Ausklang | 2017 – Die essentiellen Platten des Dezember

22.12.2017
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Palta
Universal
Melody As Truth • 2017 • ab 14.99€
Außen weich und innen auch, Palta liefert mit »Universel« den perfekten Soundtrack für den anstehenden Toastbrot state of Körper. Tagelang verkatert und vollgefressen mittags in der Horizontalen, wer seine Naps zwischen 24. und 27. nicht zu Michel macht, der sollte sie hierzu machen. PK
Palta
Universal
Melody As Truth • 2017 • ab 14.99€
Ein buddhistisches Mantra über Nyabinghi-Drums, Weihnachtsgeschenk für alle, die finden das deutsche Besinnlichkeit zu sehr nach Gartenzwerg und Angst klingt. Isle Of Jura hat Ozos ursprünglich 1976 veröffentlichte »Anambra« neu aufgelegt. Perfekter musikalischer Schlusspunkt für ein Jahr, in dem die Geschmackselite ihr Land scheisse fand, nicht wusste, wie man was verändern könnte, und sich deshalb in elitäre Grüppchen zusammenschloss und Stammesmusik hörte PK
Palta
Universal
Melody As Truth • 2017 • ab 14.99€
Nach der herausragenden Compilation »Spiritual Jazz 7« ist das der zweite essentielle Release auf Jazzman 2017. Winston ‘Mankunku’ Ngozi’ parte 1968 einige der besten Musiker aus Kapstadt um sich und verbeugte sich mit »Yakhal’ Inkomo«, der einzigen Aufnahme des Quartetts, vor dem ein Jahr zuvor verstorbenen Coltrane. In Südafrika seit jeher ein Klassiker, tausendfach verkauft, jetzt endlich auch in Europa mit minimalstem Aufwand zu erstehen.
Identified Patient & Sophie du Palais
Aborting Your Dreams
Pinkman Broken Dreams • 2017 • ab 9.99€
Genug mit schönen Klängen, jetzt wird abgetrieben und zwar deine Träume. Identified Patient zimmert mit Sophie du Palais einen Bunker gegen Sentimentalitäten: Industrial-Techno, verzerrte Vocals, hier hat jemand Phew gehört und eher nicht vor in warmer Runde eine Weihnachtsgans zu essen, sondern im Strobolicht ein Pferd zu betäuben. PK
Jóhann Jóhannsson
IBM 1401, A User's Manual Clear Vinyl Edition
4AD • 2017 • ab 28.99€
Irgendwann wurde ich mal Jóhann Jóhannsson vorgestellt, stammelte kurz was von »huge fan« und erzählte dann ungelogen anderen Menschen ungefragt, wessen Hand ich noch am selben Abend geschüttelt habe. Das war 2013 und Jóhannsson ist mittlerweile ein großes Tier, weshalb es mich schon fast wieder – streng für die Kunst natürlich – freut, dass er kurz vor knapp vom Bono der Filmmusik-Sinfonik, Hans Zimmer, ersetzt wurde, als es um den Soundtrack zu »Blade Runner« ging. Denn lieber wäre mir noch so eine Platte wie diese hier, die jetzt also endlich – ein verficktes Jahrzehnt später – auf Vinyl erscheint. Könnte ich in der Zeit reisen, ich hätte ihm damals neben dem feuchten Händedruck noch einen warmen Ratschlag auf den Weg gegeben, ganz so, als würde sich irgendjemand für meine beschissene Meinung interessieren. Die lautet zu diesem Album übrigens: eines der seltenen Meisterwerke dieses Jahrtausends. KC
Gloria Jay
Know What You Want
Melodies International • 1977 • ab 14.99€
Kurz vorm Putzlicht wird’s noch mal warm. Um die Lenden, ums Herz, um die DJ-Booth. Vollkommen überflüssig, dass du das klatschnasse, nach Tabak und Bier und Chemikalien stinkende Knäuel überhaupt noch in die Tasche stecken willst, aber be selector oder sei ein käsiger Normie wie die anderen, die ihre 45s in einem Rush Hour-Beutel herumtragen. Die Nummer hier, denkst du um 6:20 Uhr mit einer Mischung aus Stolz und Angst, würde mit dem Vinylknistern aus dem YouTube-Stream nur noch geiler klingen. Aber hey, vor allem hat die Plastic People-Posse dir die Idee schon vorweggenommen und diesen Repress überhaupt erst hingelegt. Bezahlt hast du mit der Kreditkarte deiner Eltern, die in Oberbayern einen erfolgreichen Eisenwarenhandel betreiben. KC
Hade
OYE Edits 06
OYE Edits • 2017 • ab 8.99€
Das einzige, was noch schlimmer ist als über Ambient zu schreiben, ist Freunden in einer Rezension gerecht zu werden. Mach’ ich deswegen auch quasi nie, aber jetzt muss halt mal. Die vier launigen Edits, die Hade hier auf seiner ersten Platte auf Oye kompiliert hat, kenne ich schon eine halbe Ewigkeit, ich habe mir zum »Durchsichtig«-Edit schon tappsig verklatscht Kölsch über das T-Shirt gegossen. Aus dem eigentlich recht unsäglichen Mingo wurde ein »Ingo« und aus Schlager eine aufgepumpte Tribal-Nummer und wer Hade einmal rumwienern hat hören, konnte auch ahnen, dass Georg Danzer sowieso hier auftauchen wurde. Dazu noch das sehr teutonische »Großstadtlichter« – ach, komm, als ob Edit-Platten sonst noch solchen Spaß machen würden. FA
V.A.
Magnetic South: A Collection Of Rare And Unreleased Masking Tapes Recordings 1984 -1986
Kashual Plastik • 2017 • ab 19.99€
Andy Rantzen – ein Todesurteil auf dem Schulhof in Chorweiler, in Australien in den Achtzigern hingegen nicht nur unproblematisch, sondern low key auch einder der besten, die’s gemacht haben. Kashual Plastik archiviert auf »Magnetic South« allerlei raren Kram an dem Rantzen beteiligt war, Wave und Dub bleibt die Klammer. Nicht gaaaaaaanz so unantastbar wie »Fishbones & Wishbones«, aber dennoch wieder erwähnsnwert: die Pelican Daughters, die hier auf »Lambent Light« klingen The Durutti Column in der Vierspurversion. FA
Gospel Of Mars
Gospel Of Mars
Amish • 2017 • ab 23.99€
Alpha und OMG, was ist das? An dieser Stelle sei mal die »Klingt als hätten der und der ein Kind bekommen«-Krücke erlaubt. Also: Klingt, als hätten sich die britischen Doom-Rock Raime in Kairo mit Sun-Ra besoffen und dann die Schlange tanzen lassen. Das Debütalbum (also erste physisch vertriebene Album) der Brooklyn-Boys Jef Brown, Bob Jones and Aaron Moore aka Gospel Of Mars ist eine späte Sensation dieses Musikjahres, rhythmisch, chaotisch, kompromisslos, eine einstürzende Pyramide mit Raktenantrieb auf dem Weg in den Kosmos.
PK