Review

Duval Timothy

Sen Am

Carrying Colour • 2021

»I hope you find a new family«, sagt jemand in »afrikanischem« Englisch nach einigen Klavieranschlägen. Der Angesprochene ist Duval Anthony, via Whatsapp, der Sprecher wahrscheinlich ein Freund aus Freetown, er nennt sich selbst Mr. Emerson. »I hope you miss us too, again«. Noch ein anderer Bekannter sitzt neben Mr. Emerson und ergänzt: »I just wanna know how you’re doin’ man«. Kein weltbewegender Stuff. Aber die Vortragsweise der Freunde in ihrer Mischung aus Herzlichkeit, Beiläufigkeit, Melancholie, Lächeln, alles gesprochen über das unsicher forschende Klavier – das hatte 2017 beim Erscheinen von »Sen Am« wahnsinnig viel Kraft und hat diese Kraft bis heute nicht eingebüßt. Weil es Duval Timothy gelingt mit so einfachen Mitteln die Intimität des Getrennt-Seins fühlbar zu machen: Zehntausende Kilometer, Meere, Kulturen verdeutlichen als Kulisse im Subtext die emotionale Bedeutung des Stückes, während die Szene als Solches total klein bleibt. Ein Zimmer, ein Typ mit einem beleuchteten Screen in der Hand. Timothy holt die Hörer*innen mit diesem Intro einerseits ganze nahe ran, um ihnen dann das Weite zu zeigen. Danach ist man voll da, will mehr wissen über Mr. Gassemore, oder wie der andere heißt, am anderen Ende der Linie. Was folgt ist per se eigentlich nicht mehr als Klaviermusik für Menschen, die sonst viel Rap hören. Kein weltbewegender Stuff. Aber das Intro WAR halt, und trägt als Gesamterzählung weit, bis mit »Wahala« ein weiteres Highlight rein segelt, gerade noch früh genug. In den besten Momenten kann man »Sen Am« mit Dollar Brand vergleichen. Mit Beanie und Sweater.

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Sen Am
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