Music Interview | verfasst 05.06.2018
Leon Vynehall
Für Oma, Forever Ago
Leon Vynehall geht mit »Nothing Is Still« auf ganz persönliche Spurensuche in seiner Familiengeschichte. Auf dem Debütalbum für Ninja Tune erzählt er, wie seine Großeltern in den 60er-Jahren von Großbritannien nach New York einwanderten.
Text Raoul Kranz , Fotos Phil Sharp / © Ninja Tune
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Es ist ein Riesenprojekt. Vier Jahre hat Leon Vynehall in sein Debütalbum gesteckt. Halt, warte Debütalbum? Was ist mit »Music For The Uninvited«, mit »Rojus«? »Ich habe die beiden nie wie richtige Alben gesehen. Sie waren eher Mini-EPs für mich. Die Konzepte und Geschichten dahinter und ihr Stil verlieh ihnen nicht genug Gewicht. Sie sind immer noch wichtige Teile meines Schaffens, aber »Nothing Is Still« fühlt sich wie die erste Arbeit an, bei der ich mich wohlfühle, dazu Album zu sagen«, antwortet Leon Vynehall im Interview.

Und es ist noch mehr als das, mehr als ein Langspieler voller Musik: »Nothing Is Still« ist Novelle, Liveshow, Kurzfilm. In zehn Tracks oder Kapiteln geht es aufs Schiff über den Atlantik ins schimmernde Amerika, ein poetisches Abenteuer rund um Familie, Freiheit, Verlust und Heimat.

Sein Händchen für selige Melodien brachte ihm schnell und zurecht den Ruf eines Ausnahmeproduzenten ein. Die hört man auch auf der Vorab-Single »Envelopes« wie auf der ganzen Platte deutlich heraus, sonst zeigt sich Vynehall vielseitig wie nie, setzt auf gebrochene Rhythmen, leise Zwischentöne und dichte Atmosphären statt 4/4-Dancefloor-Beats. »Nothing Is Still« ist ein cineastischer Trip durch die USA der 60er-Jahre und hält die Spannung mühelos von Anfang bis Ende.

hhv.demag: »Nothing Is Still« ist mit der Musik, Novelle, Kurzfilm und Liveshow ein Riesenprojekt, wie kommt es überhaupt dazu?
Leon Vynehall: Als mein Großvater 2014 starb, besuchte ich mit meiner Familie meine Oma. Sie erzählte mir Geschichten über ihre Zeit in New York während der 60er-Jahre. Ich wusste bis dahin nicht viel darüber. Dann holte sie diese Box mit Polaroids und Bildern raus. Ich schaute mir alles an und fragte: »Wer ist das denn und wo seid ihr hier?«. »Wenn ich über Dericks Schulter blicke, sehe ich Familien und Menschen und Orte. Wenn er über meine schaut, sieht er bloß eine Landschaft.« ( Auszug aus dem Buch zum Album) Sie erzählte mir alles und die Erzählungen waren so schön und gehaltvoll, dass ich irgendwie das Bedürfnis spürte, alles für sie zu dokumentieren. Meine Oma ist eine total liebe Person, sie mag es nicht rumzuprahlen und ich wollte nicht, dass die Geschichte im Lauf der Zeit verloren geht. Also setzten wir uns hin und machten was nicht so anderes als dieses Interview. Ich nahm unsere Gespräche auf und teilte ihre Anekdoten in Stücke auf. Und als wir über alle diese Bilder sprachen, ausgebreitet vor uns auf dem Tisch, machte ich einen kleinen Rahmen mit meinen Fingern, schaute durch und dachte: Das wäre ein cooles LP-Cover, es sah einfach super aus. Da kam mir der Gedanke: Wie wär’s, wenn ich die Geschichte aufschreibe und Musik für jedes Kapitel mache. Und dann ging’s lawinenartig weiter.

Du erzählst die Geschichte deiner Großeltern Stephanie und Derick, die Anfang der 60er-Jahre von Großbritannien nach New York immigrierten und Höhen und Tiefen erlebten?
Leon Vynehall: Sie hatten gute und schlechte Zeiten, wie jeder, der an einen fremden Ort einwandert. Die Geschichte weicht ein bisschen von den tatsächlichen Ereignissen ab, sie basiert auf allem, was dort passiert ist, aber dreht sich mehr um Verlust, Isolation und das Bedürfnis, sich irgendwo heimisch zu fühlen.

