Als Fan hat man es ja alles schon gehört und gelesen über dieses legendäre Album: Revolver als Symbol für den endgültigen Aufstieg der Beatles zu hochseriösen Studiokünstlern, innovative Aufnahmespielereien und Drogen und existenzielle Philosophie und noch mehr Drogen und Avantgardismus und… ach, ich langweile mich selbst. Der Stellenwert (enorm!) des Album ist bestens dokumentiert. Aber was macht Revolver so gut?
Kurz: Die Beatles finden ihre eigene Großartigkeit hier völlig selbstverständlich.

Revolver
»Let me tell you how it will be«, sind die ersten Worte des Albums. Diese Aussage führt dann zu einem halbsarkastischen Kommentar auf hohe Grenzsteuersätze – die erste gesellschaftskritische Aussage auf einer Beatles-Platte. Die Zeile lässt sich jedoch auch größer lesen, im Sinne von: Lasst mich euch sagen, was jetzt passieren wird! Die beste Band der Welt macht mal wieder ein Meisterwerk! Ihr wichtigstes bisher! Von dieser Arroganz, also dem offensichtlichen Wissen seitens der Musiker, dass sie gerade Rockgeschichte schreiben, lebt Revolver.
Wenn der unverwechselbare Psychedelic-Pop auf Revolver mit einem Wort umschrieben werden müsste, wäre es: knackig. Eins, zwo, drei, vier, eins, zwo, BÄM!. Schon der Opener »Taxman« überzeugt klanglich mit einem druckvollen, ja, Knacken – in den bissfesten Bassläufen von Paul McCartney, die das Trommelfell auf stimulierende Weise massieren, genauso wie im stechenden Gitarrensolo, das ebenfalls von McCartney eingespielt wurde. Geschrieben/gesungen wurde der Protest-Banger jedoch vom vermeintlich ›stillen‹ Beatle, George Harrison, der auf Revolver mehr Platz bekommt als je zuvor.
Wenn das gedämpfte Horn und McCartneys weiche Vocals sich bei 1:28 Minuten überlappen, kann man sich nichts Schöneres vorstellen.
Es folgt »Eleanor Rigby«, das zu den herrlichsten Aufnahmen im gesamten Beatles-Katalog zählt. Der Song ist ein Topbeispiel für das bittersüße Pop-Balladen-Songwriting, das Paul McCartney auf Revolver perfektioniert hat. Diese berührende Unschuld, dieses tiefmelancholische Hinterfragen eines sonst so lebensbejahenden Sonnyboys: »All the lonely people, where do they all come from?« McCartney verlässt seine muntere Komfortzone, um die Traurigkeit anders gestrickter Menschen zu begreifen. Kaum ein anderer Song der Rockgeschichte hat eine derart perfekt konstruierte Gesangsmelodie; das Streicher-Arrangement von Produzent George Martin sucht seinesgleichen.
Leg die Gedanken ab
Natürlich gibt es auf »Revolver« auch schwungvolle McCartney-Gassenhauer wie »Good Day Sunshine« oder vor allem die ultracoole, von Soul-Labels wie Motown und Stax inspirierte Marihuana-Hymne »Got To Get You Into My Life«. Ich liebe vor allem den Moment, wenn Paul bei 2:05 Minuten zum letzten Mal die Worte »I was alone, I took a ride, I didn’t know what I would find there« singt – mit leicht abgewandelter Gesangsmelodie – und die Holz-/Blechbläser dann noch fetter als zuvor erklingen. Doch es sind vor allem harmonisch komplexe, dennoch extrem zugängliche Pop-Balladen, durch die McCartney hier endgültig zum stärksten Beatle wird: Neben »Eleanor Rigby« sind da vor allem die unbegreiflichen Akkordwechsel in »Here, There And Everywhere«, die Paul auch selbst zu seinen besten Kreationen zählt, und mein persönlicher Lieblingssong des Albums, »For No One«. Wenn das gedämpfte Horn und McCartneys weiche Vocals sich bei 1:28 Minuten überlappen, kann man sich nichts Schöneres vorstellen.
Ups, bin ganz schön weit gekommen, ohne John Lennon zu erwähnen. Dieser scheint eine verhältnismäßig zurückhaltendere Rolle einzunehmen. Sein erster Song der Platte, das mysteriöse Folkrock-Stück »I’m Only Sleeping«, trägt also einen passenden Titel. Mit »She Said She Said« ist er für die besten Lyrics der Platte (»She’s making me feel like I’ve never been born«) und mit »And Your Bird Can Sing« für die spaßigste Rocknummer des Albums verantwortlich. Und dann ist da noch eine der gewaltigsten Produktionen aller Zeiten, der bewusstseinserweiternde Closer »Tomorrow Never Knows«. Auch heute klingt er nach der Zukunft von Popmusik, nach dem Leben und dem Tod und allen Momenten dazwischen. Harrisons Sitar schwebt durch den Hintergrund, Ringo Starr liefert einen hypnotisierenden Drum-Beat, psychedelische Effekte bringen uns zum Sabbern. John Lennon scheint vom Gipfel eines Berges zu uns rüber zu singen: »Turn off your mind, relax and float downstream«. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man da nicht mitmachen will. »It is not dying«. Dieses Album lebt für immer.