Zwölf Zehner – August 2014

05.09.2014
Willkommen im September. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat August musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Caribou
Our Love
Merge • 2014 • ab 18.99€
Dan Snaith der alte Progger, hats mal wieder geschafft. So dürften ihn für das neue Caribou-Album mal wieder Indierocker, Chefraver und WG-Küchler gleichermaßen alle auf die Schulter klopfen. Er kriegt sie einfach alle. Das titelgebende »Our Love« schafft dabei den Spagat einer eleganten Metro-Area-Produktion und einer aberwitzigen (und funkigen) Rave-Intensität, die allerhöchstens noch Lone’s »Airglow Fire« anno 2014 für sich beanspruchen kann. Dazu der hypnotische Aufbau, dass selbst die Innervisions-Spaßbremsen vor Neid platzen dürften. In allen Belangen: einer für die Jahresbestenliste.

Caribous »Our Love« auf Soundcloud anhören

Mit Caribou hätten wir den Sommerhit der Clubsaison abgesteckt. Ernst Palicek, dieser kauzige gürteltaschen- und schirmmützentragende Sympathikus Wiener Prägung liefert das Pendant für die spätsommerliche Terassen- und Biergartensaison. Dass man in Wien (und Salzburg) rund um das Camp des Produzenten Lex Lugner und Rappers Crack Ignaz etwas anders tickt und jenseits von Trends und Konventionen freudig an seinem eigenen (T)Rap- und (und Humor-) Verständnis werkelt, das bewies spätestens das 2013 auf Upmyalley erschienene »Elvis« Die dadaistische Wienhymne »Summer in Wien« reizt dieses Verständnis jetzt bis zum Äußersten aus. Nach vier Minuten abgeschmackten Synths, Trapanleihen (sowie Kamp-Reminiszenz,) einer dumpfen Melodien und kongenial stilwidrig eingesetzten “Videoclip”::https://www.youtube.com/watch?v=ARsL_NJd8v4, ist man zweifelsfrei gewillt zu glauben: Nicht Mallorca, nicht Jesolo und auch nicht Berlin, nichts ist so schön wie der Sommer in Wien.

Ernst Paliceks »Summer in Wien« auf Youtube anhören

Es ist schon eine große Leistung nach gut 25-jähriger Historie den definitiv gehaltlosesten und uncharismatischsten Verticker-Vers der Geschichte gefunden zu haben, in einem Genre wohlgemerkt, in dem vermutlich bereits ein 8-Jähriger gelernt hat wie viele Ipads er für einen Brick bekommt. Erstmal Gratulation dazu, Herr Berner. Dass »All In A Day« dennoch eine der definitiven Rap-Singles eines bisher reichlich schwachen Jahres werden muss, liegt daran, dass Young Thug hier endlich öffentlich seinen Verstand verliert und die wahnwitzigste Hook der Neuzeit, äääh, seit Versace zum besten gibt. Oh und der Beat. Der scheppert irgendwo zwischen Dead Prez Hochdruck, Metro Boomin und Hade um Thugs bizarre Performance Art. YG, Vital, geschenkt.

Berners »All in a a day« auf WorldStarHipHop anhören

Peaking Lights
Cosmic Logic
Domino • 2014 • ab 23.08€
Bei Pitchfork bemühte man für die neue Leichtigkeit beim Kuschelbär-Pärchen Peaking Lights M.I.A.-Vergleiche. Damit tut man »Breakdown« zwar keinen Gefallen, die Art und Weise wie hier mit tropischen und karibischen Zutaten aber ein veritabler, aber verspäteter Sommerhit gezimmert wurde, erinnert zumindest stellenweise schon an das unvergessene Sunshowers wohingegen Dub natürlich immer noch der wichtigste Referenzpunkt des Duos bleibt. Ich glaube so hätte ich damals sogar Fat Freddy’s Drop verstehen können.