Die Frage nach Heimat ist zentral im Buch. Deine Großeltern lebten eine Weile in den USA und zogen dann zurück?
Leon Vynehall: Genau. Mein Großvater hatte nicht wirklich viel Familie außer die meiner Oma im UK. Seine Mutter verstieß ihn, als er heiratete, und er hatte sowieso kein gutes Verhältnis zu seinem Vater. Nach Amerika zu gehen war für ihn also diese Gelegenheit, einen Schlussstrich zu ziehen, ein anderes Leben mit seiner eigenen Familie an einem neuen Ort aufzubauen. Aber als sie das Abenteuer gewagt haben, machte sich meine Oma, die Familie liebt, arge Sorgen, dass sie alles von der anderen Seite des Atlantiks verpasst. Das zog sie zurück ins UK, brachte sie dazu, sich nach der Behaglichkeit ihrer Heimat zu sehnen. Es gibt diese Zeile in der Novelle: »Wenn ich über Dericks Schulter blicke, sehe ich Familien und Menschen und Orte. Wenn er über meine schaut, sieht er bloß eine Landschaft.« Das bringt es auf den Punkt, ihre Beziehung zur Reise, die unterschiedlichen Perspektiven auf ihre Pläne.

Du meintest, du willst nicht, dass ihre Geschichte verloren geht, was ist dir daran so wichtig? Der Mut, ihren Träumen nachzugehen, das Abenteuer, ein neues Leben ganz woanders aufzubauen?
Leon Vynehall: Das Ganze hat ja auch geprägt, wie ich aufgewachsen bin, und meine Werte mitbestimmt. Ihre Erfahrungen und Lehren von dort wurden an meine Mutter weitergegeben und dann an mich. Obwohl es so persönlich ist, wollte ich diese Geschichte auch teilen, weil die Moralvorstellungen, Werte, Situationen oder Gefühle im Buch in gewisser Weise mit jedem Menschen zu tun haben. Es geht um Heimat, Familie und das Gefühl, dass du irgendwo hingehörst, jeder kann sich auf eine Weise in die Geschichte projizieren und sie zu seiner eigenen machen. Irgendwie schön, dass man so Teil des Kunstwerks selber wird.

Nostalgie spielt in deinem Schaffen ohnehin eine große Rolle?
Leon Vynehall: Meine wahrscheinlich wichtigsten Releases »Nothing Is Still« und »Music For the Uninvited« schauen auf meine Familie und wie sie mich als Person geprägt hat. In gewisser Weise habe ich das nur gemacht, um mehr über mich selbst herauszufinden.

Mag deine Oma eigentlich das Ergebnis?
Leon Vynehall: Yeah, sie ist ziemlich baff, dass ich es überhaupt versucht habe. Sie hat mir gerade vor einer Woche eine SMS geschrieben, um mir zu sagen, dass die ganze Novelle gelesen hat, sie wunderschön findet und in ihrem Kopf sofort nach New York zurückkatapultiert wurde. Mission accomplished, mein Job ist gemacht und alles, was jetzt noch passiert, ist ein Bonus für mich.

Jedes Kapitel ist ja gleichzeitig einer der zehn Tracks. Was kam zuerst, Text oder Musik?
Leon Vynehall: Das Schreiben kam zuerst, weil ich die Novelle wie eine Anleitung für die Musik benutzte. Als wir den Großteil der Geschichte fertig hatten, ging ich jedes Kapitel durch und markiere Adjektive, Wörter oder Phrasen, die ich wie Werkzeuge benutzte, um die Musik zu schreiben. Die Emotionen und das Tempo der Kapitel verrieten mir, welche Stimmung und welchen Stil die Songs haben müssen. Andersherum hätte das nicht geklappt, dann hätte ja die Musik bestimmen müssen, was in der Geschichte passiert.

Also hast du manche Elemente aus dem Buch quasi wörtlich in Musik übersetzt?
Leon Vynehall: Alles in der Musik ist entweder im übertragenen Sinne oder direkt mit der Dichtung verwoben, jedes Geräusch und jedes Stück hat seine Berechtigung dort zu existieren, weil’s so im Buch vorkommt. Ich bin alles durchgegangen und habe mich gefragt: Wenn sich das so liest, wie genau würde das klingen?

Wie oft hast du deine Novelle denn gelesen? Tausendmal?
Leon Vynehall: Zu oft [lacht].

Du hast sie zusammen mit Max Sztyber geschrieben?
Leon Vynehall: Er ist ein sehr guter Freund, ich kenne ihn seit zehn Jahren. Wir waren zusammen in vielen Bands und er ist immer der Lyriker gewesen. Er hat einen sehr lebendigen, poetischen und rhythmischen Schreibstil, der einfach perfekt passt.

Warum eine Mischung aus Fiktion und Realität?
Leon Vynehall: Wir mussten die Geschichte irgendwie ändern. Ziemlich komisch, weil die Hauptperson, meine Oma Stephanie, im Buch eine Fehlgeburt erleidet und das wäre meine Mutter gewesen. Also habe ich mich in der Geschichte selbst aus meiner Existenz herausgeschrieben. Aber du brauchst diese Katalysatoren und Motive zur Entwicklung. Irgendwie morbid.

Gut, dass das fiktiv ist und wir hier gerade quatschen können. Der Titel »Nothing Is Still« könnte aber auch ein Kommentar auf die heutigen Zeiten sein? Alles ist in Bewegung, hektisch, verändert sich?
Leon Vynehall: Klar, das war zwar nicht mein Gedanke, aber du kannst definitiv Parallelen zwischen dem, was in dieser Ära im Buch passiert, und dem, was wir gerade alle erleben, ziehen.

