Musikalischer Skill – also die Fähigkeiten, die man als Instrumentalist hat, wie man komplexe Tonskalen oder Taktarten beherrscht und diese in beeindruckendem Tempo raushauen kann –, ist nicht unbedingt etwas, das Kritiker zum Bewerten von Musik hinzuziehen. Im Gegenteil: Oft wird so etwas als stilloser Musikstudenten-Kram abgestempelt. Darum findet man die Ramones cooler als Prog-Rock-Bands wie Yes, Keith Richards besser als Eddie Van Halen, Jay-Z aufregender als irgendwelche Doubletime-Angeber.
Deshalb war meine Reaktion auf das kanadische Math-/Experimental-Duo Angine de Poitrine erst mal negativ. »Gute Musiker schreiben gute Songs, da spielt technisches Können keine Rolle«, hörte ich den Skeptiker in mir bereits denken. Und dann hab ich auf Play gedrückt …
Ihr stumpf betiteltes Zweitwerk Vol. II ist ultraspaßig – auch, weil man weiß, wie das live umgesetzt wird: von zwei Witzbolden in lustigen Pappmaché-Kostümen mit übergroßen Nasen, die ihre mikrotonalen Hüpf-Riffs und kleinteiligen Drölf/7,5-Rhythmen mithilfe von Loopstation und einer Double-Neck-Gitarre in eine verrückte Mischung aus Klezmer, Polka und Prog-Rock umwandeln. Doch das Besondere an Angine de Poitrine ist, dass man ihre, sagen wir: Goofiness auch dann raushört, wenn man kein Bild dazu hat.
Der Appeal kommt letztlich daher, dass man hört, wie talentiert die beiden Musiker sind, und man sich an der Tatsache reiben kann, dass sie dieses Talent für solch drollige Musik verwenden. Und: Richtige Songs mit catchy Melodien stecken sehr wohl im Kern des ganzen Zirkus. You have to give credit where credit is due!

Vol. II