Peaking Lights »Breakdown« auf Soundcloud anhören

Mikael Seifu
Yarada Lij EP
1432 R • 2014 • ab 15.99€
Ein Äthiopier, der in New Jersey studiert hat macht jetzt für einen Ableger von PPU britisch anmutenden Post-Alles-Kram, der hier klingt als hätten Skull Disco und Modern Love ausnahmsweise zum Frühstück keine Metallsplitter und Glasscherben im Müsli gehabt. Da hören wir doch zu, da bezahlen wir gerne 13 Euro für. Und staunen nicht schlecht, dass Mikael Seifu auch noch Hip Hop kann. Und House. Und dass »Dropleton« in seinen ganzen neun Minuten und fünfundvierzig Sekunden nicht einen Moment des Spannungsabfalls kennt.

Mikael Seifus »Dropleton« auf Soundcloud anhören

»Clarke’s dream« bedeutet Gold Panda an der MPC und ein wohl rasanst produzierter Schnellschuss, quick & dirty, raus damit, fertig ist der Hit. Zweitaktiges Soulsample, eine auf den Punkt genau knuspernde Kickdrum und ein Wechselspiel von bewusst mies editieren Hi-Hats, deren Hintergrundrauschen quer durchs Membran schleudert. Loop auf Loop, Groove für Groove, mehr braucht es nicht. Mehr davon!

Gold Pandas »Clarke’s Dream« auf Soundcloud anhören

Jack J
Looking Forward To You
Mood Hut • 2014 • ab 10.99€
Der behagliche Groove, die warme Bassline und – hell yeah, immer willkommen – das atmosphärisch figuierende Saxophon, hach, Jack J’s »Something (On My Mind)« weckt Assoziationen: Rasch müsste sich doch einer finden lassen, der hier ein Chris Rea Acapella drüber arrangieren kann!? Vollkommenheit wäre erreicht. Traum bleibt Traum. Trotzdem bietet »Something (On My Mind)« dieser Tage mit dem Ausflug in sentimentale Yacht-House-Gefilde die dringend benötigte Antipode zum übertriebenen Analogfetichismus unserer Tage.

Jack Js »Something (On My Mind)« auf Youtube anhören

Es mag nicht konsensfähig sein, aber so ganz leichte Sorgen hatte zumindest ich mir schon gemacht um PAN und Lee Gamble. Mit soviel Boomkat-Liebe kann man ja auch gerne mal das E in Dance Music überstrapazieren und Kickdrum & Snare zum Proletariatshammer erklären. Schön also, dass der Chef persönlich bisher nur wunderbar verhuschte House-Tracks als Vorboten zu seinem bald erscheinenden Album Koch entsand hat. »Motor System« rumpelt stoisch, aber dynamisch, verschlafen, aber verbindlich und mit einem müde weggenuschelten Grabes-Vocal direkt in die Kisten, derer die vor zwei Jahren mit dem kruden Branding Outsider House hantierten.

Lee Gambles’ »Motor System« auf Soundcloud anhören

Bug, The
Angels & Devils
Ninja Tune • 2014 • ab 7.49€
Manga ist Wiley und The Bug ein Geeneus. »Function« ist in seiner Unmittelbarkeit und rohen Brutalität eine herzlichst willkommener Throwback in die goldene Roll Deep Ära und die Art und Weise wie sich Manga mit allen Körperteilen gegen diese Basswand wehrt, erinnert beinahe schon an den in die Ecke getriebenen jungen Dizzee. Dazu das mit der Verzweiflung eines Hamburger Innenverteidigers vorgetragene Mantra, dass er doch auch nur versuche zu funktionieren. Ich hole derweil mal die Playstation I aus dem Keller…

The Bugs »Function (feat. Manga)« auf Soundcloud anhören

»Reassuring« mag nicht besonders innovativ sein, diese erdrückend schweren Moll-Akkorde, das obligatorisch lamentierende Vocal-Sample, die kontrastiven und variablen Drumpatterns – natürlich hat hier jemand Four Tet gehört und vermutlich seinen ersten nicht funktionellen Rap Remix erst nach Hyph Mngo in Ableton gespeichert. Aber darum soll es hier nur bedingt gehen, denn Jim E-Stack hat hiermit eine wunderschöne Allegorie für diesen seltsamen Sommer geschrieben, melancholisch, schwül und mit ganz viel romantischer Verklärung für die Hoffnung auf Sonnenschein. Irgendwie das 2014er-Pendant zu Sweatson Klanks Contemplate

Jim E-Stack »Reaussuring« auf Youtube anhören