Das gesamte Projekt in seinem ganzen Umfang muss eine ziemlich ungewohnte Herangehensweise von dir gefordert haben?
Leon Vynehall: Ja, manchmal war es verzwickt, aber bloß in dem Sinne, dass ich andere Disziplinen beim Musizieren brauchte. Bei den früheren Platten habe ich metaphorische Abstraktion eines Konzepts oder bloß Samples von einer begrenzten Anzahl von Platten benutzt. Jetzt war das anders, weil alle Informationen, die ich brauchte, in der Novelle waren. Also ging es eher darum, diese mit Musik zu formen, als sich frei aus dem Nichts ein Stück auszudenken. Ich musste also andere kreative Muskeln benutzen.

Und du hast mit Gast-Musikern und einem Streicherensemble zusammengearbeitet?
Leon Vynehall: Das war wunderbar. Zu sehen und zu hören, wie ein zehnköpfiges Streicherensemble deine Musik vor dir spielt, ist ein ziemlich überwältigendes Gefühl. Und Amy Langley, die die Streicher arrangierte, war phänomenal. Auch mit Sam Beste, der zusätzliche Piano-Teile einspielte, zusammenzuarbeiten, war super, er ist so ein bewundernswerter, fingerfertiger Klavierspieler. »Sobald du aufhörst, dazuzulernen, bist du tot.« (Leon Vynehall) Ich habe seine Teile geschrieben, aber sie klangen nicht so toll, und als ich ihm sagte, was ich mir so vorstelle, brachte er sie erst zum Leben. Dasselbe mit Finn Peters, der Saxophon und Flöte spielte, beide sind extrem talentierte und super ausgebildete Musiker. Zuzuschauen, wie sie deine Arbeit interpretieren und dir helfen, sie zu realisieren, hat mir wirklich die Augen geöffnet. Zum Beispiel auf »Drinking It In Again«, da taucht im zweiten Teil dieses schwebende Saxophon auf, und im Kapitel reden meine Großeltern darüber, wie ihr Atem in einer kalten Winternacht in der Luft hängt, also wollte ich, dass Finn mit besonders viel Atem ins Saxophon haucht, fast wie zu flüstern. Ich brachte ihn dazu, gegen sich selbst zu spielen, es war beinahe, als ob er mit dem Saxophon zu seiner eigenen Musik tanzt, genau wie in dem Kapitel Stephanie und Derick auf einer Hausparty am Tanzen sind.

Witzig, dass das Album wie deine Großeltern vom UK zum Mastering nach New York reiste und dann wieder zurück, oder?
Leon Vynehall: Das stimmt und ist ziemlich fein, wir haben sie auf ihre eigene Reise geschickt, nicht unbedingt, wo sie hingehört, aber eben wo die ganze Geschichte spielt. Wir haben die Platte mit Greg Calbi von Sterling Sound gemastered. Er ist ein unglaublicher Tontechniker, er hat wahrscheinlich deine ganze Lieblingsplatten von damals abgemischt, ein echter Meister.

Mit »Ice Cream« gibt es nur einen Track mit einem straighten Beat auf der LP. Machst du dir Sorgen darum, Erwartungen zu brechen?
Leon Vynehall: Nein, da freu ich mich drauf. Yeah, warum nicht? Ich habe einen breitgefächerten Musikgeschmack und wollte schon immer genau so eine Platte schreiben und nun hatte ich die Gelegenheit dazu. Ich habe es wirklich genossen, diese Platte zu machen, egal, wie schwierig es manchmal war und ich dachte, ich würde das alles nicht schaffen. Es war echt ein Vergnügen, hat mir viel beigebracht und ich will alle Facetten zeigen, die ich über Musik weiß und an ihr liebe.

Leon Vynehall – Nothing Is Still Webshop ► Vinyl LP + Deluxe Edition Klar, du produzierst ja sowieso ziemlich vielseitiges Material. Gibt es irgendein anderes Projekt, was dich noch interessiert?
Leon Vynehall: Was ich wirklich gerne als nächstes machen würde, ist für Film und Fernsehen zu schreiben. Ich bin neugierig darauf, Musik für etwas zu schreiben, das außerhalb meiner kreativen Kontrolle liegt. »Nothing Is Still« ist mein erster Ausflug dahin und ich würde gern den nächsten Schritt gehen, etwas für jemand anderen zu machen.

Also findest du es spannender, an einem ernsthaften Konzept zu arbeiten als verspielte Tanzmusik zu produzieren?
Leon Vynehall: Ich liebe, mache und werde das immer machen, aber ich bin ein neugieriger Künstler und will stets unterschiedliche Dinge erkunden. Mein Lebensmotto lautet: Sobald du aufhörst, dazuzulernen, bist du tot. Also ich will am Leben bleiben…

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