Review

Conrad Schnitzler

Blau

Bureau B • 1974

Das Blau gilt es unter allen Umständen zu verteidigen. Für sein zweites »Farben«-Soloalbum wählte der Berliner Elektronikschrauber Conrad Schnitzler 1974 diese Farbe und veröffentlichte die Geschichte mit zwei seitenlangen Stücken, wie zuvor schon »Rot«, im Alleingang und weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Bis ins aktuelle Jahrtausend blieb das dann so, ein erstes Reissue kam 2001 heraus. Prognose: Mit Label wäre das nicht passiert. Denn was Schnitzler sowohl in »Die Rebellen haben sich in den Bergen versteckt« als auch in »Jupiter« an kosmisch pulsenden Repetitionsorgien bietet, ist nicht verschrobener als die Musik, die er mit den Kollegen Moebius und Roedelius als Kluster hervorbrachte – oder das, was seine früheren Bandkollegen auf ihren ersten Alben als Cluster erkundeten. Irrlichternde gläsern klirrende Klänge, überhaupt viel perkussiv Klopfendes, Patterns, die mutieren, lange bevor solche Bezeichnungen in den Neunzigern beliebt wurden.

Als der große Übersehene von einst kann Conrad Schnitzler heute nicht mehr gelten, dafür hat er schon seit Jahr und Tag zu viele Fans etwa in Japan, die sich um den Erhalt seines Werks kümmerten. Und Schnitzler ist erkennbar anders als Cluster es waren, nicht so ambientesk schwebend wie sie zu Beginn, und erst wesentlich später auch mit erkennbarem Interesse an Synthesizerpop – kauzigem, wohlgemerkt. Da bildet er mit Moebius und Roedelius ein Kontinuum. Hier auf »Blau« in besonders wunderlich flirrender Ausprägung zu erleben.