Ennio Morricone

OST Veruschka

Dagored Records • 2014

Kojotengeheul, Peitschenknallen, Pfiffe, Eulenrufe – Ennio Morricones Namen bringt der Laie vor allem mit dem Italowestern in Verbindung. Unvergessen bleibt die wehklagende Mundharmonika aus »Spiel mir das Leben vom Tod«. Ähnlich eindringlich klingt auch der Spuk, den er 1971 für die dokumentarische Verfilmung der Lebensgeschichte von Vera Gräfin von Lehndorff komponierte. Als Tochter eines von der SS hingerichteten Widerstandskämpfers wuchs diese in Arbeitslagern und Kinderheimen auf. Um den Geistern ihrer Vergangenheit zu entkommen, ging sie nach Italien, wo sich ihr Blatt wendete: Man entdeckte sie als Fotomodell. Bald darauf erfand sich die ehemals als Verräterkind gebrandmarkte Gräfin als Kunstfigur Veruschka neu. Ob als Model, Schauspielerin oder Performancekünstlerin – durch ihr faszinierendes Spiel mit der äußerlichen Hülle wurde sie zu der Projektionsfläche der 60er Jahre. Doch das Verdrängte kam wieder, auch der schöne Schein der Modeindustrie hinterließ seine Spuren: Depressionen und Selbstmordversuche waren die Folgen. Morricone vertont diese komplexe Biografie mit einem vielschichtigen Soundtrack zu »Veruschka, Poesia di una Donna«. Die Schattenseiten erklingen auch in dem sphärisch-düsteren Veruschka-Motiv. Das Geisterhafte der in den Höhen so klaren Frauenstimme bleibt selbst währen der groovenden Variationen der überraschend elektronisch anmutenden Titelsongs durchweg erhalten. Das Puppenhafte eines Mannequins wird mit einer punktierten, kindlich interpretierten La-la-la-Melodie auf »La Bambola« eingefangen, die dem Hörer ohne die visuelle Entsprechung auf die Dauer gehörig auf den Geist gehen mag. In solchen Momenten sorgen die drei spannenden Instrumentals »Abstrato I«, »II« und »III« für etwas Erholung. Auf »Dopo L’Intervista« wiederum trippelt und trommelt es so gehetzt, dass die sensationsgeile Pressemeute vor dem inneren Auge des Hörers auflebt. Würde man ein fiktives Biopic über ein junges Supermodel wie Cara Delevigne mit dieser Musik unterlegen, Ennio Morricones Werk wäre fast schon als kritische Reflektion des Personenkultes zu interpretieren.

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