Ausklang | 2017KW48 – 8 essentielle neue Platten

01.12.2017
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Aksak Maboul
Un Peu De L'Ame Des Bandits(Remastered)
Crammed • 2017 • ab 17.99€
Musik ist dann am besten, wenn sie weh tut, Teil 1: Gellende Glossolalia, tonale Totalverstimmung, blecherne Bläsersoli – es gibt keinen Grund, Aksak Maboul zu mögen. Aber eben auch keinen Weg drum rum, das hier als ganz großen Dilletantismus (ja, mit Doppel-L und einem T) avant la lettre, sprich jenseits der noch aufblühenden Post-Punk-Szene der End-Siebziger als wahrste und reinste Zerstörungsorgie anzusehen. Wenn selbst This Heat neben deiner Band wie ein Chorknabenprojekt aussehen, dann hast du entweder etwas sehr richtig oder aber sehr viel kaputt gemacht. Im unwahrscheinlichsten Falle sogar beides. »Un Peu de l’Âme des Bandits« ist der unwahrscheinlichste Fall überhaupt. Es war nicht alles schlecht in der Postmoderne KC
Lydia Lunch & Rowland S. Howard
Siberia
Bang! • 2017 • ab 22.99€
Sollte ich irgendwann das Bedürfnis verspüren, mir Gedärme umzuhängen und mich mit Kot einzuschmieren, dann höre ich dazu Lydia Lunch. Für solche, die absolut nichts raffen: das ist ein Kompliment an Lydia Lunch. Bang! hat jetzt ihre Performance mit Rowland S. Howard auf Vinyl verfügbar gemacht, nice and clean. PK
Vox Populi!
Magiques Creations
Emotional Rescue • 2017 • ab 17.99€
Dann doch direkt weiter mit Vox Populi!, die sind mit ihrem kruden Industrial-Folk jetzt auch locker wieder seit drei Jahren die coolste Band der Welt. Und weil Emotional Rescue immer zur richtigen Zeit checkt, welche 80er-Sau gerade durch’s Dorf getrieben werden sollte, gibt es unter dem Titel »Magiques Creations« nach der essentiellen »Aither«-Reissue letztes Jahr noch unveröffentlichtes aus eben diesen Sessions hinterher. FA
Robert Leiner
Aqua Viva Edward Edit
Apollo • 2017 • ab 10.99€
Was viele Menschen ja nicht verstehen: Mit Anbruch der Winterzeit muss ein Weckton her, der an Wintermorgen genauso hart, synthetisch und unerbittlich nervig das Ästhetikempfinden auf links umkrempelt wie es sonst nur der Anblick Neuköllner Straßenschluchten im ausfadendenden Neuschnee tut. Präventive Schocktherapie noch vor dem ersten Kaffee, also. Falls ihr Harmoniesuchtis es dennoch schööön haben wollt, nehmt ihr entweder »On« von Aphex Twin oder »Aqua Viva« von Robert Leiner. Letzterer zumindest streicht euch sanft ein paar Kristalle aufs Zahnfleisch und wegen Kiefersperre aufzuwachen ist im Grunde ähnlich wirksam wie polyphone Liebesgrüße aus dem VIVA-Zeitalter. KC
V.A.
Exo3
Ekster • 2017 • ab 28.99€
Während sich die zweite Ekster Compilation vor gut einem Jahr der 4th World psychotisch af näherte, greift der dritte Teil eher auf bekanntere Ambient-Signifier zurück, insbesondere wenn die Amsterdamer Lagerfeuerler Masin, Nash und Kraft übernehmen. Spannender hingegen der erste Teil, weil hier der Gemütlichkeit noch misstraut wird. FA
Maximum Joy
I Can't Stand It Here On Quiet Nights: Singles 1981-82
Silent Street • 2017 • ab 24.99€
»Silent Street/Silent Dub war 1981 mal eine B-Seite. Dabei sollte er nicht nur die A-Seite einer Platte, sondern die A-Seite eines ganzen Subgenres sein. Nicht wenige mischten damals auf der Insel Dub und Post-Punk und das war auch ziemlich oft geil, aber nie so sehr wie bei Maximum Joy. Sängerin Janine Rainforth klingt wie Brenda Ray in ihren Naffy Jahren, hat aber darüber hinaus noch ein Sensibilität für Folk-Traditionen in der Stimme. Dazu verschleppte Drums und BASS. Übergroßer Song, back on wax. PK
I/Y
IYXXX01
I/Y • 2017 • ab 11.99€
Techno klingt der Tage ja höchstens wie ein rüder Vornüberfallnieser und seltener wie ein beklemmender Erstickungsanfall mit verschleimten Hals, das hier aber ist zum Glück die Ausnahme: klaustrophobisch, luftleer und morbide, bedächtig und sauerstoffarm. So klingt als perfekter Techno zur Zewa-Season: leise und tödlich, das heißt als silent killer, nur anders als gedacht. Nicht auf die Fresse, sondern aus dem Rachen. Vielleicht haben I/Y hier den absoluten Virus unter den IDM-Derivaten zusammengebraut, autoimmune Attacken aufs zentrale Nervensystem. Kann mal jemand Dustin Hoffman anrufen? Ein Ausbruch steht an. KC
V.A.
Habibi Funk: An Eclectic Selection
Habibi Funk • 2017 • ab 30.99€
Musik ist dann am besten, wenn sie weh tut, Teil 2: Die unsinnigste Behauptung überhaupt ist die, dass Musik eine allgemein verständliche Sprache sei, die uns universell zugänglich und verständlich sei. Wir wissen nichts über Hamid El Shaeri und müssen das auch nicht zwangsläufig. Wir verstehen nicht, wovon er da singt und vielleicht ist das egal. Wir hören höchstens einen Versuch von Soul-Funk, der mit Billo-Synthies eingespielt wurde, Fisher Price-Level Sounddesign, Marvin Gaye-Gedächtnisswagger und das alles. Aber merkst du, ob der hier fröhlich, traurig oder schlicht melancholisch und also beides ist? Das nämlich ist doch der schönste Schmerz: Der, der sich auftut, wenn wir das Nichtverstehen umklammern und in uns selbst lauschen. Ein Song wie ein langer Abschied, unerklärlich und unbegreiflich. KC