Music Kolumne | verfasst 13.09.2018
Records Revisited
Talk Talk – Spirit Of Eden (1988)
»Spirit of Eden« erzählt vom Erschöpfungszustand eines Jahrzehnts, von einer Schöpfungslust ohne revolutionäre Inhalte oder Genie dahinter. Vor 30 Jahren erschienen, gilt das Album als Meilenstein der Popmusik. Wieso eigentlich?
Text Kristoffer Cornils
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Mitte der 1980er hatten Talk Talk einen Run und schon kurz darauf keinen Bock mehr. Anstatt sich aber die Vorschüsse durch die Nase zu ziehen, nahmen Bandleader Mark Hollis und Produzent Tim Friese-Greene nach dem kommerziellen Erfolg des dritten Talk Talk-Albums »The Colour of Spring« das unbegrenzte Budget von EMI dankend an, versperrten für ein gutes Jahr die Studiotüren vor den Executives ihrer Plattenfirma und zündeten Räucherkerzen an. Vielleicht also kein Wunder, dass Talk Talk und EMI sich nur wenig später vor Gericht wieder sahen. Ein Vorwurf des Labels: Die vierte LP der Band, »Spirit of Eden«, wäre vom ersten Demo-Tape an kaum mehr als kommerzieller Selbstmord gewesen.

60.000 verkaufte Einheiten bestätigten das zwar, doch sowohl Hollis und Friese-Greene wie auch der Nachwelt war es egal. Mit den sechs Songs schufen Talk Talk eine Blaupause, die bis heute noch tausende Bands mit krakeligen Linien nachzuzeichnen versuchen. Gemeinsam mit Slint und deren »Spiderland«-LP aus dem Jahr 1991 wird »The Spirit of Eden« von 1988 gemeinhin als Startschuss des schwammig umrissenen Post-Rock-Genres genannt. Hier nahm etwas seinen Anfang, heißt es. Dabei war das Album vor allem ein langer Brief zum kurzen Abschied, der zweite von drei Schritten, die Hollis und Konsorten wieder aus dem Rampenlicht heraus führten.

Was im Garten Eden anfängt, muss zwangsläufig mit Stille beginnen – oder zumindest deren Illusion. 1951 stellte der US-amerikanische Komponist John Cage beim Besuch einer Absorberkammer fest, dass es das genau genommen nicht gibt: Stille. Der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen der größte Treppenwitz der Musikgeschichte. »4’33« heißt die Cage-Komposition, die im Folgejahr Premiere feierte und bis heute noch gerne in Diskussionen um Musik und ihre Grenzen herangezogen wird. Denn was ist zu hören, wenn ein beliebig großes Ensemble seinen beliebig großen Instrumentenpark für einen nicht präzise definierten Zeitraum nicht anrührt? Eben: nicht nichts. Das war auch deswegen radikal, weil es dem Komponisten als schöpferische Instanz den Boden unter den Füßen hinwegzog.

Der fingierte Schöpfungsakt ihres Garten Edens dauerte weit länger als die biblischen sieben Tage, das Prinzip aber war mehr oder minder dasselbe. Hollis, Friese-Greene sowie die beiden zu dieser Zeit noch offiziellen Bandmitglieder Lee Harris und Paul Webb setzten bei den exzessiven Aufnahmesessions zu »Spirit of Eden« von anderer Seite an und schickten über Monate hinweg eine Armada von Musikerinnen und Musikern ins Studio, die im abgedunkelten Studio stundenlang nicht nichts spielten. Das entpersonalisierte Chaos bündelten sie gemeinsam mit Tontechniker Phill Brown in der Post-Production und machten daraus ein Bollwerk aus dezenten Dynamiken und distanziertem Pathos, das von niemandem Bestimmten aus zu niemandem Konkreten sprach und zwischen gleißendem Lärm vor allem durch viel vermeintliche Stille auffiel.

Was Talk Talk auf »Spirit of Eden« aus vielen Einzelteilen zusammenbastelten, das bezog sich strukturell nur kaum noch auf die Synth Pop-Kompositionen, die der Band in ihren Anfangszeiten den Ruf eines Duran Duran-Ripoffs einfuhr. Sondern vielmehr aus modalem Jazz, wohltemperierter klassischer Musik, flächigem Ambient und vor allem Krautrock. Nachdem schon der Produzent Conny Plank das Studio zum Instrument erhoben hatte und Kraftwerk gigantischen Mega-Jams zu simplen und doch komplexen Songs eindampften, taten Hollis und Friese-Greene dasselbe – nur eben nicht aus derselben Motivation heraus. Schon mit »The Colour of Spring« konnten sie die schwere Last der Synthesizer hinter sich lassen. Denn auf die hatten sie in ihrer Frühphase nur aus Kostengründen zurückgegriffen. Stattdessen machten sie auf »Spirit of Eden« mit viel mehr Equipment viel weniger Musik. Das war nicht der Startschuss für Post-Rock, sondern stand als eine Art Para-Rock für sich selbst: Eine Form von Musik, die ihrer Zeit nicht voraus und stattdessen lieber von ihr entkoppelt sein wollte.

Der fingierte Schöpfungsakt ihres Garten Edens dauerte weit länger als die biblischen sieben Tage, das Prinzip aber war mehr oder minder dasselbe. Was vorher untrennbar vermischt war, wo Licht und Dunkelheit, Lärm und Stille undifferenzierbar schienen, wurde Ordnung geschaffen. »Oh yeah, the world’s turned upside down«, lauten nicht ohne Grund die ersten Worte auf dem Opener »The Rainbow«. Über 41½ Minuten wird sie wieder auf die Beine gestellt. Und sei’s nur, damit sie besser Reißaus nehmen konnte. Denn »Spirit of Eden« war nie mehr als ein Zwischenschritt in der Evolution Talk Talks, die 1991 nach der Veröffentlichung ihres Albums »The Laughing Stock« ihr Ende fand, wie schon die von James Marsh entworfenen Cover-Artworks andeutet: Talk Talk – Spirit Of EdenVinyl LP+DVD Auf »Spirit of Eden« hängt der Baum der Erkenntnis am Anfang der Evolution noch voller Muscheln, auf »The Laughing Stock« tummeln sich darin Paradiesvögel, bereit zum Abflug.

Wenn »The Colour of Spring« der eigentliche Schöpfungsakt von Talk Talk war, so vollendeten sie über die zwei folgenden Alben lediglich ihr Werk, sahen es an und siehe, es war sehr gut. Die Band verstreute sich, Hollis hing nach einer Solo-LP 1998 die Musik komplett an den Nagel. Keine Interviews, keine Retrospektiven: Talk Talk hatten alles erzählt, was es zu sagen gab. »Es ist fast überflüssig, mir dazu Fragen zu stellen«, sagte Hollis über das Album. »Die Musik spricht für sich selbst.« Talk Talk hatten nach dem großen Run ihre Ruhe gefunden, indem sie sich als Band selbst abschafften. Es konnte endlich still um sie werden.

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