Music Kolumne | verfasst 08.03.2013
Records Revisited
Gil Scott-Heron's Small Talk At 125th And Lenox, 1970
Als Gil Scott-Heron im Sommer 1970 auf Drängen des Produzenten Bob Thiele ein kleines New Yorker Studio betrat, war er Autor. Wenige Stunden später verließ er das Studio als Musiker.
Text John Luas
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Als Gil Scott-Heron im Sommer 1970 auf Drängen des Produzenten Bob Thiele ein kleines New Yorker Studio betrat, war er Autor. Sein Roman »The Vulture« war von der Kritik positiv aufgenommen worden und seine außerordentliche poetische Begabung hatte nicht nur zur frühen Veröffentlichung seiner Gedichte, sondern auch zu einem Stipendium an der renommierten Fielston School (als einer von fünf schwarzen Schülern) geführt. Bob Thiele, der sich zuvor mit der Produktion zahlreicher Jazz-Klassiker von Louis Armstrong bis John Coltrane einen Namen gemacht hatte, überzeugte also diesen außerordentlichen Poeten zur Aufnahme einer Platte für sein Spoken-Word Label The Flying Dutchman vor Publikum und nur wenige Stunden später würde dieser eben jenes Studio als Musiker verlassen. Was »Small Talk at 125th And Lennox« zu einer Platte von geradezu kulturarchäologischem Wert macht, ist, dass sie einen dieser raren Transitionsmomente der Popkultur aufzeichnet, die oft verschütt liegen. »This is called ›The Vulture‹ and a lot of people think it’s a poem and after they hear me sing it sure is a poem«, sagt Gil Scott-Heron zu Beginn von »The Vulture« zum Publikum. Das Album ist ein Bindeglied. Ein Bindeglied zwischen Jazz Poetry und Rap und zugleich das musikalische und poetische Bindeglied zwischen der Erstarrung nach den Enttäuschungen des Civil Rights Movement und einer zwar zunächst pessimistischen aber dennoch nach vorne blickenden, dynamischen Post-Civil-Rights-Ära der afroamerikanischen Musik und Poesie. Eine ihrer Bewegungen würde wenige Jahre später Hip Hop heißen.

Während die Beatles zur selben Zeit in der Abbey Road in London erprobten, was Popmusik musikalisch zukünftig bedeuten sollte, entwickelt sich mit den frühen Anfängen des Hip Hop in New York City eine Musik, die zunächst textlich Popmusik erprobt. »The Revolution Will Not Be Televised« gibt – sowohl stilistisch als auch inhaltlich – mit seinen überbordenden Referenzen von Timothy Leary bis Green Acres vor, was später zwangsläufig zu Pop gehören wird: (Selbst-)referenzialität, Imitation, Wortspiel (eine von den Last Poets kultivierte spirituelle Vorform des Raps nennt sich übrigens spiel) »Plastic Pattern People« beschreibt diesen stilistischen Übergang so: »Up and down a silly ladder run the notes / without the words / Words are important for the mind / but the notes are for the soul / Miles Davis, So what? / Cannonball, Fiddler, Mercy / Dexter Gordon, One Flight Up / Donald Byrd, playing Cristo / but what about words?« »…and we do what we do and how we do because of you.« (Chuck D) »Evolution (And Flashback)« und »Comment #1« (das bei Kanye West 40 Jahre später wieder auftaucht) setzen den politischen Impetus. Martin is dead, Malcom is dead, jetzt kommen wir. Etwa so. Dem politischen Pessimisus der Zeit wird mit Ironie und Humor begegnet und ein neues afroamerikanisches Selbstbewusstsein formuliert, das auch immer ein Post-Malcom-X-Bewusstsein ist: »In 1600 I was a darkie / And until 1865 a slave / In 1900 I was a nigger / Or at least that was my name / In 1960 I was a negro / And then Malcom came along / Yes, but some nigger shot Malcom down / Though the bitter truth lives on / Well now I am a black man / And though I still go second class / Where as once I wanted the white man’s love / Now he can kiss my ass«

Die Ansagen, die wir später im Hip Hop wieder erkennen werden, münden auf »Small Talk« auch in einem die Homophobie des Hip Hop vorwegnehmenden Track wie »The Subject Was Faggots«. Es bleibt fraglich, ob es sich hier noch um zeitkritische Ironie handelt oder ob dies die Momente sind, da die Ironie in Zynismus umschlägt und sich eine selbst erlebte Diffamierung ein diffamierendes Ventil an einer anderen Minderheit sucht. Fest steht, dass Gil Scott-Heron in diesen Tagen des Sommers 1970 zusammen mit The Last Poets, von denen nicht nur das Aufnahmekonzept Poet-Percussion-Producer geliehen ist, den Nährboden für Rap bildet. Dem lyrischen Zitieren folgt erst später das musikalische. Hier hören wir zunächst sezierte Worte, die nur durch die Percussions in einen Raum eingebettet werden, sonst geradezu nackt uns anspringen. Als »The Revolution Will Not Be Televised« ein Jahr später als erste Single aufgenommen wird, hat sich der Track bereits im Pop aufgelöst, ist Scott-Heron bereits in der Musik angekommen. Vielleicht lässt sich der Übergang, der in diesem Jahr stattfindet, auch an der Chartplatzierung des im selben Jahr erschienenen Debüts der Last Poets ablesen: Black Albums #3, Jazz Albums #11, Pop Albums #29. Gil Scott-Heron hat sich in seinem späteren Leben stets im Blues und Jazz verordnet und stand der Vereinnahmung als »Godfather of Rap« und »Black Bob Dylan« immer kritisch gegenüber. Dennoch hat er alle Generationen des Hip Hop maßgeblich beeinflusst. Oder wie Public Enemy’s Chuck D es nach Gil Scott-Heron’s Tod im Jahr 2011 ausdrückte: »…and we do what we do and how we do because of you.«

Bisher in dieser Reihe erschienen:
Ornette Coleman’s The Shape Of Jazz To Come, 1959

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