Review

Jürgen Karg

Elektronische Mythen

Bureau B • 2016

Wann ist Musik »aktuell«? Man könnte sagen, dass sie immer dann aktuell ist, wenn man sie zum ersten Mal hört. Das mag, autobiographisch betrachtet, Musik sein, die schon eine Weile zum offiziellen Kanon erhaltenswerter Kulturgüter gehört, einem selbst aber erst spät im Leben über den Weg läuft. Oder es ist Musik, die beim Erscheinen von der überwiegenden Mehrheit der Menschen gar nicht zur Kenntnis genommen wurde. Letzteres trifft allemal auf Jürgen Kargs »Elektronische Mythen« zu, deren Bergung für das digitale Zeitalter etwas auf sich warten ließ. Das Album hatte allerdings auch einen denkbar ungünstigen Start. 1977 auf Volker Kriegels und Wolfgang Dauners Jazzlabel Mood erschienen, muss die erste und bisher einzige Soloplatte von Jürgen Karg wie eine Anomalie gewirkt haben. Der Kontrabassist, der im Wolfang Dauner-Septett – unter anderem neben Eberhard Weber und Mani Neumeier – mitwirkte, hatte sich in den 1970er Jahren eine Reihe modularer EMS-Synthesizer angeschafft und deren Möglichkeiten fünf Jahre lang erforscht. Ergebnis waren seine zwei Suiten »Die versunkene Stadt – Atlantis« und »Vollmond – Selene«. Während erstere ein großes Spektrum von Klangmöglichkeiten bietet, ist das Mondstück reduzierter, flächiger. In beiden Fällen beeindruckt die Konzentration, mit der Karg seine Musik komponiert. Fernab akademischer Kalkuliertheit, zeigt er seinem elektronischen Entwurf keine Scheu, das Eigenleben der Klänge – von klirrend-hell bis düster-mäandernd – in Ruhe auszukosten, ihrem Körper den nötigen Raum zu lassen, ohne ihn um jeden Preis rigiden Konstruktionsprinzipien unterzuordnen. Mit sensationellem Erfolg: Jürgen Kargs »Elektronische Mythen« sind ein übersehener Klassiker, der endlich zu seinem Recht kommt. Und damit völlig aktuell.

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