ChewChew sitzt mir mit einem Kaffee gegenüber. Wenige Stunden vor ihrem Gig in der Renate, einem der bekanntesten Techno-Clubs der Stadt. Lächelnd, mit farbenfroher Kleidung wirkt sie fast wie ein Gegenentwurf zu dem, was man klischeehaft mit Berliner Clubnächten verbindet.
Auch ihr Name führt Leute gern erstmal aufs Glatteis. »ChewChew kommt doch vom Ballern, vom Kauen oder?«, wurde sie mal gefragt. Was nach eskalierter Afterhour klingt, hat seinen Ursprung aber eigentlich in einer Eissorte mit Karamellgeschmack. Statt Exzess geht’s bei ihr um die sanftere Art von Ekstase: Gemeinschaft und Räume, in denen Musik zum Anlass wird, sich zu begegnen und miteinander in Verbindung zu treten, getragen von warmen genreübergreifenden House-, Disco- oder auch mal Acid-Sounds, die mehr umarmen als überrollen.
Angefangen hat ChewChew vor zehn Jahren, ausschließlich mit Vinyl. Aus Zwei-Euro-Kisten, mit einem 50-Euro-Mixer und mit einer Haltung, die bis heute geblieben ist: »Mit Platten aufzulegen, ist wie ein Instrument zu lernen. Es braucht jahrelange Übung und Zeit.« Ihre Sets sind weniger spontane Aneinanderreihungen, sondern sorgfältig gebaute Dramaturgien.
»Ich habe mit 16 gelernt, dass ein DJ ein Underdog ist, jemand, der nicht im Mittelpunkt stehen will, sondern besondere Platten entdeckt und sie mit dem Publikum teilt. Genau so möchte ich auch als DJ sein.«
ChewChew
Mit dem Einstieg ins digitale Auflegen und der Arbeit mit Rekordbox hat sie gelernt, Musik analytischer zu hören: Breaks zu erkennen, Spannungsbögen zu lesen, Energie gezielt aufzubauen oder herauszunehmen. Dieses Wissen überträgt sie auf Vinyl, notiert BPMs auf den Covern, sortiert Platten nach Stimmungen, kennt Übergänge oft auswendig. Ihre rund 1500 Platten sind deshalb nicht nur Sammlung, sondern ein fein sortiertes Archiv von Erinnerungen und Möglichkeiten.
Dieses tiefe Verhältnis zur Musik übersetzt sich direkt auf den Dancefloor. Ihre eigene musikalische Sozialisation begann in Hamburg mit Deep House, inspiriert von Smallville Label, Pudel Club, Julius Steinhoff, Mike Huckaby, Fred P. oder Gerd Janson. In Berlin hat sich ihr Spektrum erweitert: Downtempo, Synth-Pop, später African Boogie, Calypso, Soul und heute vor allem Disco, Funk und House. Dass sie selbst überhaupt DJ geworden ist, stand übrigens gar nicht an erster Stelle auf ihrem Lebensplan: »Es war nie meine Intention, DJ zu werden. Das hat sich einfach durch organische Beziehungen dahin entwickelt und genau deshalb macht es mir so viel Spaß. Nichts daran war erzwungen, sondern ist ganz natürlich gewachsen.«



Geprägt haben sie dabei vor allem DJs, die selbst stark kuratorisch arbeiten: Motor City Drum Ensemble, Theo Parrish und besonders Hunee. Eines seiner Sets habe »ihr Leben verändert«, sagt sie und lacht dabei über ihre eigene Dramatik. Aber genau danach habe sie angefangen, sich intensiver mit der Geschichte von House und Disco auseinanderzusetzen.
Diese Neugier und Tiefe möchte sie auch in ihren eigenen Sets weitergeben: die Menschen sollen nicht nur tanzen, sondern Erinnerungen mitnehmen, die weit über den Abend hinausgehen. Gleichzeitig bewegt sie sich dabei ganz selbstverständlich zwischen obskuren Fundstücken und ikonischen Dancefloor-Momenten wie »You’re So Romantic« von Sheryl Lee Ralph oder »Javaroo« von Javaroo. Tracks, die sie liebevoll ihre »Emergency-Tracks« nennt, weil sie den Floor jederzeit wieder zum Kochen bringen.
»Nach zehn Jahren Auflegen würde ich sagen: Ich habe meinen Stil gefunden.«
Chew Chew
Und dieser Stil ist vor allem eines: soulful, organisch und getragen von echten Instrumenten. Und das vermisst sie in moderner Clubmusik oft. Dabei geht es ihr nie nur um den perfekten Track zur richtigen Zeit. Es geht um das Gefühl, das entsteht, wenn Menschen sich auf Musik einlassen. Eben so, wie sie es früher selbst erleben durfte. Ganz ohne Ablenkung und ohne Smartphones. Diese Intimität vermisst sie heute oft. »Die Musik sollte an allererster Stelle stehen und das ist heutzutage ein bisschen verloren gegangen, weil überall Kameras sind.«
Mit ihrer eigenen Partyreihe »All You Can Feel« möchte sie genau dafür wieder Raum schaffen: einen Ort, an dem Menschen Musik gemeinsam erleben, sich auf den Moment einlassen und für ein paar Stunden Teil einer Gemeinschaft werden – verbunden nicht durch Bildschirme, sondern durch das, was auf der Tanzfläche entsteht.
Und während an diesem Abend vor dem Club die Schlange weiter wächst, bereitet ChewChew noch in aller Ruhe ihr Set vor. Und das wird vor Energie sprühen. Das weiß jeder, der mal ein Set von ihr live erlebt hat.