Records Revisited: Nick Drake – Pink Moon (1972)

25.02.2022
»Pink Moon«, das 1972 veröffentlichte letzte Studioalbum von Nick Drake, gilt als Meisterwerk des Indie-Folk. Lange Zeit wurde es als Musik eines an Depression erkrankten Menschen verstanden. Vielleicht muss diese Lesart überdacht werden.

Nick Drake ist kein Interpret, der sich ohne Weiteres in die Popgrößen der siebziger Jahre einreiht. Man findet keinen herrlichen Pathos wie bei Elton John oder eine Chamäleon-artige Wandelbarkeit à la David Bowie. Ein großes Publikum hatte der Brite zu Lebzeiten ohnehin nicht; seine drei Alben erhielten zwar positive Rezensionen seitens der Musikpresse, verkauft haben sie sich allerdings nicht. Erst durch die Verwendung seiner Lieder in Indie-Filmen wie »Garden State« oder in der Nutzung eines VW-Werbefilms in den Neunzigern stieg Drake posthum zu einem Kultklassik des Indie-Folks auf. In Erinnerung bleibt die Person Nick Drake als äußerst scheu, fast schemenhaft. Er verweigerte sich dem Zirkus der Popwelt, gab keine Interviews und begab sich nur selten auf die Bühne für einen Live-Auftritt. Seine schüchterne Persönlichkeit findet sich auch in vielen Erzählungen wieder: ein Mitarbeiter von Island Records, seinem Label, erinnert sich daran, wie Drake an einem Nachmittag wie zufällig ins Büro hineinschneite, zwar noch auf eine Tasse Tee blieb, jedoch beim Gehen still und heimlich bei der Sekretärin eine Tüte mit den Tapes zu »Pink Moon« hinterlegte. Diese Zurückgezogenheit wird nicht nur seiner zaghaften Art, sondern auch seinem andauernden Kampf mit Depressionen zugeordnet. Keine drei Jahre nach der Veröffentlichung von »Pink Moon« 1972 stirbt Nick Drake an einer Überdosis Antidepressiva.

Besonders Pink Moon« wird im Nachhinein durch dessen sparsame Instrumentalisierung, kurze Laufzeit von nur 28 Minuten und tiefgründige Texte Drakes Depression zugesprochen. Schnell könnte man seine Depression als das sein Werk bezeichnendes Merkmal sehen und ihn selbst als einen an sich selbst zu Grunde gegangenen Künstler. Dem entgegen betont Nick Drakes Nachlassverwalter, er sei während des Schreibens und der Aufnahme des Albums in guter Laune und sehr stolz auf das Endergebnis gewesen. Während besonders depressiven Phasen habe er gar nicht die Kapazität für Kreativität gehabt. Dafür spricht, dass seine Texte zwar an Stellen von tiefgreifender Negativität geprägt sind und sich durch das Album ein Gefühl der Isolation gegenüber seinen Mitmenschen zieht, er aber mit Neugier und Aufmerksamkeit seiner Umwelt entgegentritt. Besonders die Natur scheint für Drake ein Ort der Zuflucht, lyrisch als auch real, gewesen zu sein. Seine Texte sind geprägt von Erzählungen eines mystischen Mondes, des Kommen und Gehens der Tage und Bildern grüner Landschaften. Drakes Metaphern sind verschlungen in Introspektiven, an Stellen so kryptisch, dass man den Inhalt nur erahnen kann. An anderen Stellen kommen immer gleiche Motive auf, wie in »Which Will« der Schmerz einer einseitigen Liebe und in »Place To Be« und »Parasite« das Gefühl, den Platz im Leben noch nicht recht gefunden zu haben. In allem klingt oft ein Fragezeichen nach: Wo will ich hin? Wo fühle ich mich wohl?

Dieser Eindruck, »Pink Moon« sei von einer Fülle an Impressionen anstelle depressiver Apathie geprägt, entsteht nicht zuletzt aus der musikalischen Ästhetik. Drakes überaus sanfte und unschuldig klingende Stimme ist mit einem dezenten Arrangement, bestehend meist nur aus akustischer Gitarre, gepaart. Es entsteht das Gefühl einer Sensibilität, die weniger Verdruss als Neugier transportiert. Es ist das Zusammenspiel aus Drakes Spiel mit Sprache, seiner Aufmerksamkeit der Natur gegenüber und seiner sanften Ästhetik, das zum Schluss kommen lässt, »Pink Moon« sollte nicht zur Romantisierung tragischer Krankheitsbilder dienen, sondern als das erstaunliche Werk eines Künstlers gesehen werden, der trotz seiner psychischen Erkrankung Großes leistete. Und so schließt sein letztes Album auch mit »From the Morning«, einem Track mit besonders starkem Hoffnungsschimmer: »So look see the days, the endless coloured ways, go play the game that you learned, from the morning.«

Nick Drake
Pink Moon
Universal • 1972 • ab 23.99€