Little Simz – »Es ist ein bisschen wie Wachstumsschmerzen«

01.03.2019
Foto:© Age 101 © Age 101
Sie ist in kurzer Zeit zu einer Art Gallionsfigur des indierap geworden. Größen wie Jay-Z oder Kendrick Lamar haben sie längst auf dem Zettel. Mit ihrem dritten Album »Grey Area« legt sie nochmals eine Schippe drauf. Zeit für ein Interview.

Little Simz fungiert vielen als Gallionsfigur des Indierap: Ohne Major-Label im Rücken hat sie es auf die Favoritenliste von Genre-Größen wie Jay-Z und Kendrick Lamar geschafft, ist mit ihrem Idol Lauryn Hill getourt und mit Nas hat mit den Gorillaz einen Track aufgenommen und einen Song in in der HBO-Serie »Insecure« platziert. Mag es an ihrem vielgestaltigen, zwischen Grime, Dubstep, Jazz, Hip-Hop und Neo-Soul oszillierenden Sound gelegen haben, an ihrer Außenseiterrolle als weiblicher Act in einem männerdominierten Genre oder auch einfach am Timing: Der kommerzielle Durchbruch war Simbiatu Ajikawo, wie Little Simz mit bürgerlichen Namen heißt, bisher nicht vergönnt. Wovon sich die inzwischen 25-Jährige, im Londoner Stadtteil Islington geborene Tochter nigerianischer Einwanderer freilich nicht beirren ließ. Mit beachtlichem Eifer veröffentlicht Little Simz schon seit Teenager-Jahren Tracks, vieles über ihr eigenes Label Age 101. Für »Grey Area« ist die experimentierfreudige Britin endlich stehengeblieben, um ihren Werdegang zu reflektieren. Ein Gespräch übers Erwachsenwerden.


Die Musik von Little Simz findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/little-simz-hip-hop/p:6xs1S7.)


Auf »Grey Area« wirst du so persönlich wie selten zuvor. Wie fühlt sich das an?
Little Simz: Sehr sehr surreal! Ich weiß noch, wie ich im Studio gesessen habe und jetzt kann ich kaum glauben, dass der Release ansteht. Diesmal lass ich die Menschen an mich ran, das macht verletzlich, aber das ist auch der Grund, weshalb ich Musik mache.

»Stillness in Wonderland«, dein letztes Album, war viel konzeptueller angelegt: Was war dieses Mal anders?
»Stillness in Wonderland« habe ich auf Tour geschrieben, in Flugzeugen und auf Rückbänken. Diesmal war ich ortsgebunden, nicht unterwegs, mein Geist war nicht mit zehn Gedanken gleichzeitig beschäftigt. Ich konnte mich völlig darauf einlassen, meine Gefühle und Gedanken zu erkunden und sie zu kanalisieren. Außerdem habe ich für »Grey Area« zum ersten Mal von Anfang an mit einem Producer zusammengearbeitet. Das war eine sehr neue Erfahrung, bisher habe ich meine Musik eher alleine gemacht. Aber ich habe es geliebt!

Du rappst, seitdem du elf Jahre alt bist. Warum kommt der persönliche Einblick erst jetzt?
Das war eine Entwicklung. Ich bin eher wie eine Insel, also niemand, der einfach so Menschen an sich heranlässt. Diesmal hatte ich das Glück, mit Inflo zu arbeiten. Er hat mich ermutigt, weiter nach innen zu reisen, mich selber zu fordern und deswegen habe ich mich gewagt, tiefer anzuzapfen, um die Ergebnisse zu kriegen, die wir jetzt haben. Im Rückblick würde ich alle meine Alben so machen.

Warum fiel dir die Zusammenarbeit mit ihm so leicht, wenn du eigentlich anders gepolt bis?
Weil er ein Genie ist! Manchmal kann er einem echt auf den Geist gehen, aber viel öfter ist er wirklich lustig. Unsere Familien kennen sich, wir sind in der selben Gegend aufgewachsen. Er kennt meine Geschichte, ich seine und ich fühle mich wohl genug, mich zu öffnen, wenn wir im Studio sind. Inflo ist sehr talentiert, er versteht mich einfach.

Das klingt geradezu symbiotisch, hat dir die Kollaboration auch neue Erkenntnisse beschert?
Ich habe gelernt, dass ich echt stur bin. Als ich Inflo traf, hatte er viele Ideen und ich war schnell dabei zu sagen: »Nein, auf keinen Fall«. Ich bin sehr wählerisch und daran gewöhnt, die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu machen. Bei der Entstehung von »Grey Area« habe ich gelernt, zu vertrauen und auch Sachen auszuprobieren. Das war ein wenig unbequem. Aber es ist ein bisschen wie mit Wachstumsschmerzen: An einen Ort des Unbehagens zu gehen, ist gut, vor allem mit Kunst. Am Ende kommt etwas Wunderbares dabei raus.

