Vergessen wir kurz Ibiza, vergessen wir die kalkulierte Sonnenabstraktion, mit der Muriel Grossmann sonst den Balearenjetset aus der Fassung schraubt. Hier brennt das nackte Jetzt im Nacken. Und zwar mit einem Gruß aus der Vergangenheit: Tallinn, Spätherbst 2025, draußen klirrt das Nichts, drinnen ein vollkommen freies Studiogefecht mit dem estnischen Großjazzer Tõnu Naissoo.
Wo jüngere Alben von Muriel wie Light of Mind oder Breakthrough noch kontemplativ klotzten, läuft das hier so: Grossmann peitscht ihr Saxofon und die Flöte durch schimmernde Modalwellen, während Naissoo an der heiligen Dreifaltigkeit aus Orgel, Rhodes und Moog kosmische Breitwandhypnosen ausrollt. Natürlich gibt es da keine Ausreden, keinen doppelten Boden, nicht mal ein Sicherheitsnetz rollt die Packungsbeilage von NooPop Records aus. Nur diesen sauguten Echtzeitexzess, der sich niederkniet vor Coltrane, Shorter und wie sie alle geheißen haben.

Muriel Grossmann / Tõnu Naissoo
