Könnt ihr uns hören? ist eine eigenwillige und launige Nacherzählung der Deutschrap-Genese, die auch bei Eingeweihten Lücken schloss – und die tatsächlich als »Chronik einer Kultur« herhalten kann. Trotz seines Untertitels leistet Wehns neues Buch genau dies nicht. »Es ist keine vollständige, objektive oder lexikalische Abhandlung über Deutschrap«, schreibt Wehn im Vorwort. Stattdessen ist es das, was hinten auf dem Backcover prangt: »Die ultimative Liebeserklärung«.
»Ich möchte zeigen, was zwischen den Zeilen liegt«, erklärt Wehn seinen Ansatz. »Die Tracks, die es nie in die Playlists geschafft haben. Die B-Seiten. Die Hidden Gems. Die vermeintlich besten Songs oder Alben sind oft genug bestimmt und besprochen worden. Aber was ist mit all dem dazwischen?« Er beantwortet die Frage anhand von eigenen Lieblingstracks, die er in 15 Kategorien einsortiert und ebenso schwärmerisch wie anekdotenreich für gut befindet. Denn darum soll es ja gehen: um begeisterte, subjektive Blicke auf »Intros und Opener«, »Features, die es eigentlich gar nicht geben dürfte«, »Diamanten aus dem analogen und digitalen Untergrund« oder »die hohe Kunst des späten Meisterwerks«.
Das Gute an dieser thematischen Ausrichtung ist seine Streitbarkeit. Man kann Wehn zustimmen – oder auch nicht. Genau darin liegt aber auch eine Gefahr: nämlich, dass man keinen Bock darauf hat, Sachen über Hunderte Seiten hinweg als großartig erklärt zu bekommen, die man selbst eher mäßig oder auch richtig mies findet, während die eigenen Favoriten ignoriert werden. So nämlich ging es mir, dem Autor dieser Zeilen: Ich kann mich ganz und gar nicht in dem Buch wiederfinden, trotz jahrzehntelanger Hip-Hop-Sozialisation. Bin ich etwa zu alt für den Scheiß? Ich denke nicht. Doch scheinbar bin ich zu alt für diesen Scheiß.
Dazu kommt, dass Wehn auch dort keine Kritik übt, wo sie naheliegen würde. Zwar schreibt er gleich zu Beginn: »Wer sich länger mit Deutschrap beschäftigt, dem fällt schnell auf: Vieles ist problematisch. Noch immer gibt es zu wenig Platz für FLINTA* und andere marginalisierte Stimmen, während Sexismus, Machotum, Ausgrenzung, Queerfeindlichkeit, Rassismus und verschwörungsideologische Narrative weiter präsent sind – und all dies ist nicht nur rückständig, sondern gefährlich. Trotzdem will dieses Buch keine kritische Generalabrechnung sein.« Genau an dieser Stelle hätte das Buch allerdings zeigen müssen, wie sich Begeisterung und Kritik zusammendenken lassen.

Deutschrap. Songs Und Storys - Chronik Einer Kultur