Review

Anthony Naples

orbs

ANS • 2023

Dass Dance-Music-Alben zu den schwersten Übungen von Producer:innen zählen, ist eine Binse. Kaum jemand wird aus dem Stand mehr als eine Handvoll Langspieler aufzählen können, die im Four-To-The-Floor-Beat durchbrettern und über die gesamte Länge Sinn ergeben, geschweige denn einen Spannungsbogen für sich reklamieren können. Das scheint auch Anthony Naples erkannt zu haben: Nach der zugegebenermaßen gelungenen Tech-House-LP »Fog FM« wandte er sich auf »Chameleon« 2021 experimentelleren Gitarrenklängen und langsameren, verspielten Beats zu. Was damals noch nicht so recht zündete, funktioniert auf »orbs«, das auf Naples’ eigenem Label ANS erscheint, nun richtig gut.

Sachte gezupfte Gitarren mit stetig schwellendem Synth-Unterbau geben auf »Gem« den Ton an, der Opener »Moto Verse« erinnert mit seinem unaufdringlichem Downtempo-Beat an Four Tets »Two Thousand and Seventeen«. Eine ähnliche Richtung schlägt »Ackee« ein, wobei Naples hier mit sanften Dub-Chords seine ganz eigene Version von Tech-House durchschimmern lässt – fehlt nur noch die Hi-Hat. Unerwartet emotional überwältigt das Herzstück des Albums, »Silas«, das mit tollem Gitarren-Intro à la TV On The Radios »Staring at the Sun« Spannung aufbaut, diese in den langsamsten Downbeat der Platte überführt und sie in der letzten Minute in mystischer Stimmung auflöst. Allein in diesem Track stecken mehr Facetten als in einem herkömmlichen Technoalbum – Anthony Naples hat verstanden, wie man ohne Worte tiefschürfende musikalische Aussagen trifft.