Wann immer von Post-Punk die Rede ist, sind vor allem Bands wie Gang of Four, Joy Division, The Fall oder Public Image Ltd. gemeint. Musik mit scharfkantigen – angefunkt zwar und doch zu trocken, um wirklich zu grooven – Gitarrenriffs und straffen Rhythmussektionen, über die jemand schreisingt. Kaum jemand aber wird an die Band denken, die den eigentlichen Geist von Post-Punk am deutlichsten verkörperte: This Heat.

This Heat
Schon Punk wollte Rock’n’Roll zerstören. Doch reduzierte er ihn letztlich lediglich auf seine Kernelemente: Blues-basierte Akkordfolgen, Verstärker auf elf, absolute Hemmungslosigkeit. Post-Punk übernahm den Do-it-yourself-Spirit von Punk und verband ihn mit rigorosem Experimentalismus, der viele Rock-Klischees hinter sich ließ. In diesem Sinne waren This Heat Post-Punk, bevor überhaupt Punk aufkam: Als sie sich Anfang 1976 gründeten, hatten die Sex Pistols noch nicht in der Lesser Free Trade Hall in Manchester gespielt.
Schlagzeuger Charles Hayward war Mitglied der Canterbury-Prog-Rock-Band Quiet Sun des Roxy-Music-Gitarristen Phil Manzanera, als der Multi-Instrumentalist Charles Bullen als Ersatz für den Bandleader hinzustieß. Nach der Auflösung von Quiet Sun gründeten die beiden mit dem Nicht-Musiker Gareth Williams ein Trio. This Heat mieteten sich im Kühlraum einer Fleischpastetenfabrik in Brixton ein und nahmen dort Musik auf. Ihr erstes Demo überzeugte John Peel, für ihre selbstbetitelte Debüt-LP brauchten sie aber zwei Jahre.
Freie Experimente über Proto-Sampling
This Heat erschien 1979 und damit im selben Jahr wie Unknown Pleasures, Entertainment!, Live at the Witch Trials und Metal Box, wird aber kaum jemals im Zusammenhang mit diesen Alben erwähnt. Das ergibt irgendwie auch Sinn: Die elf Stücke, deren erstes aus 47 Sekunden Stille besteht, wurden aus verschiedenen Studio- und Live-Aufnahmen zusammengestellt, die die drei zu Collagen verarbeiteten. Im Endergebnis ähnelt kaum etwas davon Songs. Selbst die Stücke, die einen Text haben, ergeben herzlich wenig Sinn.
Als alle Rock’n’Roll zerstören wollten, gelang das allein This Heat.
This Heat war, anders formuliert, das radikalste Post-Punk-Album seiner Zeit. Nach dem Opener »Testcard« (einem von zwei Stücken mit diesem Titel) bricht die Band in »Horizontal Hold« aus, ein dröhnendes Ungetüm mit viel Bass, gelegentlichen Dub-Elementen und verstimmten Funk-Gitarren, die The Pop Group wie die Jackson Five klingen lassen. Strukturen? Kaum zu erkennen, stattdessen nur Veränderungen des Intensitätslevels. Dazu: ein Gitarrensolo, das die richtigen Lehren aus »Boredom« von den Buzzcocks gezogen hatte.
Ihrem Motto »All possible processes. All channels open. Twenty-four-hour alert« folgend arbeiten sich This Heat weiter durch »Not Waving«, einer 7½-minütigen Etüde in der Verschmelzung von Musique-concrète-Techniken mit einer Art von Songwriting. Das unheimliche Soundscaping veranschaulicht den dekonstruktivistischen Ansatz des Trios: Sie collagierten und manipulierten Aufnahmen in einer Art von primitivem Proto-Sampling, während sie mit freier Improvisation experimentierten, wie auch »Water« bekräftigt.
Mehr Manifest als Album
Dank seines fieberhaften Drummings, den vergleichsweise konventionellen Gitarrenmelodien und seinem gequälten Sprechgesang erinnert »Twilight Furniture« beinahe an Joy Division oder andere Zeitgenoss:innen, doch stellt schon das nächste Stücke ein erneute Zäsur dar: »24 Track Loop« ist ein visionäres Experiment mit quasi-gesampelten, angedubbten Breakbeats, die von kreischenden Akkorden kontrapunktiert werden – eine Art Bindeglied zwischen Karlheinz Stockhausen, Muslimgauze und Jungle womöglich.
Unerhörte Musik wie diese bewies: Als alle Rock’n’Roll zerstören wollten, gelang das allein This Heat. Die dahinterstehende Attitüde prägte auch das Drone-inspirierte »Diet of Worms«, eine Collage mit dem treffenden Titel »Music Like Escaping Gas«, den free-jazzigen Freakout »Rainforest« sowie den vorausschauenden Industrial-/Neofolk-Hybrid »The Fall of Saigon«. Das zweite »Testcard«-Stück setzt mit repetitivem Feedback einen unbequemen, unmusikalischen Schlusspunkt unter eine unbequeme und nicht immer musikalische Platte.
This Heat wurzelten in genau jener Musikszene, gegen die Punk aufbegehrte. Doch noch bevor Punk überhaupt in Schwung kam, ging diese Band einen Schritt weiter als jene Gruppen, die bereits verkündet hatten, weiter gehen zu wollen als Punk. This Heat kann kaum als Album bezeichnet werden. War es aber war: ein Manifest – ein Versprechen, die Grenzen des Machbaren weiter zu verschieben als alle anderen. Und obwohl sie nicht zu den berühmtesten aller Post-Punk-Platten gehört: Sie ist die ultimative Post-Punk-Platte.