen wir mit Falschgeld rum. Deshalb fliegt es am Ende wieder in unsere Koffer zurück. Wir bewegen uns backwards, ohne es zu merken – wir zeigen es den Leuten doch nur!«