Wer einmal über einen Ostseestrand geschlendert ist, wird Möwen nicht zwingend mit Anmut oder gar Zuständen vollkommener Sorglosigkeit assoziieren. Diese Vögel sind laut, hektisch und werden aggressiv, sobald sich auch nur ansatzweise die Chance auf Essbares bietet. Ciro Vitiello schickt sich mit notes from the air an, den Ruf der lärmenden Gierschlunde nachhaltig zu verbessern, und zieht dafür konsequent die musikalischen Register des Schönen. Punk und Rock legten mit dem Zugewinn der Vorsilbe »Post« einst viel von ihrer Schmuddeligkeit ab und entwickelten einen opaken Glanz. Die Treiber jener Entwicklung – seifige Gitarren, zarter Gesang, dramatische Verlangsamung – setzt der Italiener hier wirkungsvoll ein.
Eines der zentralen Stücke, »The Lighthouse Ghost«, beginnt mit Dream-Pop-Gitarrenakkorden von Featuregast Heith, wie sie zuletzt skandinavische Acts wie ML Buch oder Astrid Sonne wieder popularisierten. Die Stimme der Featuregästin Martyna Basta schwebt im Hintergrund über die Meereswogen, ehe nach bedeutungsschwangerem Geigenspiel das Schlagzeug einsetzt – und mit ihm eine Form von Schwerelosigkeit. Im Verlauf des Albums kommt eine Vielzahl von Instrumenten zum Einsatz, allesamt mit dem Ziel, Atmosphären statt klarer Strukturen zu erzeugen. Die Vorabveröffentlichung »+days«, erneut mit Heith, orientiert sich dabei noch am ehesten an einem konventionellen Song-Schema. Ansonsten richtet sich der Blick konsequent in die Ferne – mit allen Mitteln, die Musik in Sehnsucht verwandeln können. In »Slices Of Wind« kommt sogar ein Akkordeon zum Einsatz.

Notes From The Air