2015 – das war ein lautes Jahr. Viel ist passiert und noch mehr wurde gesagt. In den sozialen Netzwerken war zu beobachten: Die Freude an der eigenen Meinung ist wieder gewachsen. Natürlich erwachsen aus geweckter Diskurs-Freude auch üble Auswüchse.
Facebook-Nutzer schrieben Hanebüchenes zu den Reizthemen des Jahres. Andere Facebook-Nutzer stellten das, was ihre Facebook-Freunde an Hanebüchenem geschrieben hatten an den Pranger und kündigten die Freundschaft – im Falle, dass es mal eine war. Zwischen dem einen Menschen und dem anderen: ein Graben. Wir starrten in diese Kluft, die beide Seiten vor allem anfüllten mit: Vorwürfen, Anschuldigungen, Halbwahrheiten, Argumenten.
Wenn dieses Jahr an einer Sache besonders mangelte, dann war es stilles Einverständnis. Unausgesprochene Empathie und friedliches Miteinander. Vielleicht ist das der Grund, warum es einige Alben in unsere Top 50 geschafft haben, die vor allem eines sind: ohne Worte.
Dagegen fanden andere Künstler wiederum so großartige, dass sie genau deshalb hier genannt sind. Worte, die nicht ausgrenzen; Worte, die danach ringen, die anderen zu verstehen, eine weiterhin komplexer werdende Welt zu verstehen und erkennen: Erstmal muss ich mich dafür selbst verstehen.
Hier sind also die unserer Meinung nach besten Alben des vergangenen Jahres. Sollte euch das eine oder andere fehlen, sagt es uns gerne. Aber bitte leise. Und lasst uns ein wenig Verständnis haben.
Ein Trigger-Wörtchen wie »Verlangen« impliziert viel Dreck in Form von Körperflüssigkeiten und lässt weniger an sterile Versuche denken. Dem Dänen [Assembler](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/4262/assembler) aber gelingt mit [»Quantum Paths Of Desire«](https://www.hhv-mag.com/de/review/7839/assembler-quantum-paths-of-desire) die bestmögliche Synthese aus durchkalkuliertem Sounddesign und unterschwelliger Gefühlsbrodelei. Wie nebenbei schafft er sich auch musikalisch eine eigene Nische, die die Dinglichkeit von EBM und Synth-Pop mit der ästhetischen Dringlichkeit von Raster-Noton dermaßen fruchtbar ineinander fließen lässt wie das Verlangen nach Genitalsäfte. Kristoffer Cornils















Während Future sich zuvor noch an Selbstaffirmation durch unverbindlichen Ge-Vau und MDMA-Naivität versuchte um in den »Beast Mode« zu kommen, inszeniert »56 Nights« einen halbstündigen, schonungslosen Comedown, in dem er seine eigene Jämmerlichkeit und den unkontrollierten Gang zum Medikamenten-Schrank offenlegt. Wem The Weekends Depressionen stets zu konstruiert erschienen, bekommt hier die richtige Dosis Selbsthass, der jederzeit in materialistische Megalomanie und weggenuschelten Nihilismus umschwenken kann und genau deswegen noch stärker war als das ebenfalls großartige, aber zerfahrenere »Dirty Sprite 2«. Florian Aigner

















Ami-Rap-Klischees in den eigenen Lyrics ad absurdum zu führen, ist längst nicht mehr innovativ. Nichts Neues also bei LGoony. Falsch: Denn bei ihm ist es mehr als das. Der junge Kölner erträumt sich aus seinem Schlafzimmer heraus sein Goonyverse nicht nur aus Migos-Flows und gestohlenen Adlibs, sondern erzeugt mit lyrischer Schärfe Farben und Bilder, ein atmosphärisch dichtes Gesamtwerk. Philipp Kunze








Rafael Anton Irisarri »Fragile Geography« ist wie die Gezeiten: Auf unerklärliche Weise erscheint es einfach still, wirkt im Dunkeln und dabei mit einer Macht, die Ozeane versetzen kann. Man erstarrt vor der Erhabenheit dieses Albums. Ein trauriger Gigant, ein melancholischer Riese. Gleichzeitig voller Schönheit und Zerstörungskraft. Das intensivste Ambient-Album des Jahres. Philipp Kunze





