Music Porträt | verfasst 08.12.2020
The Silhouettes Project
Protest aus dem Underground
Kosher und Eerf Evil gründeten das Silhouettes Project, um dem Londoner Untergrund Struktur zu verleihen. Ihr selbstbetiteltes Album entstand in gemeinsamen Sessions der britischen Alternative-Rap-Szene.
Text Till Wilhelm , Fotos SagaUno
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Wer an urbane Musik aus Großbritannien denkt, wird sofort harte Bässe und noch härtere Zeilen im Kopf haben. Grime und Drill dominieren seit langem die Musiklandschaft. Abseits des Mainstreams finden sich eine Reihe von Künstler*innen, die mit Einflüssen aus Hip-Hop, Soul und Jazz ihren ganz eigenen Stil kreieren. Das Silhouettes Project aus London möchte dieser Szene eine Plattform bieten. Kosher und Eerf Evil, die beiden Gründer des Projekts, sind selbst Künstler – und wissen, womit andere zu kämpfen haben. Sie möchten den Alternative Rap aus London nicht nur einem größeren Publikum zugänglich machen, sondern legen außerdem Wert darauf, Strukturen aufzubauen, in denen junge Künstler*innen unterstützt werden und sich frei entfalten können.

»Als ich in South London aufgewachsen bin, gab es keine Netzwerke für Künstler*innen in meinem Subgenre«, erzählt Eerf Evil. Er organisierte daraufhin Sessions in seinem eigenen Schlafzimmer, engagierte sich in der Jugendarbeit und lernte über gemeinsame Freunde Asher kennen, der von ähnlichen Erfahrungen berichtete. Die beiden Rapper teilten eine Vision: Zusammenhalt in ihrer Szene, Vernetzung, kollektive Arbeit. Über Umwege gelangen sie zu Räumlichkeiten im Total Refreshment Center im Londoner Stadtteil Hackney. Dort bauten sie ein Tonstudio, ein Büro sowie einen Raum für Konzerte und andere Events. Ein Whiteboard stellten sie auf, schrieben darauf über 100 Namen von befreundeten Produzent*innen, Rapper*innen, Sänger*innen. »Wir wollten ein Album erschaffen, dass den Sound des Londoner Undergrounds widerspiegelt«, erklärt Jaden, wie Eerf Evil eigentlich heißt.

»Was wir machen, ist Protest.« (Kosher und Eerf Evil) Nach unzähligen Sessions erscheint dieses Album nun am 27. November diesen Jahres auf dem Kölner Label Melting Pot Music, welches schon seit geraumer Zeit im Londoner Untergrund stark vernetzt ist. Das Release, das vorab als eine Reihe von Singles veröffentlicht wird, fällt in eine chaotische Zeit: Die weltweite Pandemie und die darauffolgenden Kontaktbeschränkungen brachten auch in Großbritannien das kulturelle Leben zum Stillstand. Seit März konnten in den Räumlichkeiten des Silhouettes Project keine Konzerte mehr stattfinden. Das fehlt – auch, weil bei den Events ganz unterschiedliche Menschen aus einer sich wandelnden Nachbarschaft zusammenkamen.

Kosher, dessen Vorname Asher lautet, erzählt, dass er in der Gegend die Folgen der Gentrifizierung mit eigenen Augen habe sehen können. »Im Zuge der ›Hipster Revolution‹ eröffneten viele Bars und Clubs, dadurch entstand auch Raum für unabhängige Artists«, sagt er. Doch wie überall zogen das Nachtleben ein wohlhabendes Publikum an, das ärmere Familien aus der Nachbarschaft verdrängte. »Heute beschweren sich die neuen Einwohner*innen über den Lärmpegel des Nachtlebens – it’s mad!«

Gerade deswegen legen die Gründer des Silhouettes Project Wert darauf, alte und neue Communities gleichsam einzubinden. Eerf Evil sagt: »Ohne diesen Ort verlieren wir unsere Chance darauf, unser Handwerk zu meistern«_. Nur wenn sich die Szene vernetzt und kollaboriert, könne der Londoner Untergrund Strukturen aufbauen, durch die er sein Publikum weltweit erreicht. Gerade deshalb ist der physische Raum in Hackney ebenso wichtig wie die globalisierte Musikindustrie, in der man sich als Künstler*in bewegt. Various Artists – The Silhouettes Projectdescription">**Webshop ► Vinyl LP** Hier tritt das Ego in den Hintergrund, während das Kollektiv durch den Austausch von Perspektiven und die Professionalisierung musikalischer Prozesse wächst.

Der Kampf um Anerkennung wird dabei auch gegen die eigene Regierung geführt. In einer großen Kampagne forderte das britische Finanzministerium die Kreativbranche dazu auf, über neue Jobs nachzudenken – etwa in Technik-Unternehmen. Der öffentliche Aufschrei war groß, Künstler*innen fühlten sich alleine gelassen, die öffentliche Wertschätzung fehlte. Das bekräftigen auch Asher und Jaden vom Silhouettes Project: »Was wir hier machen, ist Protest. Schon alleine, dass wir uns hundertprozentig auf die Musik konzentrieren, ist der Regierung ein Dorn im Auge.«


Die Schallplatten von The Silhouettes Project findest du im Webshop von HHV Records

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