Es finden sich keine voll auskomponierten Songs auf Che Mi Guardi Attraverso Una Fiamma. Vielmehr entwirft die in Neapel geborene Musikerin Lucia Sole solo als La Festa Delle Rane – ihr erster physischer Tonträger nach Il Lago E‘ Il Cielo Del Bosco E Tutte Le Rane Cantano In Coro (2022, Holiday Records) – mit sanften Schlägen auf dem Glockenspiel, Plastiksounds aus dem Casio, wabernden Melodica-Melodien, kindlicher Stimme kurze, schimmernde Zustände. Kleine Innenräume im Flackern des Kerzenlichts. Das Resultat erinnert an Maher Shalal Hash Baz, Tenniscoats oder Eddie Marcon – eine bewusst gesetzte Ästhetik der unfertigen Miniaturen, in der Melancholie und kindliche Wunder gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.
Auf »Ti guardavo attraverso und specchio« (deutsch: Ich beobachte dich durch einen Spiegel), dem zentralen Stück, werden zunächst ein, zwei, drei leiernde Orgelflächen mit Spucke und Klebestreifen montiert, bevor die hoch angesetzte Stimme den Stil eines Kindergartenliedes nachahmt. Jeder Akkordwechsel ist durch eine Millisekunde Pause markiert. Ein Einatmen. Ein hörbarer Körper. Ein Mensch, verletzlich und unvollkommen.
Es ist kein Zufall, dass für dieses Release die Kassette gewählt wurde. Sie ist hier kein nostalgischer Gag, sondern das konsequente Medium für eine Ästhetik des bewusst Unfertigen: Rauschen, Leiern und Klackern des Mediums verstärken die Fragilität der Skizzen. Keine Filter, keine Optimierung. Die Brüche werden nicht versteckt, sondern gezeigt. Naivität als Stilmittel, Unperfektheit als Programm. Anti-Zeitgeist auf 33 Minuten.

Che Mi Guardi Attraverso Una Fiamma