Mohammad Reza Mortazavi erweitert die Tradition, ohne sie zu verlassen. Nexus – die erste LP seit Ritme Jaavdanegi (2019), auf dem französischen Label Latency erschienen – ist sein radikalster Schritt. Stimme, Effekte, Elektronik werden hier erstmals von ihm eingesetzt. Sie erweitern das rhythmische Vokabular des ohnehin schon virtuosen iranischen Percussionisten – keine Dekoration, sondern organische Fortsetzung der persischen Trommeltradition mit anderen Mitteln.
Ein Stück wie »Particle« ist eine sich kaum verschiebende Schlagfigur im Loop, die dich in unter 3 Minuten in Trance versetzt. Das nachfolgende »Kimiya« reduziert das Material fast vollständig – der ins Unendliche gedehnte Atem der Alchemie, verhallte Impulse, die Weisheit vor der Systematisierung. »Hidden Current« bittet Höhlenmenschen und Astronauten zum gemeinsamen Tanz, legt archaische Trommelfiguren unter flirrende, fast synthetisch entkörperlichte Klangschleifen.
Nichts ist hier eindimensional. Alles ist in Bewegung. Der in Berlin lebende Mortazavi bewahrt in seiner Musik keine Traditionen. Sie werden gelebt. »Leben« ist nicht umsonst das Zentrum von »Frau, Leben, Freiheit«. Im Eröffnungsstück »Zendegi« übersetzt Mortazavi die Silben des Protests in Rhythmus, nimmt sie auseinander, verschiebt Akzente, baut daraus eine neue Struktur. Eine Geste an die Heimat, eine Geste in die Zukunft. Nexus zeigt: Erweiterung ist Treue. Tradition lebt, indem sie sich verwandelt.

Nexus