Hast du ein Beispiel für diese neue Arbeitshaltung?
Die ist schon lustig. Als wir an der Single »Offence« saßen, fand ich das Instrumental nicht ganz stimmig. Inflo wiederum hat meine Verse nicht abgefeiert.

»An einen Ort des Unbehagens zu gehen ist gut, vor allem mit Kunst.« (Little Simz)

Er fragte: »Kannst du was anderes probieren?« Und ich so: »Nein, ich lass’ das so, kannst du nicht was anderes machen?« Er meinte nein, und dann ist alles so geblieben. Ich war offen genug zu sagen, wenn du daran glaubst, cool – und er genauso. Ich bin nicht mehr der Kontrollfreak, der ich mal war, wenn es um meine Musik geht. Inzwischen erlaube ich den Leuten, ihre eigene Magie dazuzugeben. Manchmal bedeutet Stursein auch, zu wissen, dass es aufgehen wird.

Momente des Zweifels kennst du aber sicher auch.
Klar, ich habe häufig hinterfragt, ob ich unabhängig weitermachen soll, ich wollte das nicht unbedingt, nur habe ich noch nicht das Label gefunden, wo ich unterschreiben würde. Am Ende des Tages glaube ich, dass mein Weg mir eh vorgeschrieben ist, deshalb versuche ich, mir nicht selbst im Weg zu stehen, indem ich zu viel in meinem Kopf bin. Als Künstlerin bin ich da eh sehr oft und ich glaube, das hält einen eher zurück. Was sein wird, wird sein…

Was müsste das Label denn mitbringen?
Ich frage nach nichts Außergewöhnlichem, das Geld könnte ich von zehn verschiedenen Labels kriegen. Aber darum geht es mir. Ich bin jemand, der von Connections und Vibes lebt und ich will mit Menschen zusammenarbeiten, die es raffen und die mir helfen, weiterzukommen. Aktuell kommuniziere ich mit vier Leuten vielleicht, mein Team ist echt klein. Aber wir sind uns alle eng verbunden.

Auf »Grey Area« verarbeitest du das Erwachsenwerden. Holst du etwas nach, wofür dir der frühe Erfolg keine Zeit gelassen hat?
Ich glaube, der Erfolg hat mich gezwungen, schneller erwachsen zu werden, weil ich mit viel mehr in Berührung kam, als wenn ich nicht getourt wäre. Meiner Entwicklung hat er aber nicht im Weg gestanden. Wenn, dann hat er mir die Augen dafür geöffnet, was es heißt, jung zu sein.

Und das wäre?
Vom Mädchen zur Frau zu werden ist eine schwierige Phase: du wendest dich nach innen, hast Unsicherheiten, Ängste, Sorgen. Es mag vielleicht keine Zweite wie mich geben, aber da sind wir alle durch, so gesehen glaube ich, dass meine Geschichte eine universelle ist. Als Künstlerin ist es für mich wesentlich, davon aufrichtig zu erzählen. Ich hoffe, dass sich die Menschen darin wiederfinden.

Little Simz
Grey Area White Vinyl Edition
Age 101 • 2019 • ab 38.99€
Als ich sehr jung war, ich würde sagen zwischen 16 und 18, habe ich versucht, super-poppy Musik zu machen. Das ist, was die Leute von mir hören wollen, dachte ich. Dass ich das machen müsse, um anzukommen. Aber das war nicht ich und es stellte sich heraus, dass das auch überhaupt nicht nötig war. Aber ich bin glücklich, dass ich das überwunden habe. Nach solchen Phasen kehre ich immer zu mir selbst zurück.

Und wer bist du heute?
Mein Weg beschränkt sich nicht auf eine einzige Sache. Ob Rap, Fotografie oder Schauspielerei, ich mag es zu erschaffen und will in all diesen Dingen großartig sein. Ich arbeite mit dem, was ich sehe und fühle. Schon früh habe ich mir geschworen, nichts zu machen, was nicht ich bin und stattdessen Grenzen auszutesten, mich jenseits meiner Komfortzone zu bewegen und zu wachsen. Deswegen, nehmt meine Worte nicht für bare Münze: Ich bin 24 und versuche aus dem Leben schlau zu werden – wie jede andere 24-jährige auch.


Die Musik von Little Simz findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/little-simz-hip-hop/p:6xs1S7.)

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