Das dürfte sie sein, die untypischste Ostgut-Ton-Veröffentlichung seit dem Neustart des Berghain-Labels. Einen alten Bekannten erkennt man auf der A-Seite und auf dem Titelstück aber wieder: Diese aus dem Nichts zuschnappenden Synths auf »Love Letter« muten an wie Ben Klocks »Subzero« entlehnt und für eine Bigroom-Techno-Pop-Hymne umfunktioniert. Überhaupt orientiert sich diese Veröffentlichung an elektronischer Clubmusik von Anfang und aus der Mitte der Zehnerjahre: Acts wie Tale of Us oder Mind Against kommen in den Sinn, der feierliche Ernst von Labels wie Afterlife, das erstere gründeten, ebenso. Dazu Indie-Eletronica von Gruppen wie Bob Moses, die inzwischen wie vom Erdboden verschluckt scheinen und im Fahrwasser von WhoMadeWho einen schweren Stand hatten – von The Knife ganz zu schweigen.
Auf der Flip wartet mit »Whisper« ein Track ohne gesäuselte, unterkühlte, körperlose Vocals, allenfalls ein geisterhaftes Zischen flirrt während eines Countdowns und angedeuteten Pads hindurch. Wo Alisa Chernysheva aka Inox Traxx, die zuletzt auf Ignez’ Somov Records oder mit Rødhåd veröffentlichte, damit genau hinwill, muss man sich gar nicht fragen. Mit der Love Letter EP zementiert sie, was sich in ihrem Schaffen bereits andeutete: Techno darf bei ihr Melodien haben und sich einer Eingängigkeit, vielleicht sogar Simplizität bedienen, die das elitäre Komplexitätsgelübde des Genres verspottet und den großformatigen Tech-House von vor über einer Dekade liebevoll in die Arme schließt.

Love Letter