Ausklang | New Music Friday – Neue Musik von Stormzy, Roly Porter, Kyson et al.

27.11.15
Woche für Woche picken wir Tracks, die uns in den vorausgegangenen sieben Tagen nicht aus dem Kopf gehen wollten, deren Release auf den heutigen Tag fällt oder einem anderen Pseudogrund unterliegen
»Loser« by Emily Yacina
taken from Emily Yacina’s new MC »Soft Stuff«, to be self-released on December 11th

Ich stelle mir das Leben des Pitchfork-Menschen vor, der diese kleine Perle zu mir hat kullern lassen. Ich sehe dieses Leben vor mir, durch einen pastellfarbenen Rosa-Schleier. Ein Zimmer mit Backsteinwänden und Cocteau Twins-Postern. Eine Gitarre gelehnt an einen nussbraunen, quadratischen Tisch, darauf süße Kleinigkeiten, in denen kleine Süßigkeiten ihren Platz finden. Ich stelle mir dieses Leben vor und zumindest für zehn Minuten oder eine halbe Stunde möchte ich es inniglichst leben. Dann fallen mir in meiner Vision aber auch das leere Prozac-Döschen im Mülleimer und die existenzielle Leere zwischen Bett und Schreibtisch auf. Ich entschließe mich also dafür, nur das Tape von der Kommode zu greifen und schnell das Weite zu suchen. KC
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»4101« by Roly Porter
taken from Roly Porter’s new LP »Third Law«, out January 22nd on Tri-Angle

Ich steige also aus dieser Vision in die nächste herab und wenn ich herab meine, dann meine ich herab. Im Sinne von: Nach unten, in hell’s fucking kitchen. Gucken, ob Jessica Jones noch ein Bier oder zumindest einen markigen Spruch für mich über hat, bevor sich der Asphalt auftut und die Mülllawinen von unten herab hoch quellen. Das immerhin ist das Beruhigende an verschwitzten Fieberträumen wie diesem: Es geht immer weiter nach unten, es könnte alles viel schlimmer sein. So wie bei Roly Porter, wo das Schlimmere immer nur angedeutet wird und dann verebbt, noch schlimmerer wiederkehrt und auf Schlimmerererstes verweist. Dreh dich nicht um, aber guck auch bloß nicht nach vorn. KC
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»Milo (2015 Version)« by Mr. Mitch
Was aber bleibt nach den Fantasien? Außer der dumpfe Nachgeschmack von Kupfer und ein stumpfes Stimmengewirr am linken Rande des Horizonts? Streicher vielleicht, oder ein bisschen Klimpergitarre nach Lehrbuch. Die jedoch nur kurz und effektiv. »Milo (2015 Version)« ist die bluesige Erinnerung an hellrosa Zeiten. Die Frage ist jetzt nur: Bieten wir Mr. Mitch eine Schulter zum Ausweinen an oder kugeln wir seine aus, in einer alttestamentarischen Geste der Rachsucht? Mr. Mitch hat die Unschuld mit einem gerollten Zwanni weggeschnorchelt und der Rest ist ein einziges Low für alle Seiten. Verdammt aber auch. Verdammt. KC
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»Don‘t Wanna Let You Know« by Ducktails
Die erste Schneematsche. Auf dem Snooze-Knopf am Wecker sind mehr fettige Fingerabdrücke als an den Fensterscheiben in Mäckes, wenn dort jemand ein Kindergeburtstag feiert. November. Die Knochen schlapp, man friert erst und riecht dann in beheizten Räumen stärker unter den Achseln als im Sommer. Passend zur Misere: Der neue Song vom Real Estate-Gitarristen. Der hat mal so gar kein Schmackes; hier klingt sogar »Fun« wie ein einsamer Erpel auf einem grauen Weiher in der Nähe von Wolfsburg. PK
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»A Song About The Future« by Kyson
In einer muskellosen Welt aus Schneeregen und Mittagsschlaf ist Kyson sowas wie der Muezzin der zum Nichtstun aufruft. Ein lauwarmer Schluck Wasser, ein Panorama einer Düne in Ostfriesland, ein einsamer Steg in einer Moorlandschaft. Toll, wenn man Gummistiefel trägt, toll, wenn man immer noch »Der frühe Vogel…«-Pics auf Instagram posten, toll wenn denkt, diverse Zink-, Magnesium- und Vitamin C-Tabletten könnten wieder etwas Pfeffer in den eigenen flachgelegenen Arsch pusten. PK
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»Standard« by Stormzy
Ich weiß nicht was mit meinen beiden Kollegen los ist, aber heizungslüftigen Achselschweiß und Prozac-Dosen versuche ich im internen Traumata-Ringelpietz mit einem Handwerker zu kontern, der gerade bei offener Tür in meinem Bad gleichzeitig (freihändig?) gepinkelt und gefurzt hat und mit diesem Selbstverständnis die einzige adäquate Metapher für Stormzys »Standard« ist. Wie er jetzt noch seine dritte L&M ohne ein Zögern stilsicher im Waschbecken ausdrückt: STANDARD! FA
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»Sooty Shearwater, King Of Migration« by Fatima Yamaha
taken from Fatima Yamaha’s new LP »Imaginary Lines«, out November 30th on Magnetron

Und weil ich irgendwann einsehen musste doch nicht mit der gleichen inzaghiesken Abgewichstheit geboren worden zu sein, habe ich die Deutungshoheit über meine Kloschüssel längst abgegeben und unterdrücke zur fast lieblichen Melodie von »Sooty Shearwater, King Of Migration« seit nunmehr gut 90 Minuten den schlimmsten Harndrang seit 1991, als ich einen Stash zweilitriger Zitronenlimo an meiner Mutter vorbeigeschmuggelt hatte und nicht auf drei Stunden Stau vorbereitet war. In der Zwischenzeit will der Boss im Bad wissen, ob das da jetzt so Loveparade-Musik sei und ich danke ihm für diese Assoziation, denn: Fatima Yamaha macht Techno für Millionen ohne es zu wollen und vielleicht, aber nur vielleicht, trauen sich bald auch diese ganzen Festival-Großkopferten What’s A Girl To Do 2016 durch das hier zu ersetzen. FA
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